15. - 19. Juni: "Camaïeu" von TON-SUR-TON
TON-SUR-TON, also Ton in Ton, das sind die niederländische Sängerin Sylvie Klijn und der Schweizer Kontrabassist Christoph Utzinger. Auf ihrem Debütalbum "Camaïeu" beweisen sie, dass man manchmal nicht mehr als Stimme und Kontrabass benötigt, um Musik zu machen, die das Ohr bei Laune hält und noch vielmehr überrascht. Frisch, leicht und auf neuen Pfaden bewegen sich die beiden Musiker. Und es ist wahre Freude ihnen dabei zu folgen. Hin und wieder taucht ein Gastmusiker bei den Songs auf, wie Lenni Torgue am Vibraphon und an den Percussions, Jürg Bucher an der Altklarinette und Matthias Kohler am Glockenspiel. Es gibt Alben, bei denen man sich direkt fragt, wann wohl das nächste herauskommen wird, weil man einfach direkt mehr davon hören möchte. Genau so ist es bei TON-SUR-TON.
Ein Musiktipp von Julia Spyker
Gespielte Titel:
Montag: Tied
Dienstag: I Repeat
Mittwoch: Bullet
Donnerstag: Summer Rays
Freitag: Haut Cuisine
CD-Angaben:
TON-SUR-TON: Camaïeu
Label: Unit Records
VÖ: 05.06.2026
09. - 12. Juni: "Tailspin" von Eleni Mandell
Sieben Jahre, eine Pandemie und mehrere tiefe Einschnitte in ihrer Biografie sind seit ihrer letzten Veröffentlichung vergangen, somit lässt sich "Tailspin" von Eleni Mandell getrost als Comeback bezeichnen. Allerdings eins unter veränderten Vorzeichen – es ist keine laute Rückkehr ins Rampenlicht, sondern eher ein leises und sehr persönliches Lebenszeichen. "Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder ein Album veröffentlichen würde", erzählt sie. Seit den späten 1990er Jahren veröffentlicht die 1969 in Los Angeles geborene Singer-Songwriterin Platten mit einem eigenwilligen Mix aus Folk, Westcoast-Country und Pop Noir. Auch "Tailspin" trägt diese besondere musikalische Handschrift, mit der sie ihre Songs zwischen Lakonie und Melancholie balanciert. Die Arrangements sind auf eine kleine Begleitband, manchmal auch nur auf Klavier oder Gitarre reduziert. So konzentrieren sich die Stücke mehr denn je auf ihre Stimme und die Texte, die Geschichten von Zusammenbruch und dem unbedingten Drang, weiterzumachen, erzählen.
Ein Musiktipp von Sebastian von Haugwitz
Gespielte Titel:
Dienstag: Life Is Sometimes
Mittwoch: Lemon Tree
Donnerstag: Teardrop Ghost
Freitag: Go Look At The Sky
CD-Angaben:
VÖ: 29.05.2026
Label: Schoolkids Records
EAN: 0634457240605
01. - 05. Juni: "Neath Beat" von Joe Webb
Joe Webb ist ein Meister des aus dem Ragtime entwickelten Stride-Piano-Stils. Aufmerksam begleitet vom Schlagzeuger Sam Jesson und vom Kontrabassisten Will Sach sitzt er (auch gerne in Trainingsjacke) am Steinway-Flügel oder an der Hammondorgel, und während seine linke Hand zwischen Basstönen und Akkorden hin- und herfliegt, verbeugt er sich vor Duke Ellington, Oscar Peterson und Fats Waller. "Neath Beat" ist nach dem für den Mercury Prize nominierten Album "Hamstrings & Hurricanes" von 2024 das zweite Album auf dem Indie-Jazzlabel Edition Records, und wieder kommen Webbs Kompositionen so tiefschürfend und leichtfüßig daher, dass die britische Jazzszene ganz aus dem Häuschen ist. Joe Webb gilt als eines der vielversprechendsten Nachwuchstalente, Gilles Peterson bescheinigte ihm "a unique space in today´s jazz landscape".
