Die Herstellung von Bildern und Videos mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) wird immer einfacher – und die Qualität immer besser. Das gilt auch für sogenannte Fakes: Fotos oder Videos, die realistisch wirken, obwohl die dargestellte Situation, Person oder Handlung in Wirklichkeit nie existiert hat. Bis vor kurzem war es noch möglich KI-Fakes mit den eigenen Augen zu erkennen. Das hat sich verändert. Wie können wir dennoch erkennen, ob ein Bild, ein Video echt oder ein Fake ist? Dazu ein Interview mit Hüseyin Demir, vom WDR-Team "Verifikation und Faktencheck".
Habt ihr auch diese Erfahrung im Team Verifikation und Faktencheck gemacht?
Hüseyin Demir: Ja, absolut. Vor ein, zwei Jahren war es oft möglich, typische Fehler mit dem bloßen Auge zu erkennen: merkwürdige Hände, unnatürliche Schatten oder unsaubere Übergänge. Inzwischen sind die generierten Inhalte durch neue Diffusionsmodelle [Anm. d. Red.: Ein neuerer KI-Ansatz, der Bilder Schritt für Schritt aus Rauschen entstehen lässt, liefert meist viel realistischere Ergebnisse als GANs und ist deshalb schwerer zu entlarven.] wie Stable Diffusion oder Midjourney v6 so realistisch geworden, dass selbst erfahrene Analyst:innen kaum noch visuelle Artefakte finden. Das entspricht auch den wissenschaftlichen Befunden: GANs [Anm. d. Red.: Generative Adversarial Network – ein KI-Modell, das Bilder erzeugt, indem zwei Netze gegeneinander antreten: eines erstellt Bilder, das andere prüft sie. Ergebnis: realistische, aber oft mit kleinen Fehlern behaftete Bilder.] hinterließen noch klar messbare "Fingerprints" im Bild, Diffusionsmodelle dagegen sind sehr viel schwerer zu entlarven und generell übersteigt die Technologie, mit der Deepfakes generiert werden oft die Fähigkeiten der Erkennungsinstrumente. Für uns im bei der Verifikation heißt das: Wir müssen viel stärker auf technische Analysen, Kontext-Recherche und Metadaten setzen – das Auge allein reicht nicht mehr.
Schauen wir uns einen eher harmlosen, unterhaltsamen Fake an. Das Video dieser hüpfenden Kanninchen ging viral und wurde mit anderen Tieren nachgemacht.
Hüseyin Demir: Das Video von Kaninchen, die scheinbar auf einem Trampolin springen, ist ein gutes Beispiel für einen erfolgreichen Fake. Auf den ersten Blick wirken sie charmant und authentisch – die Bewegungen sind flüssig, die Fellstrukturen glaubwürdig. Genau das macht den Fake so überzeugend: Er nutzt eine Alltagssituation, die wir sofort wiedererkennen, und spielt mit unserer Erwartungshaltung. Zudem teilen Menschen solche Inhalte schnell, ohne zu hinterfragen, weil sie unterhaltsam sind. Die Täuschung funktioniert hier weniger über perfekte technische Details, sondern über Emotionalität. Interessant ist, dass der Fake erst dadurch auffiel, dass immer mehr Videos von Tieren auf Trampolinen auftauchten, wodurch die Skepsis wuchs – der Kontext machte also den Unterschied.
Emotionen und Erwartungshaltungen spielen bei einer erfolgreichen Täuschung also eine wichtige Rolle. In welchen Fällen suchen Kollegen euren Rat?
Hüseyin Demir: Sobald auf den ersten Blick Zweifel bestehen und der Verdacht aufkommt, dass ein Bild oder Video manipuliert oder KI-generiert sein könnte. Oft geht es um Inhalte, die sehr professionell aussehen, aber aus zweifelhaften Quellen stammen oder zu gut, witzig oder brisant sind, um echt sein zu können. Wenn der eigene Plausibilitäts-Check nicht reicht, wenden sich Redaktionen oder andere Bereiche an uns, um Sicherheit zu bekommen. Gerade in der Aktualität, wo die Zeit zwischen Themenfindung und Sendung begrenzt ist bietet unser Service für Autor*innen einen entscheidenden Vorteil.
Wie gehst du vor, wenn du eine Anfrage bekommst ein Video oder Bild auf Echtheit zu prüfen?
Hüseyin Demir: Wir arbeiten in drei Schritten:
- Optische Analyse: Gibt es Auffälligkeiten bei Details wie Händen, Spiegelungen, Schriftzügen, Anatomie, Texturen?
- Kontext-Check: Wo tauchte das Bild zuerst auf? Was sagen Metadaten, Rückwärtssuchen und Vergleichsbilder? Passen Ort, Zeit und Quelle zusammen?
