Das Leben im Norden von Philadelphia war nicht immer einfach für Jill Scott. Hier ist die Sängerin, Dichterin und Schauspielerin 1972 zur Welt gekommen und erlebte schon als Kind, wie ihre Freunde Drogen verkauften oder erschossen wurden. Ihre Mutter versuchte, ihr trotzdem eine liebevolle und inspirierende Kindheit zu ermöglichen, kochte köstliches Soulfood, nahm sie mit ins Theater oder schmuggelte Klein-Jilly unter ihrem Mantel in den Jazzclub Ortliebs.
Die frühmusikalische Erziehung zeigte ihre Wirkung und so trat Jill später als Dichterin und Sängerin bei Poetry Events und Jam Sessions auf. Hier traf sie auf Questlove, den Drummer der Rap-Band The Roots, gemeinsam schrieben sie 1999 den Welthit "You Got Me" für Erykah Badu und The Roots.
Ihr Debütalbum "Who is Jill Scott?" erschien 2000 und wurde mit einem Grammy ausgezeichnet. Später folgten vier weitere gefeierte Alben, außerdem veröffentlichte Jill Scott einen Gedichtband und arbeitete als Schauspielerin, u.a. im James Brown Bio Pic "Get On Up" oder in der Superhelden-Serie "Black Lightning".
Weiblichkeit und Selbstbewusstsein
Ihr letztes Album "Woman" ist 2015 erschienen und so hat sich in den letzten elf Jahren viel Material angesammelt, denn ihr neues Opus "To Whom This May Concern" kommt mit 19 Stücken daher und einer Spieldauer von einer Stunde.
Das Album ist ein Ozean aus Soul, Jazz und Rap – kommt mal stürmisch, mal sanft daher – aber immer mit tiefsinnigen und engagierten Texten. Die Single "Pressha" beschäftigt sich mit Oberflächlichkeit und Schönheitsidealen: "So much pressure to appear just like them / pretty and cosmetic". Dazu erklingt ein zarter Neo-Soul-Beat mit cineastischen Streichern und jazzigen Horns.
Besonders doppeldeutig kommt das sinnliche "Don't Play" daher. Der Beat und der Gesang kommen kuschelig und soulig daher, die Lyrics bringen uns aber mit frechen Punchlines wie im Rap zum Schmunzeln. Jill Scott erklärt, wie sie sich ihren idealen Lover vorstellt: "You ain't no jackhammer / I ain't no city street […] Change the position up /
Give me Afrobeats / Please me hard / So hard like a K-Dot lyric, than sweet". Noch Fragen?
Jilly from Philly
Ihren irren Humor hört man auch auf "Pay U On Tuesday", ein überdrehtes Liedchen über nichtsnutzige Typen, die andauernd Stress machen. Das Lied kommt mit allerhand Schimpfwörtern daher, klingt aber wie eine harmlose Frank-Sinatra-Big-Band-Nummer – dieser schräge Kontrast aus Hochglanz-Sound und Straßen-Slang, das kriegt nur Jilly from Philly so hin.
Einen ganz anderen musikalischen Style hören wir auf "BPOTY", das auf einem funky Rap-Beat basiert und an die Blaxploitation-Ära in den 70ern erinnert. "BPOTY" steht für "Biggest Pimp of the Year", das Lied ist aber keine Ode an die Zuhälterei. Jill vergleicht hier einen geldgeilen Pfarrer oder die Pharmaindustrie mit einem Zuhälter.
Ein weiterer heißer Raptrack ist "Norf Side" auf einem trockenen Beat von DJ Premier, bekannt durch seine Produktionen für Rap-Legenden wie Gangstarr, Nas oder The Notorious B.I.G. In dem Lied geht es aber weniger um die Gegend, in der sie aufgewachsen ist, sondern eher darum, was für eine selbstbewusste Frau aus dem kleinen Mädchen aus der North Side geworden ist. Als Sahnehäubchen gibt es noch einen Part der Rapperin Tierra Whack, die ebenfalls aus dem Norden von Philadelphia kommt.
Wohlklingendes Soulfood
Zwischen überdrehten und überdeutlichen Ansagen gibt es auch viel sanftes musikalisches Soulfood - Songs, die wirken wie eine kuschelige Umarmung. "Beautiful People" ist eine Ode an ihre Liebsten, warme Feel Good Music mit einem jazzy Afro Vibe. Eine Rückbesinnung auf die afrikanischen Wurzeln hören wir in dem Lied "offdaback", in dem sie beschreibt, wie sie "off the back of my ancestors" Großartiges geschaffen hat. In eine ähnliche Richtung geht es auch auf "Aṣẹ", einem spirituellen Song über einen Begriff aus der westafrikanischen Yoruba-Kultur. Jill Scott preist hier "Aṣẹ", die Lebenskraft, die von der höchsten Gottheit gegeben wird und in jedem Individuum steckt.
"To Whom This May Concern" ist kein schnelllebiges Streaming-Futter mit simplen 2-Minuten-Songs – Jill Scott nimmt uns mit auf eine reichhaltige Reise voller Groove, Humor, Weisheit, Liebe und Sinnlichkeit.