Wie schon auf seinem vorigen Album variieren die Längen der Stücke von eingeblendeten Minuten-Impressionen (in der Hommage an "Duke") bis hin zu Sechs-Minuten-Nummern. Aber was noch mehr auffällt, ist Joe Webbs Lust am Untermischen von Live-Aufnahmen in die ansonsten cleane Studio-Ästhetik. Außerdem gehen die Stücke manchmal ineinander über, so dass ansatzweise ein DJ- bzw. Mixtape-Eindruck entsteht. Diese Details laufen unter dem Radar, beneath the beat, sozusagen - wie man es eben macht im walisischen Neath, wo der Wahl-Londoner aufgewachsen ist.
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespielte Titel:
Montag: Corrèze
Dienstag: Uncle Paul
Mittwoch: Goalmouth Scramble
Freitag: Fantastic Mr. Cox
CD-Angaben:
Label: Edition Records
VÖ: 22.05.2026
25. - 29. Mai: "Love Myself" von Tal Arditi
Es fühle sich an wie sein Debütalbum als Singer-Songwriter, lässt Tal Arditi verlauten. Dass sein Label ihn mit dem großen Nick Drake vergleicht, mag weit hinausgelehnt sein, findet aber hier und da seine Berechtigung, melodisch und gesanglich zum Beispiel in den Strophen von "In My Head". Das liegt aber auch daran, dass Tal Arditi auf seinem Ausfallschritt in den Indiepop ausgesprochen folkig die Gitarre zupft. Zum Drake-Kosmos passen außerdem die intimen Song-Inhalte. Der missverständliche Albumtitel "Love Myself" ist ein Zitat aus dem gleichnamigen Song, der so beginnt: "Maybe some day I will love myself". Ein Zweifeln also, kein sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen. Trotz aller suchenden Vorsicht hören wir auf "Love Myself" einen selbstbewussten Tal Arditi, der noch nie dermaßen angedickt und zugleich aufgeräumt klang.
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespielte Titel:
Dienstag: Whatever You Want
Mittwoch: Into The Ocean
Donnerstag: In My Head
Freitag: In Between World
CD-Angaben:
Tal Arditi - "Love Myself"
VÖ 29.05.2026
Label: Mouthwatering Records
18. - 22. Mai: "Have I lost my Magic" von To Athena
To Athena wächst inmitten von Musik auf. Ihre Eltern bauen Geigen und dennoch ist die klassische Musik zunächst gar nicht ihres. Doch das ändert sich, denn Streicher findet man in ihrer Musik, einer Art Kammermusikpop, den sie immer wieder neu kreiert. Genau das macht die Musik von To Athena so wunderbar. Keine festgetretenen Pfade, sondern immer wieder ein paar neue Ecken zu entdecken. Und trotzdem fragt sie sich auf ihrem neuen Album "Have I lost my Magic?", zu Deutsch: Habe ich meine Magie verloren? Man mag es kaum glauben, wenn man das Album hört, spielerisch wechselt sie zwischen englischen und schweizerdeutschen Texten. Vor allem das Schweizerdeutsch gibt eine hübsche Nuance, ganz sanft und bei sich. Ein Album voller Zweifel und Lichtblicke.
Ein Musiktipp von Julia Spyker
Gespielte Titel:
Montag: Ready
Dienstag: Ergendeinisch
Mittwoch: Hebe
Donnerstag: Ech bieg do mol ab
Freitag: Shut the Door
CD-Angaben:
To Athena - "Have I lost my Magic"
VÖ: 21.05.2026
Label: Mouthwatering Records
11. - 15. Mai: "Time" von Taj Mahal & The Phantom Blues Band
Im vergangenen Jahr bekam der Blues- und Rootsmusiker Taj Mahal, bürgerlich Henry St. Claire Fredericks, den Grammy Lifetime Achievement Award für sein Lebenswerk. Jetzt, kurz vor seinem 84. Geburtstag am 17. Mai, erscheint sein neues Album "Time", wobei "neu" auf die Veröffentlichung zutrifft, die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2010.
