Cover: Kelsey Lu – "So Help Me God"

Eine spirituelle Reise Kelsey Lu – "So Help Me God"

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2019 galt Kelsey Lu als neue Hoffnung der Musikwelt, doch Album Nummer 2 ließ lang auf sich warten. Das Warten hat sich gelohnt. "So Help Me God" ist ein faszinierendes Amalgam aus Avantgarde, Jazz, R’n’B und Indie.

Von Marc Mühlenbrock

Kelsey Lu: "So Help Me God"

Reviews 17.06.2026 02:55 Min. Verfügbar bis 16.06.2028 COSMO


Die non-binäre Künstler:in aus L.A. hat vor sieben Jahren das viel beachtete Debut-Album "Blood" vorgelegt. Darauf waren unter anderem die erfolgreiche Single "Due West" und das 10CC-Cover "I’m Not In Love", dem dank Einsatz in der Erfolgsserie "Euphoria" viel Beachtung geschenkt wurde.

Das hat gut gepasst, denn die Ästhetik der Serie entsprach auch der von Kelsey Lus Videos und Artwork. Überhaupt hat Kelsey Lu ein großes Interesse am Visuellen, hat in der Zwischenzeit seit dem Debut zwei Soundtracks gemacht. Was ein Grund ist, warum das zweite Album so lang auf sich warten ließ. Ein anderer: Kelsey Lu glaubt nicht an Marktmechanismen und folgt lieber dem Instinkt. Die Zeit war anscheinend lange nicht reif.

Cineastischer Trip

Auch das neue Album "So Help Me God" ist nun sehr cineastisch geworden. Das Eröffnungsstück "Reaper" wäre bis kurz vor vier Minuten ein perfekter Alternative R’n’B Song im Stile eines Frank Ocean – aber Kelsey Lu gibt sich nochmal dieselbe Zeit, um in jazzige Sphären und Gefühlszwischenwelten abzudriften, unterstützt vom rohen Gitarrensound von Kim Gordon, ehemals Sonic Youth.

"Reaper" setzt den Ton: Das ganze Album hat diese sehr elegante und emotionale Mischung aus Jazz, Barock Pop, Indie und R’n’B. Die Songs dehnen sich förmlich aus, das Verständnis von Raum und Zeit verschwimmt. Und man kann sagen: Das Alles hat eine reinigende und fast schon psychedelische Wirkung.

Elektronische Sounds

Einiges davon kannte man schon vom ersten Album "Blood", aber auf "So Help Me God" geht es weg vom Indie Soul, mehr in Richtung Jazz. Dafür gibt es auch einige Power-Balladen mit 90er Jahre Charme, wie das abschließende "Cutting Off the Head of a Ghost".

Dazu wird Kelsey Lus bewährter Sound mehrfach von Elektronik unterbrochen, meist gegen Ende der sehr langen Songs (einige sind wie das Eröffnungsstück sieben oder acht Minuten lang). Bei "Better Than That" geschieht das durch eine 80er Jahre Drum-Machine, bei "American Sonnet" durch einen Techno Beat und bei "Only the Lonely" durch Drum’n’Bass.

Jack Antonoff, Kamasi Washington und Sampha

Neben Kim Gordon ist auch Superstar-Produzent Jack Antonoff mit an Bord, der für seine Arbeiten mit Taylor Swift, Lorde und Lana del Rey bekannt ist. Er hat "So Help Me God" mitproduziert. Außerdem mit dabei: Kamasi Washington, der Star der neuen Jazz-Szene und der britische R’n’B-Sänger Sampha, beide haben an Songs mitgeschrieben. Trotzdem erscheint "So Help Me God" wie die vollendete Vision von Kelsey Lu. Vom weiterentwickelten, avantgardistischen Klang bis zum gedanklichen Überbau.

Kelsey Lu ist streng als Zeugin Jehovas erzogen worden und mit 18 von Zuhause geflüchtet. "So Help Me God" spiegelt das neuste Kapitel Kelsey Lus eigener spiritueller Reise wider. Auf dem Albumcover sieht man Kelsey in ähnlicher Pose wie auf dem Debut – diesmal allerdings als gefallener Engel, von dessen Flügel nur noch die Knochen übrig sind