Bewohnerin gesteht Brandstiftung im Hochhaus
WDR. 00:44 Min.. Verfügbar bis 16.06.2028.
Urteil nach Hochhaus-Feuer in Lippstadt : "Ich wollte niemanden umbringen"
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Der Einsatzleiter der Feuerwehr schildert vor dem Richter dramatische Szenen. Als er als Erster am Hochhaus eintrifft, sieht er starken Rauch und hoch oben auch lodernde Flammen. Gleichzeitig bekommt er die Meldung von der Leitstelle: "Da wohnen 110 Menschen". Einige stehen auf Balkonen und Dächern, schreien verzweifelt um Hilfe. Verantwortlich für das Feuer ist eine 47-jährige Frau: Sie bestätigt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, gibt zu, das gefährliche Feuer gelegt zu haben.
Nach einer Hirnhautentzündung als 15-Jährige ist die Angeklagte fast blind und im Rollstuhl. Als Kind geschlagen, vermutlich auch sexuell missbraucht, früh drogenabhängig - was in der knapp dreistündigen Verhandlung ans Tageslicht kommt, fasst ein dramatisches Leben zusammen.
Ihre Kinder sind ihr vom Jugendamt weggenommen worden, das Leben habe aus Drogen-Druck und Langeweile bestanden. "Das alles ist keine Entschuldigung, aber vielleicht der Teil einer Erklärung", sagt ihr Anwalt Stephan Bergholz.
Dass die Angeklagte das Feuer gelegt hat, ist für alle im Saal des Amtsgerichtes Lippstadt klar.
Ich wollte keinen anderen damit reinziehen. Ich wollte mich umbringen Angeklagte
"Ich wollte mich umbringen: Ersticken, nicht verbrennen"
Zunächst habe sie im Schlafzimmer einen Kleiderständer angezündet, wenig später dann das Bett. Sie habe sich in die Ecke des Raumes geklauert, wollte sterben. "Ersticken, nicht verbrennen" sei ihr Plan gewesen. Als die Flammen dann immer größer und lauter wurden, habe sie es mit der Angst zu tun bekommen.
27 Menschen mussten bei dem Brand im Februar aus dem Hochhaus in Lippstadt gerettet werden
Auch um die Mitbewohner des großen Hochhauses zu warnen, sei sie mit letzter Kraft zum Flur gerobbt, habe um Hilfe gerufen. Danach muß sie bewusstlos zusammengebrochen sein. Thomas Lübbers ist als erster Feuerwehrmann vor Ort. Er kämpft sich ohne Atemschutz durch das verrauchte Treppenhaus, findet eine Person bewusstlos.
"Das war lebensbedrohlich für alle Beteiligten"
Er kann sie aus dem Gefahrenbereich bringen, sucht dann weiter nach Verletzten. "Das war lebensbedrohlich für alle Beteiligten", schildert er vor Gericht. Durch den gut organisierten Rettungseinsatz der Feuerwehr werden 27 Menschen über Drehleitern oder mit rauchfesten Fluchthauben gerettet, 13 erleiden eine Rauchgasvergiftung, acht kommen in Krankenhäuser.
Auch Richter Georg Hein macht mehrfach deutlich, wie knapp Lippstadt einer Katastrophe entgangen ist.
Dass da nicht mehr passiert ist ist ein unheimlicher Zufall - und auch dem strukturierten Vorgehen der Feuerwehr zu verdanken Georg Hein, Richter am Amtsgericht Lippstadt
Von einem Gutachter hat er zuvor erfahren, dass die Angeklagte nur eingeschränkt schuldfähig ist. Bei ihr wird Borderline diagnostiziert und auch eine zumindest zeitweise schwere Depression.
Zweieinhalb Jahre Haft- und ein Nicken der Angeklagten
Die Frau aus Lippstadt entschuldigt sich am Ende des Prozesses, beteuert, dass sie nie "andere Menschen mit ihren Problemen konfrontieren" wollte. Das Urteil, zweieinhalb Jahre, nimmt sie kopfnickend zur Kenntnis. Richter und Staatsanwalt sind damit am unteren Ende des Strafmaßes geblieben.
Richter Hein wünscht der Frau, dass sie in und nach der Haft Hilfe bekomme. Ein Leben in einer betreuten Wohngruppe könnte für sie eine Lösung sein. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Quellen:
- Reporter im Gericht
- Einsatzleiter Thomas Lübbers
- Verteidiger Stephan Bergholz
Sendung: WDR 2 Südwestfalen, Lokalzeit, 16.06.2026, 15.31 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit SWF, 16.06.2026, 18:09 Uhr
