Eine Collage an Reggae-Styles : Runkus mit "Supernova" – eine Collage an Reggae-Styles
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Der jamaikanische Artist Runkus läuft für viele unter dem Radar. Im Underground gefeiert, für den Rest zu sehr Weirdo, zu wortgewaltig und sperrig. Das hat er sich für "Supernova" zu Herzen genommen und einen anderen Weg gewählt – ohne Kompromisse einzugehen.
Von Ellen Köhlings & Pete Lilly
Romario Sebastian Anthony Bennett, a. k. a. Runkus, kennt das jamaikanische Musikgeschäft von Kindesbeinen an. Sein Vater, der Reggae-Sänger Determine, hat ihn zu so mancher Studiosession mitgenommen. Er hat Reggae, Roots und Rastafari quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Dies paart er mit HipHop, Dancehall, Jazz, Ska, aller möglicher Bassmusic und wonach ihm sonst gerade der Sinn steht – ein eklektischer Mix, der auch den Kern von "Supernova" ausmacht.
Scientist of Nostalgia
Runkus hat sich viel Zeit genommen für "Supernova". Statt Musik zu machen, hat er vor allem erstmal Musik gehört und wie ein Wissenschaftler die Techniken der alten Meister analysiert. Sein Fokus lag auf den größten Alben aller Zeiten. Von Michael Jackson, Led Zeppelin, Eagles, Sade bis Bob Marley. Runkus hat Methodiken herausgefiltert und auf seinen Sound angewandt. So wollte er an ein kollektives Unterbewusstsein appellieren, Erinnerungen an Bekanntes nutzen und Anschlussfähigkeit erzeugen. Seine Referenzen an Vergangenes aus Soul, R&B, HipHop, Roots-Reggae und Early-Dancehall in Form von Samples und Zitaten schaffen eine Vertrautheit, die vielen Songs des Albums Pop-Appeal und Tanzbarkeit verleiht.
Collage aus Verbindungen
Die zahlreichen musikalischen Bezüge und Verweise zeigen eine innere Verbundenheit in der Black Music auf, in der alles fließt – nichts klingt losgelöst oder zusammenhangslos. Runkus geht es auch in seinen Texten darum, Verbindungen herzustellen. Alles hat mit allem zu tun: Rastafari mit Dancehall, Louis Vuitton mit Sklaverei, Bounty Killer mit einem Himmel voller Geigen, Bildende Kunst mit der Ghettojugend. Hier wird nicht nur ein Song im nächsten aufgegriffen und weitergedacht. Da wird Vergessenes in Erinnerung gerufen, Sound- und Bedeutungsebenen übereinander geschichtet, Semantikschnipsel neu zusammengesetzt – eine wunderbare Soundcollage.
Peter Tosh und Sean Paul
Runkus sprudelt nur so vor Ideen als Songwriter, Produzent, Lyricist und Beat-Bastler. Am Mic ist er in der Lage, jedes Register zu ziehen: Er kann rappen, chanten, singen, deejayen und skatten. Am Anfang eine Klaviermelodie, Spoken Words, dann rattert Runkus drauflos und verhandelt Weltpolitik in jamaikanischer Soundclash-Manier. "Sheep" startet mit A-capella-Gospel-Gesang; darauf folgt ein Zitat von Peter Tosh, bevor es funky wird. Im Mittelteil des Albums gibt es mit "Sure As The Sun" eine aufbauende Reggae-Nummer mit Weltstar Sean Paul. In der ersten Singleauskopplung "3310" geht es um das gleichnamige Nokia-Phone, das gerne von Kriminellen und in Jamaika besonders gerne von Scammern benutzt wird – dem Traphall-Genre in Jamaika wird nachgesagt, von Scammern finanziert zu werden. Runkus macht im Song auf einem trockenen 90s-Dancehall-Beat klar, worum es ihm geht: "Make Dancehall nice again."
Art imitates Music. Music imitates Art.
Eigentlich sollte das Album zur gleichnamigen Kunstausstellung "Supernova" im letzten Jahr in der Kunsthalle Mannheim erscheinen. Der Künstler Tavares Strachan von den Bahamas hatte Runkus damit beauftragt, die Musik dafür bereitzustellen. Dabei hat sich Runkus teilweise von den Titeln der Installationen leiten lassen. Strachan geht es in seiner Kunst vor allem darum, die Rolle Schwarzer Menschen in der Geschichte sichtbar zu machen. Dazu zählt zum Beispiel die wichtige Bedeutung des Jamaikaners Marcus Garvey, auf den sich sowohl Runkus als auch Strachan beziehen. Künstler und Musiker lassen so aus der Vergangenheit etwas Neues entstehen. Runkus dehnt Reggae in alle Richtungen aus und pusht ihn nach vorne, ohne dessen Seele zu verlieren – große Kunst!