Zu rechts? Gründungsversammlung der neuen AfDJugendorganisation
Aktuelle Stunde . 29.11.2025. 39:28 Min.. Verfügbar bis 29.11.2027. WDR. Von Cedrik Pelka.
Die "Junge Alternative" hatte sich im Frühjahr aufgelöst, nachdem sich die AfD von ihr getrennt hatte. Als eigenständiger Verein war die vom Verfassungsschutz als erwiesen rechtsextremistisch eingestufte "Junge Alternative" nur lose an die AfD angebunden gewesen.
Nun hat sich am Samstag in Gießen auch offiziell eine neue Jugendorganisation der Partei gebildet. Das Statut für "Generation Deutschland" wurde am Nachmittag mit großer Mehrheit angenommen. Für die neue Jugendorganisation soll eine Altersgrenze von 35 Jahren gelten. Anders als bei der "Jungen Alternative" muss jedes Mitglied der neuen Jugendorganisation auch der AfD angehören und ist damit disziplinarisch der Mutterpartei unterworfen.
Laute Proteste in Gießen
Auch Vermummte unter den Gegendemonstranten
Begleitet wurde die Veranstaltung von Protesten: Demonstranten skandierten bereits am Morgen "Alle zusammen. Gegen den Faschismus" und "Stoppt die Brandstifter" bei einer Kundgebung am Bahnhof in Gießen. Gleichzeitig war es zu ersten Blockaden gekommen. Zudem fanden sich nach Polizeiangaben mehr als 25.000 Menschen zu Demonstrationszügen in der Stadt ein. Aus ganz Deutschland, auch aus NRW, brachten Busse Demonstrierende nach Gießen. Wegen verschiedener Blockadeaktionen hatte sich der Start des AfD-Treffens um mehrere Stunden verzögert.
Mehrere Verletzte unter Demonstrierenden und Einsatzkräften
Die Uniklinik meldete, dass zehn Menschen mit leichten Verletzungen unfallchirurgisch behandelt werden mussten. Die Polizei sprach mittags außerdem von "mehreren leicht verletzten" Einsatzkräften. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot und Beamten aus mehreren Bundesländern vor Ort.
Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) berichtete von mehreren Hundert gewaltbereiten Demonstranten, die Einsatzkräfte mit Flaschen und Steinen angegriffen haben sollen. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Randalierer vor.
Angriff auf AfD-Bundestagsabgeordneten
Der Gießener AfD-Bundestagsabgeordnete Julian Schmidt ist auf dem Weg zur Veranstaltung geschlagen und verletzt worden. Er berichtete von einer gewalttätigen Attacke durch rund 20 Demonstranten, bei der er Gesichtsschwellungen erlitt. Die Polizei bestätigte, ein AfD-Bundestagsabgeordneter sei im nahegelegenen Heuchelheim verletzt und der mutmaßliche Täter festgenommen worden.
Riedel: "Es wird sich vermutlich nicht so viel ändern"
WDR-Journalistin Katja Riedel
Katja Riedel arbeitet für WDR Investigativ und beschäftigt sich schon länger mit der AfD und der neuen Rechten. Im WDR-Interview spricht sie darüber, wie sie die neue Nachwuchsorganisation der AfD einschätzt und was sie von der alten "Jungen Alternative" unterscheidet.
WDR: Es gab ja schon mal eine "Junge Alternative", wieso braucht es jetzt eine neue Nachwuchsorganisation?
Katja Riedel: Meines Erachtens steckt da schon eine Strategie dahinter. Die "Junge Alternative" war vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft und sie war eher selbstständig. Das heißt, sie war ein unabhängiger Verein und hatte nur eine lose Anbindung an die AfD. Der Partei hat sie häufig sehr viel Ärger gemacht. Man hat in der AfD dann die Idee gehabt, die neue Jugend sehr viel stärker an sich anzubinden. Einerseits kann man so stärker auf sie einwirken - man kann zum Beispiel auch disziplinarische Strafen verhängen, wenn sich jemand daneben benimmt. Auf der anderen Seite kann man so einen unabhängigen Verein auch relativ einfach verbieten. Das geht jetzt jedoch nicht mehr so einfach, jetzt ist es dann eben ein Teil der Partei.
WDR: Das heißt, aus der Parteispitze im Bund stellt man sich in Zukunft die Zusammenarbeit etwas kontrollbasierter vor?
Riedel: Ja, das ist die ursprüngliche Vorstellung gewesen. Wie das dann in der Praxis tatsächlich sein wird, das muss man dann sehen.