Zusammen mit seinen langjährigen Begleitern "The Phantom Blues Band" nahm er zehn Songs auf, in denen er Blues mit Soul, Reggae, Salsa, Afro und New Orleans Jazz kombiniert. Mit dieser musikalischen Offenheit und Experimentierfreude ist Taj Mahal Ende der 1960er Jahre bekannt geworden. Seitdem hat er in verschiedenen Besetzungen über 40 Platten veröffentlicht, auf denen er vom Blues ausgehend verschiedene Musiktraditionen der Welt erforscht und sich damit zu einem kulturellen Botschafter entwickelt hat. ist. Das Album "Time" in seiner stilistischen Vielfalt ist da keine Ausnahme. Im Begleittext zum Album "Time" heißt es sehr treffend: "Dreh die Anlage auf – das ist Deep-Groove-Musik für Erwachsene von einer Band, die immer noch so spielt, als sei die Nacht noch jung."
Ein Musiktipp von Sebastian von Haugwitz
Gespielte Titel:
Montag: Life of Love
Dienstag: Crazy About A Jukebox
Mittwoch: Time
Freitag: Rowdy Blues
CD-Angaben:
VÖ: 01.05.2026
Label: Resonatin' Records
EAN: 0732388023288
04. - 08. Mai: "Diavola" von Gabrielle Cavassa
Es ist ihre Stimme, an der man direkt hängenbleibt: klar und geschmeidig, eher leise als laut und dennoch intensiv. Und man wundert sich, dass eine Sängerin wie Gabrielle Cavassa so lange unter dem Radar der großen Öffentlichkeit bleiben konnte. Nachdem sie vor drei Jahren von Joshua Redman quasi entdeckt worden war, hat sie jetzt den Spieß umgedreht: auf ihrem Blue-Note-Debut darf er sie nun bei zwei Songs auf dem Saxofon begleiten. Ob Jazzstandards, alte Popklassiker und italienische Schlager – sie schafft es gekonnt, bekannte Melodien zu ihren Eigenen zu machen. Gabrielle Cavassa hat das Potential, eine der wichtigen neuen Stimmen im Jazz zu werden.
Ein Musiktipp von Ulrike Kukula
Gespielte Titel:
Montag: Could It Be Magic
Dienstag: Prisoner of Love
Mittwoch: Bossy Nova
Donnerstag: Raindrops Keep Falling on My Head
Freitag: Angelo
CD-Angaben:
Label: Blue Note
VÖ: 01. Mai 2026
27. April - 01. Mai: "And Scene!" von Kiki Annette
Es geht in Kiki Annettes Songs um Selbstsabotage und Verzweiflung, aber auch um Ironie. Und diese Ironie prägt die gesamte Textur ihrer Musik. Die mit Halbtönen spielenden Melodien sind eindringlich und eingängig, aber auch angenehm kontrolliert und distanziert, und deshalb Kitsch-resistent. Das Drama und das Lächeln sind die Stoffballen, aus denen die wandelbaren Song-Strukturen geschneidert sind, bei "Bartender´s Girlfriend" auch im Dreivierteltakt.
"And Scene!" ist ein facettenreiches Debütalbum, das stark an Filmmusik erinnert. Kiki Annettes warme, klare Stimme wandert auf glamourösen Streicherteppichen, klettert über staubtrockene Indiegitarrenriffs, schmiegt sich um shuffle-ige Schlagzeugbeats oder wippt mit perlenden Klavierakkorden. So lotet die Künstlerin unerschrocken die Genregrenzen im weiten Feld des Indiefolkpop aus und schreibt eine ziemlich eigene Handschrift in den Musikhimmel.
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespiele Titel:
Montag: Arrows
Dienstag: Lonesome Serenade
Mittwoch: Are You Still Listening?
Donnerstag: Bartender´s Girlfriend
CD-Angaben:
Kiki Annette - "And Scene!"
20. - 24. April: "Outsider" von Tiwayo
Aufgewachsen ist Tiwayo in einer Pariser Vorstadt, auf den Ohren die Musik seiner Eltern: Jazz, Blues und 60er Jahre Rock'n Roll. Seine musikalische Laufbahn? Vom Straßenmusiker zum Vorprogramm von Norah Jones oder Marcus Miller. Nach dem Debütalbum 2019 wurde es still. Doch nun meldet er sich mit dem Album "Outsider" zurück. Er scheint sich gefunden zu haben: Handgemachte Musik trifft seine unverkennbar soulige Stimme. Eine echte Wucht für alle Soul-Fans und die, die es werden wollen.
