"Darauf habe ich zwei Jahre gewartet!" Klara Winterhoff aus Köln kämpft mit den Tränen, als sie an der Uniklinik Bonn die erste Dosis des neuen Alzheimer-Medikaments "Lecanemab" verabreicht bekommt. Die 67-Jährige hat Alzheimer im Frühstadium, die Hoffnung ist groß, dass ihr das Medikament helfen kann.
Wie es Klara Winterhoff weiter ergeht und wie sie den Kampf gegen die Krankheit angeht, sieht man in der WDR-Doku "Hirschhausen und das große Vergessen", die ab Montag im Ersten zu sehen ist und seit einigen Tagen bereits in der ARD-Mediathek. Der Mediziner Eckart von Hirschhausen macht sich in der Dokumentation auf Spurensuche und lässt sogar sein eigenes Gehirn untersuchen:
"Jeder von uns hat früher oder später mit Demenz zu tun und Angst, selbst einmal zu erkranken. Deshalb zeige ich, wie es in meinem Kopf aktuell aussieht." Eckart von Hirschhausen
Über 1,8 Millionen Menschen leiden derzeit in Deutschland an Demenzerkrankungen, von denen Alzheimer die häufigste ist. Und die Tendenz ist steigend. Der Großteil der Betroffenen ist über 80 Jahre alt, und da unsere Gesellschaft immer älter wird, wird auch die Zahl der Demenzerkrankten zunehmen. Dazu kommt, dass Demenz nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen beschäftigt.
Demenz und die Sorge: Droht mir das auch, wenn ich älter werde?
Und die Krankheit ist auch bei Jüngeren ein großes Thema. Das ist der Opa, der gepflegt werden muss. Die Mutter, die etwas tüdelig wird und um die man sich Sorgen macht. Und dazu beschäftigt einen natürlich immer wieder die Frage: Droht mir das auch, wenn ich älter werde?
Klara Winterhoff kann hoffen, dass ihr "Lecanemab" hilft. Auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte sind erwartungsvoll. Denn "Lecanemab" ist das erste Medikament seiner Art, das nicht die Symptome, sondern direkt die Ursache der Krankheit bekämpft: Es beeinflusst die Erkrankungsprozesse im Gehirn und entfernt die schädlichen Eiweißklumpen, die Nerven im Gehirn schädigen und blockieren.
Ein Allheilmittel ist das aber nicht. Das Medikament, das nur in einem bestimmten, frühen Status der Krankheit eingesetzt wird, wurde gerade erst in Europa zugelassen, die Behandlung ist an ein bestimmtes Programm gebunden.
Fast die Hälfte der Demenzerkrankungen sind verhinderbar
Es scheint also sinnvoller, etwas gegen die Krankheit zu unternehmen, bevor sie ausbricht. Von Hirschhausen stellt sich in der Dokumentation die Frage, was wir als Einzelne und als Gesellschaft für unsere Hirngesundheit tun können: "Fast die Hälfte der Demenzerkrankungen sind verhinderbar - warum tun wir das nicht?"
Die Demenzforschung hat 14 Risikofaktoren identifiziert, die die Entstehung der Krankheit begünstigen. Diese belasten die Gefäße oder den Stoffwechsel, fördern Entzündungen oder Ablagerungen im Hirn und schwächen die Widerstandskraft des Gehirns gegenüber Schäden. Wer also aktiv und schon in jungen Jahren etwas tun will, um einer möglichen Demenzerkrankung vorzubeugen, sollte folgende Tipps beherzigen:
Auf die Ernährung achten
Ein hoher Cholesterinspiegel, Diabetes Typ 2, starkes Übergewicht sowie Bluthochdruck erhöhen erwiesenermaßen das Demenzrisiko. Alle vier Faktoren kann man mit der Ernährung beeinflussen: wenig Zucker, wenig Fett, wenig Fleisch, viele Ballaststoffe. Hier hat sich die Mittelmeerküche bewährt, in der viel mit Olivenöl gekocht wird und die einen hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse hat. Rotes Fleisch und stark verarbeitete Produkte sind dort kaum zu finden, stattdessen gibt es viele frische Kräuter und ab und zu Fisch und Meeresfrüchte.
Genussmittel einschränken
Dass Rauchen schädlich ist, dürfte allgemein bekannt sein. Es löst nicht nur Herz-, Kreislauf- und Lungenkrankheiten aus, sondern hat auch negative Auswirkungen auf Gefäße und Gehirn und kann so für Demenzerkrankungen sorgen. Auch wenn man schon älter ist und seit Jahren raucht: Wer Nichtraucher wird, hat nach ein paar Jahren kein höheres Demenzrisiko als Menschen, die nie geraucht haben. Auch übermäßiger Alkoholkonsum ist ein Faktor, der Demenz begünstigt. Wobei die Definition für "Übermaß" der Wissenschaft zufolge recht streng ist: Schon mehr als drei Liter Bier oder zwei Liter Wein in der Woche reduzieren die Gehirnmasse und erhöhen das Krankheitsrisiko.
