Zwölf Tage Krieg, und jetzt? - Update mit Golineh Atai
Stand:
Die ZDF-Korrespondentin Golineh Atai blickt mit Sorge auf Iran. Wie geht es den Menschen dort nach zwölf Tagen Krieg? Geht das Regime gestärkt oder geschwächt aus diesen Angriffen? Was kann eigentlich ein Normalzustand im Nahen Osten sein?
Die Menschen in Iran müssen aktuell überall mit Kontrollen rechnen. Die Journalistin Golineh Atai beobachtet, dass das Regime SMS verschickt, die die Bürger:innen dazu auffordert sich gegenseitig zu denunzieren. Im Land gebe es Checkpoints an denen Handys überprüft werden und Festnahmen aufgrund von Social Media-Posts. Die Machthaber versuchten auch die Stimmen in der Diaspora verstummen zu lassen, indem sie zum Beispiel die Familien von internationalen Journalist:innen, die außerhalb Irans arbeiten, unter Druck setzen.
Das Regime konnte nicht gegen die USA und Israel gewinnen, auch wenn es das jetzt verkündet. Aber es kann gegen seine Bürger gewinnen. Der Krieg im Innern wird verschärft.(…) Ich glaube, was jetzt passieren wird, ist dass das Regime noch mehr versuchen wird, einen Keil hineinzutreiben, zwischen der Diaspora und den Iranern im Innern. Golineh Atai
Golineh Atai berichtet, dass das iranische Parlament angekündigt hat, die Gesetze zu verschärfen und ein neues Spionagegesetz zu verabschieden. Das Regime selbst veröffentlicht 700 Festnahmen in Iran. Golineh Atai vermutet, dass man allein in Teheran hunderte hinzurechnen muss. Auch von sechs Hinrichtungen wird berichtet.
Dabei ist für die Journalistin und langjährige Beobachterin der Region nicht einheitlich, was Menschen zum Beispiel im Jemen oder Syrien über die Bombardierungen Irans durch Israel und die Reaktion darauf denken. In Teilen der Bevölkerung dieser Staaten gebe es durchaus einen eigenen Wunsch danach, dass der Einfluss Irans in der Region geringer wird. Ein Regime-Change sei aber erst wahrscheinlich, wenn er von Innen kommt, wenn die Bevölkerung die Zustände innerhalb Irans nicht weiter ertragen will und sich organisiert.
Ich sehe weder auf der linken noch auf der rechten Seite eine organisierte Opposition. Also man hat die Lehren, die man hätte ziehen können aus 2022, immer noch nicht so recht gelernt. Deswegen verfällt man im Inneren dann immer wieder auf die Strategie sich mit kleineren Freiheiten im Alltag zufrieden zu geben. Golineh Atai
Die Journalistin Golineh Atai weist auch darauf hin, dass echter Wandel in der Region nicht allein militärisch erreicht werden könne. Wenn Israel es zum Beispiel schaffen würde, den Palästinenser:innen und Menschen in Gaza eine Perspektive auf einen eigenen Staat zu bieten, könnte es friedlicher mit seinen Nachbarstaaten leben und damit dem iranischen Regime ein wichtiges strategisches Thema entziehen. Es müsse also in der gesamten Region etwas passieren.
Bio: Golineh Atai (*1974 in Teheran) ist Journalistin und berichtet momentan als Korrespondentin aus Kairo. Ihr Berichtsgebiet ist aber nicht nur Ägypten, sondern auch Libyen, Syrien, Saudi-Arabien, Jemen, und der Libanon, um nur einige zu nennen.
Als sie fünf Jahre alt war, sind Golineh Atais Eltern mit ihr nach Deutschland gezogen. In Heidelberg hat sie Romanistik, Politologie und Iranistik studiert. Nachdem sie mehrere Jahre für die ARD aus Russland und der Ukraine berichtet hat, ist sie 2022 zum ZDF gewechselt und leitet seitdem das Fernseh-Studio in Kairo. Ihr Buch „Iran – Die Freiheit ist weiblich“ ist 2021 erschienen.
Das Gespräch wurde am 27.06.2025 aufgezeichnet.
Host: Shanli Anwar
Redaktion: Parniean Soufiani