Meinung

Keine Sprache, keine Bildung

Stand:

Jedes dritte Kind startet mit Defiziten in die Schule, oft im Bereich Sprachkenntnisse. Sprachförderung soll nun helfen, doch es fehlt an Personal und oft auch an Verantwortung.

Der Alltag an unseren Schulen hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Das hat vor allem damit zu tun, dass Kinder heute mit ganz anderen Voraussetzungen in die Schulen kommen. Manche sprechen kaum Deutsch oder haben zumindest einen sehr geringen Wortschatz. Andere können sich nicht länger als ein paar Minuten konzentrieren, ruhig sitzen, zuhören.

Neuerungen bei der schulischen Sprachförderung in NRW | Bildquelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Solche Probleme gab es auch früher schon, da waren es aber einzelne Fälle. Und genau das hat sich geändert. Anfang der Woche hat NRWs Schulministerin Dorothee Feller eine Zahl genannt, die sehr deutlich macht, wie groß das Problem inzwischen ist: Rund 30 Prozent aller Kinder in NRW haben zum Schulstart eigentlich nicht die dafür nötigen Kompetenzen!

Wir reden also über jedes dritte Kind, das schon mit schlechten Voraussetzungen ins Schulleben startet - und den Rückstand in den folgenden Jahren kaum aufholen kann. Das passt zu den Bildungsvergleichen der Klassen 4 und 9, bei denen - je nach Fach - bis zu 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht einmal die Mindestanforderungen schaffen. Das Problem wächst sich also nicht aus!

NRW baut Sprachförderung aus

Weil die schlechten Sprachkenntnisse eines der Hauptprobleme sind, ist es nur logisch, dass die Landesregierung hier ansetzen will: mit zusätzlicher Sprachförderung noch vor dem Schulstart. Ob diese Förderung nun an Schulen angedockt wird, wie jetzt angekündigt, oder ob sie eher in den Kitas stattfindet, wie das bislang der Fall war: Ich finde, das ist im Kern egal. Hauptsache, die Sprachförderung ist gut und sie findet regelmäßig statt. Doch da habe ich meine Zweifel.

Sprachförderung - wer soll sie leisten?

Ein Kind sitzt an einem Tisch; im Hintergrund sind Buchstaben zu sehen | Bildquelle: dpa/Arno Burgi

In den Kitas haben die Erzieherinnen und Erzieher bisher viel zu wenig Zeit dafür, vor allem wegen des Personalmangels. Nun sollen die Grundschulen es besser machen, doch auch dort fehlt ja bekanntermaßen Personal - über 3.000 Stellen sind aktuell unbesetzt. Ganz sicher ist das auch ein Grund dafür, dass wir in NRW immer noch nicht über ein verpflichtendes Vorschuljahr nachdenken - obwohl das für die meisten Kinder die beste Lösung wäre.

Es gibt aber noch einen Punkt, der mich manchmal ärgert: Wir reden viel zu wenig über die Verantwortung der Eltern! Na klar, längst nicht alle Eltern können ihrem Kind bestmögliche Bedingungen bieten. Leider! Aber manches lässt sich auch ohne große Ressourcen ändern: Ich denke da an die Mutter, die im Park lieber ausgiebig mit einer Freundin telefoniert, statt mit dem quengelnden Kleinkind neben sich zu spielen. Oder an den Vater, der nach der Arbeit stundenlang Videos auf dem Smartphone schaut, statt sich die Kitageschichten seines Sohnes anzuhören. Manchmal geht es nicht anders. Aber wenn es Alltag wird, hat das Folgen für die schulischen Fähigkeiten der eigenen Kinder. Und das will doch niemand!

Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren.