Es ist ein altes Mietshaus, irgendwo in Deutschland, dass die eigentliche Hauptrolle in Henrik Szántós Roman "Treppe aus Papier" spielt. Seine Mauern, Dielen und Ritzen haben alles gesehen: Leben, Schuld, Verdrängung – und die leisen Versuche, sich zu erinnern. Die Geschichte entfaltet sich über Generationen hinweg und macht deutlich, wie nah sich Vergangenheit und Gegenwart manchmal sind: nur wenige Stufen voneinander entfernt.
Im Mittelpunkt steht Irma Thon, 90 Jahre alt, körperlich gebrechlich, geistig jedoch wacher, als sie selbst glaubt. Sie ist in diesem Haus groß geworden, als Tochter überzeugter Nationalsozialisten. Abends trinkt sie ihren Sherry, tagsüber bewegt sie sich am Stock durch ihre Erinnerungen – an eine Zeit, die sie lange ruhen ließ. Immer wieder taucht dabei Ruth Sternheim auf, das jüdische Mädchen von früher.
Ruths Familie gehört das Haus einst. Bis sie enteignet wird. Bis die Gestapo vor der Tür steht. Ihr Schicksal ist untrennbar mit dem Gebäude verbunden, auch wenn ihre Stimme lange verstummt scheint.
In der Gegenwart begegnet Irma der 15-jährigen Nele Bittner aus dem vierten Stock. Nele soll eine Hausarbeit in Geschichte schreiben und fühlt sich heillos überfordert. Doch Irmas Erzählungen wecken ihre Neugier. Aus beiläufigen Gesprächen wird eine Annäherung an die Vergangenheit – und Nele beginnt, in der eigenen Familiengeschichte zu graben.
"Treppe aus Papier" ist ein leiser, eindringlicher Roman über Verantwortung, Erinnerung und das Weiterwirken der Geschichte im Alltag. Vor allem die Erzählperspektive macht diesen Roman zu etwas ganz Besonderem. Die Idee ist so außergewöhnlich gut, dass die Geschichte lange in uns nachhallt, nachdem wir das Buch zur Seite gelegt haben.
"Treppe aus Papier"
Autor: Henrik Szántó
Verlag: Blessing
224 Seiten
23,00 €
Sendung: WDR 4 Knispel am Sonntag, 11.01.2026, 9 Uhr.