Ein Musiktipp von Julia Spyker
Gespielte Titel:
Montag: Up for Soul
Dienstag: Sunshine Lady
Mittwoch: Electric Spanish
Donnerstag: I've got to travel alone
Freitag: My House is your Home
CD-Angaben:
"Outsider" von Tiwayo
Label: Record Kicks
VÖ: 10.04.2026
13. - 17. April: "Younge" von Adrian Younge
In den 1990er Jahren zog Adrian Younge durch die Plattenläden von Los Angeles und durchforstete kistenweise Jazz- und Soul-Vinyl auf der Suche nach passenden Samples für Hip-Hop-Songs. Fasziniert von der Musik und der analogen Aufnahmetechnik begann er selbst Instrumente zu erlernen, Songs zu schreiben und seine Stücke konsequent mit Vintage-Equipment aufzunehmen. Mittlerweile ist Younge als Komponist, Multiinstrumentalist und Produzent eine feste Größe in der internationalen Soul‑, Jazz‑ und Hip‑Hop‑Szene, hat die erfolgreiche Alben-Reihe "Jazz is Dead" ins Leben gerufen und schreibt Film- und Serienmusik.
Sein neues Album "Younge" ist ein Orchesterwerk in der Tradition großer Filmkomponisten wie Lalo Schifrin und Ennio Morricone. Deren Soundtracks wurden im Hip-Hop immer wieder gesampelt und erreichten dadurch neue Hörer. Younges Kompositionen, analog aufgenommen mit Streichern und Bläsersätzen, sind kleine cineastische Pastiches zwischen Jazz, Funk und Soul, die ohne weiteres aus einem 70er-Jahre-Thriller oder Blaxploitation-Film stammen könnten - und hervorragend als Sampling-Material für nachfolgende Generationen dienen können.
Ein Musiktipp von Sebastian von Haugwitz
Gespielte Titel:
Montag: Portschute
Dienstag: Galt
Mittwoch: Visual Assault
Donnerstag: Clockwise
Freitag: Il Mattino
CD-Angaben:
VÖ: 17.04.2026
Label: Linear Labs
EAN: 0617308035759
07. - 10. April: "i 330" von Flore Benguigui & The Sensible Notes
Bekannt geworden ist sie als Sängerin und Keyboarderin der französischen Elektropop-Band L’Impératrice. Doch diesen Abschnitt ihrer Karriere hat Flore Benguigui vor rund anderthalb Jahren beendet. Nun hat sie ihr erstes Soloalbum veröffentlicht – und geht musikalisch in eine ganz andere Richtung.
Mit ihrer Band "The Sensible Notes" ist sie seit 11 Jahren fernab des großen Rampenlichts eine feste Größe in der Jazzszene in Paris. Da war es nur folgerichtig, gemeinsam eine Jazzplatte aufzunehmen: mit altem Swing und Chanson. Und einem Sound, der gestern und heute übereinander bringt wenn die mit historischen Mikrofonen aufgenommenen Stimme auf Synthesizer-Sounds und Vocoder trifft.
Ein Musiktipp von Ulrike Kukula
Gespielte Titel:
Dienstag: Riffin' At The Bar-B-Q
Mittwoch: Didn't I Tell You So?
Donnerstag: More Understanding Than A Man
Freitag: Louisiana Fairy Tale
CD-Angaben:
Label: Decca Records
30. März - 04. April: "Love Or Lack Thereof" von Alessia Cara
Seit über zehn Jahren singt die italienisch-stämmige Alessia Cara über das Gefühl von Einsamkeit auf sozialen Events oder über seelische Narben, die das Bodyshaming hinterlassen kann. Als erster Mensch aus Kanada gewann sie 2018 für ihre auffällig eigene musikalische Handschrift und ihr wunderbares Timing einen Grammy als "Best New Artist".
Im Laufe der letzten Jahre wuchs dann mehr und mehr ihre Neugier, über den erfolgreichen Tellerrand des Pop hinauszuschauen und die Fühler in akustischere Gefielde auszustrecken. Und so verschiebt sie nun auf dem Compilation-Album "Love Or Lack Thereof" ihre klug getexteten Botschaften in einen transparent swingenden Kosmos aus (E-)Kontrabass, Klavier, Vibraphon, Schlagzeug, Percussions, Trompete und (E-)Gitarre. Gesanglich mit an Bord sind auch Norah Jones und Nelly Furtado. Der groovige Ausflug in den Jazz steht Alessia Cara ausgesprochen gut und ist hoffentlich nicht ihr letzter.
