SHKOON: "Traces"

Album der Woche SHKOON: "Traces" - Musikalische Diplomatie auf Spurensuche

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Die deutsch-syrische Band SHKOON hat sich seit ihrer Gründung 2015 zu einem prägenden Protagonisten der modernen arabischen Electronica-Szene entwickelt.

Von Vincent Lindig

Ihr Motto: Menschen durch musikalische Diplomatie zusammenbringen. Jetzt ist das neue Album "Traces" erschienen – das bisher persönlichste Kapitel von SHKOONS Bandgeschichte.

SHKOON: "Traces"

COSMO Album der Woche 27.04.2026 02:36 Min. Verfügbar bis 27.04.2027 COSMO


Aus der WG in die Welt

Sänger und Perkussionist Ameen Khayer musste 2015 vor dem Bürgerkrieg aus seiner Heimat Syrien nach Deutschland fliehen. Dort landete er in Hamburg und lernte Keyboarder und Produzent Thorben Diekmann kennen. Die beiden jammen spontan in einer WG-Küche – aus dieser Session entsteht die Idee, eine Band zu gründen. Schon kurze Zeit später folgen gemeinsame Songs und erste Auftritte. Das Projekt SHKOON ist geboren: ein musikalischer Brückenschlag zwischen arabischer Folklore, traditionellen Texten und Gesangsformen und modernen elektronischen Beats.

Musikalische Brücke

Die künstlerische Formel von SHKOON verbindet Welten – musikalisch wie persönlich. Ameen und Thorben bringen völlig unterschiedliche Hintergründe mit, fusionieren aber in der Musik perfekt. Kein Wunder: Hinter dem Bandprojekt steht eine tiefe Freundschaft:

"Beim Musikmachen ist es jetzt nicht so, als redeten wir wahnsinnig viel und entschieden dann: Jetzt lass mal darüber was schreiben. Man ist am Musikmachen und dann sitzen wir da, trinken Kaffee und rauchen 25 Zigaretten. Und obwohl wir aus anderen Enden der Welt kommen, andere Geschichten haben, gibt es doch auch immer wieder Überschneidungen und ich glaube, das war das, wo es dann immer interessant wurde beim Arbeiten am Album." Thorben Diekmann

So entsteht ein einzigartiger musikalischer Brückenschlag: Arabische Folklore und Mawwal-Poesie, mit deren melancholischer Bildsprache Ameens seine Lebenserfahrungen verarbeitet, treffen auf sphärische Deephouse-Instrumentals und wabernde Synthieflächen. Syrische Dabke-Elemente dürfen natürlich auch nicht fehlen – all das geht auf in einem Sound, der hypnotische, entrückte und zugleich treibende Momente auf dem Dancefloor schafft, die man eigentlich unter freiem Himmel erleben müsste.

Eine neue Ebene des Erzählens

Die Texte des Albums sind oft traditionelle Volkslieder aus dem arabischen Raum, die von SHKOON in einen völlig neuen Raum gehoben werden. "Traces" ist aber auch das erklärtermaßen persönlichste Album bisher. In "Hannen" greifen SHKOON einen Protestsong auf, der bei der Syrischen Revolution auf den Straßen gesungen wurde: "Ja, 'Hannen' ist Freiheit für mich. Es ist Revolution für mich", erzählt Ameen.

"Wir haben das gesungen auf der Straße in Syrien und das ganze syrische Volk hat dieses Lied gesungen auf der Straße gegen Bashar al-Assad." Ameen Khayer über den Song "Hannen"


In "Tired Way", dessen Text vom syrisch-kurdischen Dichter Hussein Hamza stammt, geht es um die Erschöpfung, die ein Leben auf der Flucht und die Suche nach einem neuen Zuhause mit sich bringen Dazu sagt Ameen: "'Tired Way' kommt von der Coast Region. Und ich war da für fast sieben Jahre in meinem Leben. Ich habe da studiert und ich bin festgenommen worden wegen Demos und so Der Song erinnert mich an diese Zeit von meinem Leben". Die Melancholie, die Sehnsucht und die Hoffnung zwischen den poetischen Zeilen transportieren sich ganz ohne Arabischkenntnisse. Ein kleines, musikalisches Zauberstück.

Erfolgreiches Live-Projekt

SHKOON sind keine Studioband, die perfektionistisch an Produktionen arbeitet, bis alles sitzt – das Duo ist von Anbeginn an ein dynamisches Live-Projekt, das Skizzen und Ideen mit seinem Publikum teilt. "Wir sind nicht so die, die sich ins Studio hinsetzen und dann Songwriting, Produktion, Aufnahme fertig", erzählt Thorben. "Wir haben immer viele von unseren Ideen sehr früh mit auf die Bühnen genommen und dann dort weiterentwickelt." Die Konzerte sind ein zentraler Teil des Projekts SHKOON. Das Duo hat in ganz Europa, Nordamerika, aber auch in Ländern wie Libanon, Ägypten, Saudi-Arabien oder Tunesien gespielt – gerade hier wird SHKOON für den musikalischen Brückenschlag zwischen arabischer Folklore und modernen Clubbeats frenetisch gefeiert.

Auf ihrem neuen Album "Traces" fließen hörbar Erfahrungen ein, die die beiden auf Tour, gerade in der arabischen Welt, gesammelt haben. Für Ameen sind diese Auftritte vielleicht sogar eine Art Heimkehr. „Es gibt so viele geflüchtete Menschen, nicht nur Syrer. "Die Leute aus Palästina, die Leute aus Tunesien, aus dem ganzen arabischen Raum", sagt er. "Und die sind überall in der arabischen Welt. Wenn ich da zurückgehe und ich sehe alle Leute zusammen und sie feiern unsere Musik. Diese Energie und diese Liebe, die die geben, es ist unglaublich. Es ist ein schönes Gefühl, da zu sein". Und so schaffen SHKOON einen Safe-Space auf dem Dancefloor: hypnotische Beats, wabernde Flächen und darüber Ameens fesselnder Gesang, mit dem er seine bewegte Geschichte verarbeitet: Eintauchen, Abschalten, Kraft tanken.