- Technische Prüfung: Wir setzen spezialisierte Tools ein, z. B. Bildforensik (Error Level Analysis [Anm. d. Red.: Ein bildforensisches Verfahren, bei dem Bildkompression untersucht wird, um Manipulationen sichtbar zu machen. Veränderte Bereiche unterscheiden sich optisch von ursprünglichen], Frequenzanalyse), KI-Detektoren oder Bilderrückwärtssuchen in mehreren Engines. Allerdings ist wichtig: Kein Tool allein liefert absolute Sicherheit. Es braucht immer die Kombination von Technik + intellektuellem Kontextwissen.
Wie schafft Du es - dein Team - auf dem aktuellen Stand zu bleiben, bei den rasanten Entwicklungen?
Hüseyin Demir: Wir tauschen uns mit internationalen Kolleg:innen in Verifikationsnetzwerken (EBU, AP, dpa) aus, testen und evaluieren fortlaufend neue Tools und bilden uns ständig mit Workshops und Fachliteratur fort. Gerade bei KI-Fakes ändern sich die Spielregeln fast monatlich: Heute funktioniert ein Detektor noch gut, morgen haben Betrüger:innen schon wieder Wege gefunden, die Fingerabdrücke zu verwischen. Deshalb setzen wir auf eine Mischung aus "Hands-on"-Erfahrung, Forschungsaustausch und kontinuierlichem Training.
Wie können Privatleute Fakes erkennen?
Hüseyin Demir: Man sollte immer drei Dinge im Hinterkopf behalten:
- Gesunde Skepsis: Wenn ein Bild zu schön, zu schockierend oder zu skurril wirkt – innehalten und hinterfragen.
- Plausibilität: Könnte diese Szene wirklich so passiert sein? Gibt es unabhängige Quellen, die das bestätigen?
- Tools nutzen: Schon eine einfache Bilderrückwärtssuche (z. B. Google Lens, RevEye, Yandex, TinEye) hilft in den meisten Fällen. Für Videos gibt es Browser-Plugins oder Plattformen wie InVID.
Jugendliche sind viel auf Social Media unterwegs, gibt es für sie weitere Tipps?
Hüseyin Demir: Ja. Vor allem: erst prüfen, dann teilen. Jugendliche sollten lernen, dass ein "Wow"-Moment im Netz nicht automatisch für Echtheit spricht. Ein einfacher Tipp: Nachsehen, ob große Medien oder Fact-Checking-Seiten die Geschichte aufgreifen. Und: Inhalte aus unbekannten Quellen oder Accounts ohne Historie immer besonders kritisch sehen. Für Schulen gibt es inzwischen auch spezielle Medienkompetenz-Workshops, in denen genau diese Fragen (spielerisch) trainiert werden.
Muss die Gesellschaft in Zukunft damit Leben zunächst nicht mehr erkennen zu können was ist echt, was ist fake?
Hüseyin Demir: Es stimmt, dass wir mit einer Informationsflut an synthetischen Medien leben werden. Der explosionsartige Anstieg von Deepfakes seit 2023 zeigt, dass der Schutz vor Deepfakes nicht mehr nur ein Thema für IT-Expert:innen sein wird, sondern zunehmend ein gesamtgesellschaftlich relevantes Phänomen darstellt. Nach KI-Texten, -Bildern und -Audios werden vermutlich in den nächsten Monaten auch Videos visuell kaum von realen unterscheiden können.
Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir völlig hilflos sind. Drei Ebenen lassen sich unterscheiden:
- Gesamtgesellschaftlich: Plattformen müssen Verantwortung übernehmen und KI-Inhalte transparenter kennzeichnen. Stichwort: Verbindliche politische Regulierung. Außerdem sollten Factchecking und Verifikation als "öffentliche Infrastruktur" verstanden werden – und nicht nur als willkommene Dienstleistung.
- Individuell: Medienkompetenz stärken – Menschen müssen einen skeptischen Konsum lernen, kritisch zu hinterfragen, bewusst zu prüfen und nicht alles sofort weiterzuteilen. Schulen und Bildungseinrichtungen sollten Medienkompetenz so selbstverständlich vermitteln wie Lesen und Schreiben.
- Technisch: Noch erkennt kein Tool KI-Bildmaterial zuverlässig. Forensik-Tools müssen fortlaufend weiterentwickelt und angepasst werden (z. B. Unite). Bis dahin bleibt nur die Kombination: geschulte Augen, Rückwärtssuche, technische Analyse und journalistischer Kontext.
Fazit: Ja – wir werden in einer Welt leben, in der der Anteil synthetischer Inhalte explodiert und oft nicht mehr auf den ersten Blick zu unterscheiden ist. Aber: Das muss nicht das Ende von Vertrauen in Medien und Öffentlichkeit bedeuten. Entscheidend ist, dass wir Resilienz entwickeln – durch Medienkompetenz, Transparenz und neue technische Standards. Am Ende geht es weniger darum, jeden Fake sofort zu entlarven, sondern darum, sich nicht manipulieren zu lassen. Skepsis, eine gesunde Distanz zu Onlineinhalten und Kontextwissen sind die stärksten Schutzfaktoren.
Die Fragen stellte Dagmar Sauder, WDR KI-Team
Stand: September 2025