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespielte Titel:
Montag: Isn't It Obvious
Dienstag: Shapeshifter (feat. Nelly Furtado)
Mittwoch: I'm In Trouble (feat. Norah Jones)
Donnerstag: Not Today
CD-Angaben:
Label: Def Jam Recordings
23. - 27. März: "Frail Boat" von 8 Octopi
Wenn es eine Band schafft einen wirklich einzigartigen Sound mit Wiedererkennungseffekt zu kreieren, ist das eigentlich schon die halbe Miete, wenn nicht die ganze. Genau das gelingt 8 Octopi. Mit Flöte, Kontrabass, Klavier und Gesang. Klingt zunächst sehr zurückhaltend und schlicht, ist es aber nicht. Es groovt, zappelt, wabert und rauscht. Ein Album mit herrlich modernem Jazz, den man sich durchaus öfter wünscht.
Ein Musiktipp von Julia Spyker
Gespielte Titel:
Montag: Tailwinds
Dienstag: Money Matters
Mittwoch: Maybees
Donnerstag: Black Blanket
Freitag: Two Wheels
CD-Angaben:
8 Octopi - "Frail Boat"
Label: Berthold Records
Vö: 20.03.2026
16. - 20. März: "Intimate" von Andrea Motis
Mit sieben Jahren begann sie Trompete zu spielen, mit 15 machte sie ihre erste Plattenaufnahme. Andrea Motis, 1995 in Barcelona geboren, war ein Shooting Star der spanischen Jazzszene und konnte bald auch internationale Erfolge verbuchen, u.a. Projekte mit Produzentenlegende Quincy Jones, Cellist Yo-Yo Ma, dem Buena Vista Social Club oder der WDR Big Band. Elf Alben unter eigenem Namen hat sie veröffentlicht, jetzt erscheint das zwölfte unter dem Titel "Intimate". Darauf vollzieht Motis die Wandlung von einer Trompeterin, die gelegentlich singt, zu einer gelegentlich Trompete spielenden Sängerin. Nur bei fünf von insgesamt 17 Songs greift sie zur Trompete, ansonsten entspricht die Besetzung dem Albumtitel: Jurandir Da Silva und Josep Traver begleiten Motis auf ihren Akustikgitarren, auf zwei Aufnahmen ist der Cellist Jaques Morelenbaum zu Gast. Das Repertoire ist breitgefächert von Bossa Nova und Jazz über Folk zu Chanson und entsprechend wechselt Motis die Sprache. Sie singt auf Spanisch, Portugiesisch, Englisch und Französisch und wenn sie dann noch zur Trompete greift, wird klar, dass Stimme und Instrument bei ihr kongenial auf dem gleichen hohen Niveau sind.
Ein Musiktipp von Sebastian von Haugwitz
Gespielte Titel:
Montag: Flor De Lis
Dienstag: Je Me Suis Fait Tout Petit
Mittwoch: Ain’t No Sunshine
Donnerstag: Tudo E Ilusao
Freitag: Freight Train
CD-Angaben:
Label: Elemental Music
09. - 13. März: "We Are Together Again" von Bonnie "Prince" Billy
"Hey Little" heißt der Song, den der 56-jährige Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy ursprünglich für einen Kollegen komponiert hat, der aber nie veröffentlicht wurde. Nun hat er ihn sich noch einmal neu auf seinen eigenen Leib geschrieben, zur Expression seiner Gefühle als Vater einer heranwachsenden Tochter. Wie in einem Brennglas fängt er darin auch die gesamte Message der Platte ein: Nur mit Liebe und Zusammenhalt lässt sich die aus den Fugen geratene amerikanische Demokratie verteidigen. Gegenüber der österreichischen Agentur APA bezeichnet Bonnie "Prince" Billy das Konzept der Freundschaft als größtes Kunstwerk, dessen Menschen fähig sind, und wenn kleine Netzwerke dann auch noch widerspenstige Kunst erzeugten, hätten Erstarren und Verzweifeln weniger Raum.
