Merz hatte zum Anfang der Woche auf eine umfassende Rentenreform im Sommer verwiesen und gesagt, dass die gesetzliche Rentenversicherung allein allenfalls noch "die Basisabsicherung für das Alter" sein werde. Sie werde nicht mehr ausreichen, auf Dauer den Lebensstandard zu sichern. Kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersversorgung müssten in weit größerem Umfang als bisher hinzukommen, so der Kanzler.
Diese Aussage hat für mächtig Wirbel gesorgt. Auch aus den eigenen Reihen kam Gegenwind. Der Chef des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, forderte Merz auf, die Bürger in den Debatten um die anstehenden Sozialreformen nicht weiter zu verunsichern.
"Wir müssen aufhören, den Menschen Angst zu machen." Dennis Radtke, der Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA)
Auch von den Gewerkschaften kam Kritik. Die Chefin der IG Metall, Christiane Benner, hat der Regierung sogar mit Streiks gedroht. Wenn die Regierung die gesetzliche Rente kürze, "dann brennt die Hütte", sagte Benner.
Kanzleramtschef Thorsten Frei hat Merz dagegen verteidigt. Dieser habe lediglich auf etwas hingewiesen, wozu sich die Rente in den vergangenen Jahren immer stärker entwickelt habe. "Wenn die Lücke groß wird, dann ist es eben so, dass wir betriebliche und private Elemente stärken müssen", so der CDU-Politiker bei n-tv.
Dass viele Menschen im Alter nicht genug Geld zur Verfügung haben, zeigen auch aktuelle Zahlen des Statistischen Landesamts. Im vergangenen Jahr haben demnach in Nordrhein-Westfalen drei Prozent mehr Menschen Grundsicherung im Alter erhalten. Insgesamt waren es mehr als 200.000.
Gründe genug also, mit Dani Parthum über die Zukunft zur Rente zu sprechen. Sie ist Ökonomin, Finanzcoach und Buch-Autorin. Parthum schaut in ihrer Arbeit insbesondere darauf, wie Frauen ihre Finanzen regeln und sich eine sichere Rente aufbauen können.
Streit um die Rente
Frau Parthum, hat Merz eigentlich recht? Also: Die Basisrente kommt vom Staat, den Rest müssen wir unter anderem selbst am Aktienmarkt verdienen. Ist das die Zukunft in Sachen Rente?
Dani Parthum: Also ich musste nicken, als er das gesagt hat. Es wurde ihm vielleicht ein bisschen falsch ausgelegt. Aber ja, das ist die Zukunft und ehrlich gesagt, war es das auch schon immer. Denn die Rente ist ja gestartet damals als Invalidenrente und in den Wirtschaftswunderjahren lag das Rentenniveau dann bei etwa 70 bis 75 Prozent. Heute liegen wir bei 48. Das ist nicht mehr als eine Basisabsicherung.
Das hat sich also über die Jahre verändert, aber es wurde eben nicht großartig in der Bevölkerung kommuniziert und deswegen haben wir jetzt diese Verschiebung hin zu: Ja, es ist nur noch eine Basisabsicherung und wir müssen uns selber kümmern. Das sind leider die Fakten.
SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas hat im Prinzip direkt wieder kassiert, was Merz gesagt hatte. Wäre denn die staatliche Rente, wie wir sie kennen, noch irgendwie zu retten?
Parthum: Ja, das ist sie auf jeden Fall. Wir müssen aber die richtigen politischen Entscheidungen treffen. In der gesetzlichen Rente sind ja sehr viele Bestandteile, die politisch entschieden wurden. Und versicherungsfremde Leistungen wie zum Beispiel die Mütterrente werden ja von der Politik beschlossen und müssen dann aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden.
Wenn nur die Beitragszahler:innen Geld bekommen würden aus der Kasse, die auch wirklich an die Kasse zahlen, würden die Zahlen besser aussehen. Deswegen müsste man eigentlich die gesetzliche Rentenversicherung wirklich mal ehrlich und transparent in die politische und öffentliche Diskussion einbringen.