WDR: Jetzt sind Nachwuchsorganisationen immer etwas provokanter als die Mutterpartei. Jean-Pascal Hohms soll der erste Chef der "Generation Deutschland" werden. Vom Landesverfassungsschutz Brandenburg wird Hohms als Rechtsextremist eingestuft. Ist sein Stil jetzt auch der Stil, den wir da erwarten können in der Zukunft?
Riedel: Also man muss zumindest sagen, dass es der Stil war, für den die alte Organisation gestanden hat. Unser Rechercheteam, aber auch viele andere Kolleginnen und Kollegen haben sich in den vergangenen Monaten angeschaut, was da jetzt neu geschaffen wird. Wir gucken uns die Personalien an und auch diejenigen, die an der Entstehung der neuen Organisation mitgewirkt haben. Und da muss man sagen, es sind im Grunde genommen die alten Netzwerke, die alten Menschen, die alten Inhalte und es wird sich vermutlich nicht so viel ändern.
"(...) es sind im Grunde genommen die alten Netzwerke, die alten Menschen, die alten Inhalte und es wird sich vermutlich nicht so viel ändern." Katja Riedel, WDR Investigativ
WDR: Bei der AfD spielen ja insbesondere die Aktivitäten auf Social Media eine große Rolle in der politischen Kommunikation. Was ist da von der Nachwuchsorganisation zu erwarten?
Riedel: Ja, es wird interessant werden, ob man sich da in irgendeiner Form mäßigen wird. Das wäre jetzt eigentlich der einzige Punkt, an dem ich mir das so direkt vorstellen könnte. In Sachen Social Media war die AfD ja generell immer sehr, sehr aktiv und die größten Impulse kamen eben von den Jungen. Diese haben da sehr stark auf die älteren AfD-ler eingewirkt und die eben auch bei TikTok stark gemacht und geschult.
WDR: Das heißt, man könnte ähnlich provokante Botschaften erwarten, aber möglicherweise in einer etwas seriöseren Aufmachung?
Riedel: Vielleicht noch nicht mal in einer anderen Aufmachung. Was wir auf jeden Fall wissen, das haben wir in die Hände bekommen, war die Einladungsliste für diese sogenannten Vorfeldsorganisationen rund um die AfD-Jugend. Da sind Firmen dabei, die knackige Aufkleber, Slogans und T-Shirts machen, die alle sehr griffig sind - wie zum Beispiel die Erfindung des Stolz-Monats. Das wirkt dann eher in die Gesellschaft rein und auch auf die Partei. Also dieses Knackige, das werden die sich wohl bewahren, wenn sie diejenigen jetzt auch zu ihrer Neugründung einladen.
WDR: Wie groß könnte denn diese neue Nachwuchsorganisation jetzt werden?
Riedel: Die könnte sehr groß werden. In der alten "Jungen Alternative", da durften ja auch Leute drin sein, die gar nicht in der AfD sind - das ist jetzt Grundvoraussetzung. Und wie wir hören, hat die AfD jetzt mal nachgerechnet: Momentan sind sie überhaupt in einem sehr starken Wachstum. Von den derzeitigen Mitgliedern wären etwa 9.000 eintrittsberechtigt, während es früher nur 2.500 insgesamt waren. Also es wäre eine sehr große Gruppe. Jetzt in Gießen werden aber nur etwa 1.900 Personen anwesend sein, die sich dafür interessieren, dieser Jugend beizutreten.
WDR: Sie haben eben schon gesagt, dass die "Junge Alternative" vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft war. Jetzt gründet sich eine Nachfolgerin. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass da jetzt das Gleiche wieder passiert?
Riedel: Also, der Verfassungsschutz schaut sich ja Personen und Personenzusammenhänge an. Ein vergleichbares Beispiel ist Schnellroda. Da befindet sich quasi die große Denkstätte der neuen Rechten - bei Götz Kubitschek. Der hat vor zwei bis drei Jahren seine ganzen Strukturen dort geändert, hat alles anders benannt, andere Rechtsformen gewählt. Das hat man sich dort eine Zeit lang angeschaut und gesagt: Das ist dasselbe, was wir sehen. Es sind dieselben Leute, dieselben Inhalte. Deshalb hat man da nichts geändert.
Das Interview führte Tobias Strauß für das WDR 5 Morgenecho. Für die Online-Version haben wir es zur besseren Lesbarkeit gekürzt und sprachlich geglättet, ohne es inhaltlich zu verändern.
Unsere Quellen:
- Interview mit Katja Riedel im WDR 5 Morgenecho
- Nachrichtenagentur dpa
Sendung: WDR 5, Morgenecho, 29.11.2025, 08:36 Uhr.