Der schwedische Begriff "Människobarn" ist genauso oldschool wie das deutsche "Menschenskind". Im Schwedischen ist es aber kein Ausruf für Verärgerung oder Erstaunen, sondern ein Begriff, den eine höhere Instanz – vielleicht ein Gott – verwenden würde: "Er wird in religiösen Texten benutzt. Nicht wirklich im Alltag. Es ist ein altes Wort für die Menschheit, die von einer Art nicht-menschlichem Auge beobachtet wird", sagt Sängerin Anna Ahnlund, die für die poetischen Lyrics und beeindruckenden Gesangsmelodien bei Dina Ögon ("Deine Augen") zuständig ist.
Im Titeltrack des Albums singt sie: "Bist du jetzt glücklich, Menschenkind?“. Es ist ein Song über Machtgier, das Verlangen nach immer mehr und dabei subtil gesellschaftskritisch mit einem offenbar politischen Touch. Grundsätzlich sind Songs von Dina Ögon mysteriös und lassen Interpretationsspielraum. Anna Ahnlund gefällt die Vielschichtigkeit: "Manchmal sind die Lyrics nicht unbedingt uplifting, aber die Musik hat irgendwie Hoffnung in sich. Es gibt dann diese Art Doppeldeutigkeit."
Global Pop-Lieblinge
Dina-Ögon-Songs strahlen oft eine gewisse Wärme aus. Die Nutzung von Vintage-Mikrofonen und ihr Sound Richtung 60er- und 70er-Jahre bringen das mit sich. Ihren Sound, der mehrere internationale Einflüsse und mal psychedelische Nuancen hat, haben sie über die Jahre perfektioniert. Dina Ögon sind eingespielt: Sie machen seit über einem Jahrzehnt in verschiedenen Konstellationen gemeinsam Musik. Sie waren und sind an verschiedenen Projekten beteiligt wie zum Beispiel an der Musik von dem schwedischen Instrumental-Artist Sven Wunder, dem in Schweden lebenden nigerianisch-britischen Spoken-Word-Artist Joshua Idehen oder der französischen Musikerin Melody’s Echo Chamber.
Auch solo sind sie aktiv. Gitarrist Daniel Ögren hat letztes Jahr noch ein Album veröffentlicht. Seit ihrem selbst-betitelten Debüt-Album, gehört die Band zu gerne gehörten Dauergästen auf diversen Global-Pop-Playlists. Zum Beispiel landete ein Song von ihnen auch auf einer Liste von US- Rapper Tyler, The Creator, der früh auf ihre Musik aufmerksam wurde.
Dina Ögon wurden vom Global-Pop-Geheimtipp zur schwedischen Musik-Größen. Sie wurden zweimal mit dem größten schwedischen Musikpreis "Grammi" ausgezeichnet. Zuletzt waren sie die Hausband der großen Game-Show "På Spåret" im schwedischen Fernsehen und haben bekannte Songs als Dina-Ögon-Coverversionen performt. Jetzt war also wieder die Zeit für ein neues Album - pünktlich zum Frühlingsbeginn, wie es für die Gruppe üblich ist.
Wehmut und Hoffnung
Fürs Recording ging es für drei der vier Bandmitglieder von der Hauptstadt Stockholm nach Göteborg an der Westküste, wo Drummer Christopher Cantillo lebt. Im Svenska Grammofon Studio, das in Schweden einen guten Ruf besitzt, haben sie konzentriert an den Song-Ideen gearbeitet, immer auf der Suche nach dem Vibe, sagt Bassist Love Örsan: "Wenn wir dann etwas gefunden haben, das funktioniert, dann ist das nicht etwas, das in der Theorie entstanden ist, sondern im Herzen".
Das scheint oft geklappt zu haben. Mit 13 Songs ist "Människobarn" das bislang längste Album der Band - eine Doppel-LP. Auf den Songs geht es u.a. um schädliche Routinen der Menschheit oder in Beziehungen, um Streit oder Zuneigung. Ein nostalgischer Vibe und Groove sind dabei allgegenwärtig. Es ist der typische Dina-Ögon-Sound mit Gesang auf Schwedisch, den Anna Ahnlund mühe- und stufenlos in die verschiedensten Klang-Etagen schraubt. Dafür werden sie seit Jahren international gefeiert und bleiben ihrem Stil auch auf "Människobarn" treu.
Für Gitarrist Daniel Ögren schwingt in ihrer Musik oft Wehmut mit. Gleichzeitig vermittelt die musikalische Leichtigkeit vieler Songs ein Gefühl von Hoffnung. Und die kann die Menschheit angesichts der vielen Kriege und Krisen auf der Welt eigentlich immer gebrauchen.