Aktien als Altersvorsorge
Das heißt, im Kern ist noch ein Fundament zu retten, aber auf jeden Fall brauchen wir zusätzlich den Aktienmarkt?
Parthum: Auf jeden Fall brauchen wir eine Erweiterung und wir brauchen vor allen Dingen das Bewusstsein auch bei vielen Menschen, dass sie sich selbst um ihr Geld und um die Rente kümmern und das auf dem Schirm haben. Es ist tatsächlich ein Muss für uns, sich um die Altersvorsorge zu kümmern. Der Aktienmarkt ist einer der Märkte, die die besten Renditen bringen. Wir können auch mit Immobilien vorsorgen, das ist aber noch mal ein komplizierterer Bereich, der viel mehr Zeit, Investitionen und auch Verständnis erfordert als der Aktienmarkt.
Jede und jeder von uns muss das auf dem Schirm haben und wir müssen auch untereinander viel mehr darüber sprechen - also unter Freunden, unter Bekannten, im Job, dass wir wirklich eine Altersvorsorge selber aufbauen müssen. Ich rede dabei gern vom Vermögensaufbau, weil Altersvorsorge immer so ein bisschen schwer klingt. Und für sich selbst und die Rente Vermögen aufzubauen, ist etwas, das wir wirklich in unser aller Leben integrieren sollten.
Ist es für 40- bis 50-jährige eigentlich schon zu spät sich bei der Rente noch einmal umzuorientieren?
Parthum: Auf keinen Fall ist das zu spät. Das beste Alter zum Investieren ist gerade in den Vierzigern, aber auch in den Fünfzigern, weil wir uns da schon ein paar Konsumwünsche erfüllt haben. Wir haben uns im besten Falle im Job etabliert. Die Kinder sind auch schon größer geworden. Wir können also entspannter auf unsere Ausgaben schauen, die mehr priorisieren und absenken. 40 oder 50 Jahre ist ein gutes Alter. Dann sollte man aber auch wirklich investieren. Also nicht nur 50 Euro, sondern da reden wir schon über ein paar 100.
Es gibt ja auch Frauen, die jetzt langsam erst wieder voll ins Berufsleben einsteigen, weil die Kinder endlich aus dem Haus sind. Wie kann das gelingen: Sich abzusichern, um dann auch unabhängig vom Mann zu werden?
Parthum: Auf jeden Fall sollte man das Thema zu Hause auf den Tisch packen und wirklich ehrlich über die Finanzen, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche reden. Man sollte aber nicht nur über die Geldanlage für die Altersvorsorge sprechen, sondern dann ein eigenes Depot und eigene Konten tatsächlich besparen.
Frauen empfehle ich, mit ihren Männern bzw. den Vätern der Kinder zu sprechen. Am besten gibt es ein gemeinsames Familieneinkommen, auf das beide Partner zu gleichen Teilen zugreifen können. Wenn man lange in Teilzeit gearbeitet hat, könnte man zum Beispiel über einen finanziellen Ausgleich für die Care-Arbeit verhandeln und das über ein eigenes Depot tatsächlich investieren.
Und dafür sollte man sich schlau machen: Wie genau geht Geldanlage? Was brauche ich dazu? Wie nutze ich Aktien- und Anleihe-ETF. Man sollte langfristig denken, sich für eine bestimmte Auswahl entscheiden und dann einfach loslegen.
Morgenecho-Interview mit Dani Parthum
WDR. 24.04.2026. 06:20 Min.. Verfügbar bis 23.04.2028. WDR Online.
Hinweis der Redaktion: Das Gespräch führte Moderator Andreas Bursche im Morgenecho bei WDR5. Zur besseren Lesbarkeit haben wir es an mehreren Stellen minimal angepasst.
Unsere Quellen:
- WDR5-Morgenecho
- Nachrichtenagentur dpa
- Statistisches Landesamt NRW
Sendung: WDR5, Morgenecho, 24.04.2025, 7:35 Uhr.