Camille Yembe steht vor einem Mischpult

Die Stimme der Underdogs Album der Woche: Camille Yembe – "Jeune & Laide"

Stand:

Die Belgierin Camille Yembe bringt die Geschichten der Unterschicht in den Mainstream. Ihre Songs klingen nach fröhlichem Indie Rock, New Wave oder sphärischem Pop - in ihren Texten geht es um Rassismus, zerrüttete Familien und den Alltag in Arbeitervierteln.

Von Adrian Nowak

Camille Yembe: "Jeune & Laide"

Reviews 08.06.2026 02:28 Min. Verfügbar bis 07.06.2028 COSMO


Wenn Stromae deine Musik abfeiert, hast du etwas richtig gemacht: "Sie hat eine schöne Stimme und es ist sehr gut produziert". So lobte der belgische Superstar Camille Yembe in den sozialen Medien - ein Ritterschlag für die Sängerin aus Brüssel, die seit ihrer Jugend Stromae-Fan ist. Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen den beiden, denn ähnlich wie Stromae mischt Yembe poppigen Sound mit tiefsinnigen und persönlichen Texten. 

Familie und andere Probleme

Angefangen hat die Geschichte von Camille im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, wo sie 1997 geboren wird. Ihre Mutter ist Belgierin, ihr Vater kommt aus dem Kongo, als Kind reist sie mehrmals nach Afrika. Doch als Camille sechs ist, trennen sich die Eltern, drei Jahre später zieht ihr Vater zurück nach Kinshasa.

Dieses Element beinhaltet Daten von Instagram. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Die Mutter findet einen neuen Partner, doch Camille kommt nicht klar mit ihrem Stiefvater. Mit gerade mal 16 Jahren fliegt Camille zu Hause raus und ist zunächst auf sich allein gestellt. Dann nimmt die Familie ihrer besten Freundin sie bei sich auf. Diese Situation inspiriert viele Stücke auf dem Album, in denen Camille Yembe schonungslos ehrlich die Geschichte ihrer verkorksten Jugend erzählt. Im Rock-Song "Paradoxale" thematisiert sie ihre Rolle als Außenseiterin in der belgischen Familie: "Famille dit que j'dérange, y a personne qui m'ressemble" - "Die Familie sagt, dass ich störe, es gibt niemanden der mir ähnlich sieht".

Auch in dem millionenfach geklickten Hit "Je ne l'ai jamais dit à personne" beschreibt sie die schwierige Geschichte ihrer dysfunktionalen Familie: "Ich habe noch nie jemanden gesagt, dass ich Geld aus dem Auto meines Stiefvaters geklaut habe / Wo ist mein Vater, mein Land, meine Tradition?" Außerdem kritisiert sie ihre Mutter: "Um ihm zu gefallen, vergisst sie meinen Vornamen". Das Lied beginnt wie eine Ballade, erst nach anderthalb Minuten setzt ein wilder Afrobeat-Drumbeat ein, inspiriert vom nigerianischen Schlagzeug-Gott Tony Allen.

In "16 ans dans les veines" thematisiert sie den Bruch mit der Familie und ihre Einsamkeit. Ihr zur Seite steht dabei die belgisch-ruandische Sänger Lous & Les Yakuza, welche ebenfalls eine schwierige Jugend hatte und zeitweise auf der Straße gelebt hat. Dazu ertönt zunächst nur ein zartes Klavier-Backing, zum Ende hin explodiert das Stück mit opulenten Streichern.

Pop für den Block

Den Kontrast zwischen harter Story und softer Musik erleben wir besonders deutlich in "Rien à fêter". Das Lied kommt mit einem beschwingten Pop-Beat und fröhlichen Melodien daher, im Text geht es um das Leben in einem Arbeiterviertel. "Rien à fêter" heißt: "Hier gibt es nichts zu feiern". Sie erzählt von Menschen, die sich den ganzen Tag lang betrinken und von einem Date, welches platzt, weil ihr Freund im Gefängnis gelandet ist. Trotzdem versucht sie positiv zu bleiben, begrüßt alle mit einem Peace-Zeichen und trägt einen kurzen Rock in der Hoffnung, so den Sommer verlängern zu können. Mit diesem Radiohit stürmte Camille Yembe den Mainstream, platzierte Geschichten von sozialen Außenseitern in nationalen Radio-Talkshows und Fernseh-Sendungen.

Geld regiert die Welt

Ein Thema, dass immer wieder auftaucht, ist Geld. Denn wenn man keins hat, dann dreht sich alles darum. "Les Euros" klingt wie ein 80er-Pophit, im hymnischen Chorus wiederholt sie immer wieder: "Ich habe keine Euros". Ein modernes Volkslied für die Arbeiterklasse. Das merkt man vor allem, wenn Camille den Song live performt und alle lauthals mitsingen.

Aufbruchstimmung gibt es in "Rich". Hier schildert sie ein Gespräch mit einer Sozialarbeiterin, die ihr geraten hat, eine solide Ausbildung zu machen, anstatt Musikerin zu werden. Im Chorus betont Camille aber ihre Entschlossenheit: "Eines Tages werde ich reich reich reich sein!" Dazu wummert ein energiegeladener Beat, der an karibische Tanzmusiken wie Soca und Bouyon erinnert.

Sprache und Poesie

Neben diesen direkten Ansagen gibt es auch poetische und metaphorische Texte. In "Long métrage" hofft sie, dass eine neue Beziehung ein langer Spielfilm wird. In "Vol 170197" vergleicht sie das Leben mit einer Flugreise. "Vol 170197" heißt "Flug 170797" und die Flugnummer entspricht Camilles Geburtsdatum. Sie beschreibt ihren Lebensflug mit Verspätungen, Stürmen und Bruchlandungen – ein lyrisches Meisterwerk.

Mit dem Titel "Jeune & Laide" (zu deutsch: Jung und hässlich) gelingt es Camille das Konzept des Albums bildreich zusammenfassen: "Sobald wir an Jugend denken, denken wir an jung und hübsch, naiv, sorglos, unbeschwert. Wir denken an ziemlich positive Dinge. Doch wenn ich an meine Jugend denke, sehe ich viele harte Zeiten und komplizierte Wege."

"Jeune & Laide" ist ein eklektisches, komplexes Album, das Experimentierfreude und Pop-Appeal, Catchiness und Tiefgang genial vereint. Camille Yembe positioniert sich als vielseitige Künstlerin: Mal poetisch, mal direkt - aber immer authentisch.