Aktiv und offen sein
Es ist erwiesen, dass Bewegungsmangel zu Demenz führen kann: Das Hirn ist schlechter durchblutet, Nervenzellen werden angegriffen, der geistige Abbau schreitet voran. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt daher mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Bewegung pro Woche. Am besten geschieht das nicht alleine, sondern mit anderen zusammen. Denn auch soziale Isolation und Einsamkeit erhöhen das Demenzrisiko. Das Gehirn will angeregt werden: Gespräche, Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten halten es fit und leistungsstark. Wenn man sich aus dem Sozialleben zurückzieht, dauernd niedergeschlagen ist und sich nicht mehr genügend um sich selbst kümmert, kann eine Depression die Ursache sein. Auch Depressionen erhöhen vor allem im mittleren und höheren Alter das Demenzrisiko. Wer daran leidet, sollte etwas unternehmen - mit Medikamenten, Psychotherapie oder der Kombination aus beidem.
Brille und Hörgerät tragen
Wer schlecht hört, gibt seinem Gehirn weniger Reize zur Verarbeitung, zudem muss es mehr Energie aufbringen, um Gesprochenes zu verstehen. Zudem steigt bei eingeschränkter Hörfähigkeit die Gefahr von sozialem Rückzug und Einsamkeit. Wer sich frühzeitig für ein Hörgerät entscheidet, unterstützt also nicht nur sein Gehör, sondern schützt auch sein Gehirn. Und nicht nur gutes Hören, auch gutes Sehen ist wichtig. Nachlassendes Sehvermögen führt oft dazu, dass man sich sozial zurückzieht und eher zu Hause bleibt. Zudem gehen dem Hirn wichtige Reize verloren, es verliert an Leistung. Wer dieses Demenzrisiko senken will, sollte also rechtzeitig zum Augenarzt gehen, eine Brille tragen oder sich operieren lassen. Viele Sehprobleme sind inzwischen gut behandelbar.
Kopfverletzungen schon von klein auf vermeiden
Schwere und wiederholte Kopfverletzungen erhöhen ebenfalls das Risiko für Demenzerkrankungen. Besonders riskant ist es, wenn diese Verletzungen in jungen Jahren auftreten und häufiger passieren - etwa bei Sportarten wie Boxen, Karate oder Eishockey. Auch bei Kopfballduellen im Fußball kann es zu Gehirnerschütterungen kommen, die Entzündungen auslösen und die Ablagerung der gefährlichen Eiweißklumpen fördern. Kinder und Jugendlichen sollten sich deshalb besonders schützen und harte, wiederholte Kopfbelastungen nach Möglichkeit vermeiden.
Auf zwei weitere Risikofaktoren hat man als Individuum nur begrenzt Einfluss, diese sind eher ein politisches beziehungsweise gesellschaftliches Problem: Denn auch geringe Bildung kann Demenz begünstigen. Gerade in jungen Jahren schützt geistige Anregung das Gehirn, indem sogenannte "kognitive Reserven" aufgebaut werden, die die Widerstandskraft des Hirns stärken. Auch im Erwachsenenalter ist es hilfreich, wenn man Neues lernt und seinen Geist herausfordert. Besonders wirksam ist geistige Anregung im Alltag und Beruf: viel Lesen und Spielen, Musik hören oder machen, ein neues Hobby ausprobieren oder eine Fremdsprache lernen. Das schützt das Gehirn besser als punktuelle Trainingsmethoden wie das oft empfohlene "Gehirnjogging" oder Kreuzworträtsel lösen.
Auch die Luftverschmutzung ist ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor für Demenz. Denn alles, was wir einatmen, kann in den Körper und sogar in das Gehirn gelangen und dort Entzündungen und Zellschäden auslösen. Vor allem Feinstaub und Mikroplastikpartikel sind ein Problem für das Gehirn, das vielen nicht bewusst ist. Laut Hirschhausen wurden bei Menschen, die an Demenz verstorben sind, bis zu 7 Gramm Mikroplastik im Gehirn gefunden.
Unsere Quellen:
- WDR-Dokumentation "Hirschhausen und das große Vergessen"
- Nachrichtenagenturen dpa, AP
- Weltgesundheitsorganisation
- Statistisches Bundesamt
- Spektrum der Wissenschaft
- Initiative "Alzheimer Forschung"