Auf dem abgelegenen Hof am äußersten Ende einer Insel scheint die Zukunft vorherbestimmt: Er wird das Mädchen des Leuchtturmwärters heiraten und eines Tages den Hof seiner Mutter Laurel übernehmen. Doch diese Gewissheit gerät ins Wanken, als unerwartet Besuch eintrifft.
Will – die Jugendliebe seiner verwitweten Mutter – steht plötzlich vor der Tür, begleitet von seiner auffallend stillen, jungen Braut. Das Paar ist auf dem Weg nach Barbados und bittet um Unterkunft für eine Nacht, bevor es in die Karibik übersiedelt. Edwin spürt sofort die unausgesprochene Vertrautheit zwischen Will und Laurel. Misstrauen keimt in ihm auf.
In der Nacht, als alle schlafen, durchsucht Edwin Wills Tasche – und stößt auf ein Bündel alter Liebesbriefe in der Handschrift seiner Mutter. Die Entdeckung erschüttert ihn zutiefst. Doch noch bevor er Antworten einfordern kann, ist Will am nächsten Morgen verschwunden. Ohne Abschied, ohne Erklärung. Zurück bleibt nur ein einziges Gemälde: Es zeigt ein Rotkehlchen, an dessen Bein ein himmelblaues Band gebunden ist.
Rund zweihundertfünfzig Jahre später taucht dieses rätselhafte Bild erneut auf. Ein Maler wird darauf aufmerksam und fühlt sich unerklärlich davon angezogen. Je tiefer er in die Geschichte des Gemäldes eintaucht, desto deutlicher wird, dass das Rotkehlchen mehr ist als ein bloßes Motiv – es ist der Schlüssel zu einem lang gehüteten Geheimnis.
Filigran wie eine Bleistiftzeichnung und zart wie ein Aquarellbild, so lassen sich die beiden Erzählungen von Ben Shattuck beschreiben, die sich wie ein Roman lesen, weil Shattuck das Gemälde des Rotkehlchens als Bindeglied zwischen den beiden Texten einsetzt. Wie die leise Melodie eines Liedes schleicht sich der Text in unser Bewusstsein, berauscht uns beim Lesen und entwickelt schließlich einen gewaltigen Sound.
"Eine Geschichte der Sehnsucht"
Autor: Ben Shattuck
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
Verlag: Hanser
80 Seiten
18,00 €
Sendung: WDR 4 Schneider am Sonntag, 15.02.2026, 9 Uhr.