Artist der Woche : Artist der Woche: Xatar
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Gangsta, Goldräuber, Geschäftsmann oder einfach Giwar. Xatar hat auf vielfältigen Ebenen die Kultur und Gesellschaft in Deutschland geprägt. Im neuen Podcast "Xatar Legacy" sprechen enge Wegbegleiter, Familie und Fans darüber, was von dem viel zu früh verstorbenen Künstler bleibt.
Von Adrian Nowak & Vincent Lindig
Xatar ist eine der vielschichtigsten Figuren der deutschen Rapszene. Ein gebildeter Gangster, der in London International Business studiert hat, der Klavier spielen, aber auch richtig austeilen konnte. Xatar heißt auf Kurdisch "Gefahr". Verbrechen, Straße, Musik, politisches Engagement, Hype, Herz, Humor - all das hat Xatar in seinem Leben vereint.
Mama war der Mann im Haus
Seine Geschichte fängt in einem Land an, das es angeblich nicht gibt: Kurdistan. Geboren wird Giwar Hajabi 1981 in Sanandadsch, Hauptstadt der iranischen Provinz Kurdistan. Seine Eltern fliehen später aus dem Iran, im Irak wird die Familie monatelang inhaftiert.
Mit Hilfe von Deutsches Rotes Kreuz kommt die Familie nach Europa, ab 1985 leben die Hajabis in Bonn, im Stadtteil Brüser Berg. Xatars Vater, ein Komponist und Dirigent, sorgt dafür, dass Giwar schon als Kind Klavierspielen lernt. Als der Vater die Familie verlässt wird es schwierig für Xatars alleinerziehende Mutter und die zwei Kinder. Giwar verdient sich mit krummen Geschäften was dazu, gleichzeitig begeistert er sich für Musik von Beethoven bis Eurodance:
Rap interessiert ihn zunächst nicht so sehr, erst der melodische G-Funk der US-Westküste weckt sein Interesse richtig:
Platz ins Geschäft
2007 gründet Xatar sein Label Alles Oder Nix Records (AON), auch sein Debüt von 2008 heißt "Alles Oder Nix" und mischt 90er-HipHop-Vibes mit authentischen Straßenrap. Im Video zur Single "Platz ins Geschäft" bringt er selbstbewusste Sprüche und veralbert Studentenrapper, thematisiert aber auch mutig seine kurdische Identität und lässt im Video die kurdische Fahne wehen. Schnell ist klar: Dieser Typ ist einzigartig in der deutschen Rap-Landschaft.
Haft und Hype
Doch ehe der MC aus Bonn mit Rap richtig durchstartet, sorgt er nicht mit Musik, sondern mit einem Goldraub für Schlagzeilen. 2009 überfällt Xatar einen Goldtransporter, flieht danach in den Irak, wird später zurück nach Deutschland abgeschoben. Bis 2014 sitzt er im Gefängnis, doch er weiß die Zeit hinter Gittern zu nutzen.
Er nimmt in seiner Zelle heimlich neue Songs auf, das Ergebnis ist 2012 das Album "Nr. 415", benannt nach seiner Häftlingsnummer. Ein Highlight ist der Track "Interpol.com", in dem er darüber witzelt, dass er statt einer Facebook-Seite ein Profil auf der Website von Interpol hat. Im Video-Clip lip-syncen Rapgrößen wie Azad, Eko Fresh, Haftbefehl und KIZ die ironischen Zeilen des Inhaftierten. Auch wenn Xatar einsitzt, ist die Hype-Maschine nicht aufzuhalten.
Meister der Memes
Im Gefängnis gibt Xatar 2013 der VICE ein Interview, seine Vorfreude auf einen Köfte-Spieß in Freiheit wurde zum viralen Meme:
Der gerissene Geschäftsmann Xatar weiß den Hype zu nutzen und bringt später seinen eigenen Köftespieß in die Supermärkte und eröffnet den Imbiss Haval Grill. Auch Sprüche wie "Iz da", "Der Bira trägt Mantel" gehen viral und werden Teil von Jugendsprache und Internetkultur, unvergesslich ikonisch auch die Frage "Wo ist das Gold?" aus einem Stern TV Interview.
Freiheit und Fame
Nach der Entlassung startet Xatar richtig durch. Sein Album "Baba aller Babas" landet 2015 auf Platz 1 der deutschen Charts, dank Boom Bap Beats, melodiösen Samples und instant Klassikern wie "Iz da", "Original" und "Mein Mantel":
Mit AON Records fördert er in den folgenden Jahren Leute wie Schwesta Ewa, SSIO und Samy, später auch junge Talente wie Eno oder Mero. Ein besonderer Coup ist "Der Holland Job", ein gemeinsames Album mit dem Frankfurter Rap-Giganten Haftbefehl. Seine bewegte Geschichte schreibt Xatar 2015 in der Biografie "Alles oder Nix" nieder, 2022 verfilmt Star-Regisseur Fatih Akin den Bestseller:
Im Mai 2025 verstirbt Xatar mit 43 Jahren viel zu früh. Doch auch ein Jahr nach seinem Tod ist die unglaubliche Strahlkraft von Xatar ungebrochen, es erscheint eine Dokumentation über sein Leben und ein sechsteiliger Podcast über den Baba aller Babas: "Xatar Legacy". In Gesprächen mit seiner Ehefrau, seinem Jugendfreund Samy und prominenten Fans wie Influencer Tahsim zeigt sich: Das Erbe von Xatar lebt weiter.