Auch deshalb singen auf den zehn neuen Alternative-Country-Songs mit ihm zusammen an die zwölf andere Stimmen aus der lebendigen Musikszene seiner Heimatstadt Louisville mit. Und instrumentiert ist das Album über die üblichen Verdächtigen hinaus mit Harfe, Bouzouki, Klarinette, Trompete, Tuba, Flöte und einem Streichquartett.
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespielte Titel:
Montag: Hey Little
Dienstag: Vietnam Sunshine
Mittwoch: Bride Of The Lion
Donnerstag: Strange Trouble
Freitag: (Everbody´s Got a) Friend Named Joe
CD-Angaben:
Bonnie "Prince" Billy: "We are together again"
VÖ: 06.03.2026
Label: Domino Records
02. - 06. März: "Hen's Teeth" von Iron & Wine
Es ist erstaunlich, wie zeitlos seine Musik zu sein scheint: Vor über 25 Jahren begann der US-amerikanische Musiker Sam Beam unter dem Pseudonym Iron & Wine Folksongs zu veröffentlichen. Das eher karge Ein-Mann-Projekt von damals hat sich mit der Zeit in ein Musik-Mit-Freunden-und-Familie-Projekt verwandelt. So wurden seine heimeligen Folksongs klanglich opulenter und vielseitiger. Auch stilistisch öffnet er sich in neue Richtungen wie der brasilianischen Tropicalia. Das Ergebnis ist herrlich entspannte, schwelgerische Musik.
Ein Musiktipp von Ulrike Kukula
Gespielte Titel:
Montag: Wait Up
Dienstag: Robin’s Egg
Mittwoch: Roses
Donnerstag: Defiance, Ohio
Freitag: In Your Ocean
CD-Angaben:
Iron & Wine: Hen’s Teeth
Label: Sub Pop Records
VÖ: 27.02.2026
23. Februar - 27. Februar: "Lost Pieces" von Youn Sun Nah
Mit einem schnarrenden Indie-Gitarrensound öffnet Youn Sun Nah die Türe zu ihren "Lost Pieces", ihre Stimme tut es ihr gleich. Sie schnarrt, raunzt und windet sich. Man kann nicht anders, als dieser Stimme zu folgen. Und das wird das ganze Album über so bleiben. Sie ist der Anker in diesen 11 Songwelten, die sich zwischen Indiesound, Jazz und fast klassischer Minimal-Kammermusik bewegen. Das macht "Lost Pieces" so aufregend, der Ideenreichtum von Youn Sun Nah und die Vielseitigkeit ihrer Stimme. Es gibt Alben, bei deren Erscheinen man sich schon auf das nächste Album freut. "Lost Pieces" ist so eines.
Ein Musiktipp von Julia Spyker
Gespielte Titel:
Montag: Lost Pieces
Dienstag: We Never Were
Mittwoch: A Map of Pain
Donnerstag: I Can't Sleep
Freitag: My Home
CD-Angaben:
Youn Sun Nah – Lost Pieces
Label: Warner Music
VÖ: 20.02.2026
16. Februar - 20. Februar: "My World is the Sun" von Dominique Fils-Aimé
Dominique Fils-Aimé liebt Zahlen. Sie helfen der Singer-Songwriterin aus dem kanadischen Montreal Struktur in ihr kreatives Leben zu bringen. In ihrer Musik zeigt sich das in einem besonderen Format, das sie für ihre Veröffentlichungen wählt: sie arbeitet konzeptuell in Album‑Trilogien, die jeweils einen Abschnitt ihres künstlerischen und persönlichen Weges erzählen.
Nachdem Fils-Aimé mit ihrem ersten Platten-Zyklus eine viel beachtete Hommage an die afroamerikanische Geschichte und Kultur geschaffen hat, ist ihre aktuelle Album-Reihe deutlich persönlicher geworden. Mit den Worten "Let me climb all the way to the sun" endet der 2023 erschienene erste Teil "Our Roots Run Deep". Der Nachfolger heißt "My World is the Sun" und schreibt diese Geschichte fort. In 15 Songs gewährt die Künstlerin einen Einblick in ihr Innerstes, sucht nach dem Kern ihrer Kreativität. Stark beeinflusst von der Ästhetik afroamerikanischer Musik bewegt sie sich dabei musikalisch zwischen Jazz, Soul und Blues.
Ein Musiktipp von Sebastian von Haugwitz
Gespielte Titel:
Montag: Echappée Belle
Dienstag: The River
Mittwoch: Phoenix Rising
Donnerstag: Freedom Become
Freitag: Going Home
CD-Angaben:
Label: Ensoul Records
VÖ: 20.02.2026
09. Februar - 13. Februar: "One Mississippi" von Eric Bibb
Vielleicht liegt es an dem Blick von außen auf seine US-amerikanische Heimat, die den Wahl-Schweden Eric Bibb so passgenau den Blues-Finger in die Wunde legen lässt. Die erneute Amtszeit von Donald Trump prägt jedenfalls subkutan und auch ganz direkt sein wohl 34. Album "One Mississippi".
Die dreizehn neuen, größtenteils zusammen mit Produzent Glenn Scott aus Uppsala geschriebenen Songs reichen von stampfendem, souligem und rockigem Blues (zum Beispiel bei "Muddy Waters", "Go Down Ol´Hannah" und "This One Don't") über geschmeidigen Folk-Blues ("New Window" oder "Waiting On The Sun") bis hin zum trickreich produzierten und mit funky Streichern angereicherten Crossover-Blues "Didn't I Keep Runnin'".
Inspirationsquelle konkret für diese spannungsgeladene Nummer war eine alte Fotografie, die einen Banjo-spielenden Sklaven mit amputiertem Fuß zeigt: Gängige Strafmaßnahme nach gescheiterten Fluchtversuchen. Wie sich Eric Bibb musikalisch, aber auch bildlich im Videoclip diesen drastischen Kontext einverleibt, zeigt seine Begabung, altes Leid aufzugreifen und in neue positive Energie umzuwandeln: Da rennt und fährt ein Schwarzer Junge unbehelligt mit seinem Skateboard durch die Gegend, während der bald 75-jährige Bibb mit seinem Banjo stoisch in der U-Bahn steht und singt. Den Song "No Clothes On" nicht als Seitenhieb auf Donald Trump zu verstehen, fällt schwer: Vielleicht in Anspielung auf Andersens "Des Kaisers neue Kleider" adressiert Bibb mit den Worten "How can you be so vain?" eine Person, die vor Macht einen geschwollenen Kopf hat, sodass die Kappe nicht mehr passt, und die zu eitel ist, um zu bemerken, dass sie nackt herumläuft. Im Song "New Window" verbindet sich dann die Verzweiflung über die gesellschaftliche Spaltung mit einer fast utopischen Hoffnung auf Versöhnung: "Have we heard the wake-up call? / Together we stand / Devided we fall".
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
Gespielte Titel:
Montag: New Window
Dienstag: Didn't I Keep Runnin'
Mittwoch: This One Don't
Donnerstag: No Clothes On
Freitag: Waiting On The Sun
CD-Angaben:
Label: Repute Records
VÖ: 06.02.2026
02. Februar - 06. Februar: "The Chauffeur" von REXEN
Im zart zur Gitarre vor sich hintastenden Bossa-Folksong "Romance" erinnert der 1985 geborene Michael Rexen alias REXEN ein wenig an den viel zu früh verstorbenen Nick Drake. Aber das ist nur eine Facette seiner Stimmenvielfalt, die sich durch "The Chauffeur" zieht. Da gibt es außerdem eine sehr tiefe Stimme, die eher Leonard Cohen wachruft und die unter anderem den bluesig treibenden Song "Hoik up!" prägt, zusätzlicher Hinhörer dort ein von Mette Lindberg gesungenes, rhythmisches Mini-Mantra, das es mit der Triphop-Formation "Massive Attack" aufnehmen könnte. Und dann wohnt noch eine dritte Stimme in der Lunge dieses REXEN, eine näselnde, quäkende à la Jan Delay, wie im Song "My Heart": Originell arrangierte Streicher, perlende Klaviertöne und ein selbstbewusstes Schlagzeug schirmen dieses Singen rundherum ab. Und genau das ist die Kunst von REXEN. Der studierte Rhythmiker kreiert dermaßen vielschichtige Indie-Klanglandschaften und Melodien, dass man einfach nicht weghören kann. Experimentell, romantisch und fein ironisch. Hier passt das Wort "Klangkaleidoskop".
Ein Musiktipp von Elise Schirrmacher
CD-Angaben:
Label: Stunt Records
VÖ: 30.01.2026