Liebe Marie Jacquot, herzlich willkommen beim WDR Sinfonieorchester als neue Chefdirigentin! Du zählst international zu den gefragtesten Persönlichkeiten am Dirigentenpult und hast dich für die Chefposition beim WDR Sinfonieorchester entschieden. Was motiviert dich?
Ich freue mich riesig, mit diesem wunderbaren Orchester eine enge Beziehung einzugehen. Das WDR Sinfonieorchester vereint Disziplin und Präzision mit einer ganz besonderen Freude zu Risiko und Leidenschaft. Aus dem Risiko kann etwas erwachsen, was wir nicht erwarten. Von diesen Momenten leben wir – und das Publikum. Nur so passieren Wunder!
Als Jugendliche hast du zu den Top-5- Tennisspielerinnen Frankreichs gezählt, dich dann für ein Posaunenstudium entschieden, bis du den Beruf der Dirigentin ergriffen hast. Warum?
Beim Tennis liebte ich das Spiel, aber nicht den Wettbewerb, nicht die Ausrichtung auf den Erfolg und die Einsamkeit. Daher hörte ich mit dem Leistungssport auf. Gleichzeitig hatte ich einen hervorragenden Posaunenlehrer, der selbst im Orchestre Philharmonique de Radio France spielte. Nach prägenden Erlebnissen in Jugendorchestern wollte ich dann Posaunistin werden. Mein Dirigierlehrer hatte mir empfohlen, nach Wien zu gehen, um mich dort als Dirigentin ausbilden zu lassen. So absolvierte ich die Aufnahmeprüfungen für Posaune und Dirigieren. Da die Art, Posaune zu spielen, in Frankreich und Österreich sehr unterschiedlich ist, bestand ich zwar die Aufnahmeprüfung für Posaune nicht, aber zwei Wochen später wurde ich in die Dirigierklasse aufgenommen. Und jetzt bin ich hier! (Lacht.)
Was fasziniert dich an deinem Beruf?
Neben der Musik brenne ich ganz besonders für die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Ich liebe den Austausch, die Kommunikation mit den Musikerinnen und Musikern, denn ich bin ein Teamplayer und mag es, mit Menschen zu arbeiten. Es ist ganz besonders, im Konzertsaal das Publikum zu spüren und zu erleben, wenn der Funke von der Bühne in den Saal überspringt. Musik verbindet Menschen.
Deine Proben sind voller Energie und Klarheit. Worauf legst du Wert in der Probenarbeit?
Ich liebe die Probenarbeit. Meine Aufgabe ist es, die Musikerinnen und Musiker zu unterstützen. Dabei ist das Wichtigste, eine gute Struktur zu erarbeiten. Gemeinsam feilen wir an Details und der Balance. Mit dieser Struktur geht das Orchester auf die Bühne. Im Konzert kommt mit dem Risiko, dem Live-Effekt und der Freiheit das Unerwartete dazu. Das ist Musik!
Wie sehen deine Konzertprogramme aus?
Mir ist es sehr wichtig, in jedem meiner Programme Bezüge zwischen den einzelnen Werken herzustellen. Das kann sehr unterschiedlich sein: Manchmal ist es eine thematische Verbindung oder ein zeitlicher Zusammenhang zwischen zwei Werken. In anderen Konzerten gibt es eine persönliche Beziehung zwischen Komponistinnen und Komponisten – Vorbild, Freundschaft oder auch künstlerische Differenzen spielen dann eine Rolle. Es liegt mir auch sehr am Herzen, dem Publikum immer wieder neue Stücke vorzustellen: zum Beispiel unbekannte Werke von bekannten Komponistinnen und Komponisten oder auch selten gespielte Stücke, die neben bekannte Werke gestellt werden. Bei moderner oder zeitgenössischer Musik wähle ich Stücke aus, die einen Anknüpfungspunkt für die Hörerinnen und Hörer haben, beispielsweise ein Zitat oder eine Handlung, mit der sie sich identifizieren können.
Was soll das Publikum aus deinen Konzerten mitnehmen?
Jeder und jede nimmt etwas ganz Persönliches aus dem Konzert mit. Großartig an der Musik ist, dass wir sie immer wieder anders empfinden. Es kommt darauf an, wie unsere Stimmung ist, welche Vorlieben wir haben, wie unser Tag war. Die Wahrnehmung der Musik und das Gefühl, das wir mit ihr verbinden, kann sich ändern. Und das soll es meiner Meinung nach auch. Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass die Menschen gerne zu uns ins Konzert gehen und immer wieder kommen. Ich freue mich sehr auf den Austausch mit unserem Publikum!
Am 18. September ist dein Antrittskonzert in der Kölner Philharmonie mit Werken von Richard Wagner, Frédéric Chopin, Augusta Holmès und Alexander Skrjabin. Wie kommt dieses Programm zustande?
Mit dem Antrittskonzert gibt man ja sozusagen seine Visitenkarte ab, und ich habe versucht, ein attraktives Programm zu entwickeln: beziehungsreich, klangvoll, Unbekanntes neben Bekanntem. Wir beginnen mit Wagners Lohengrin-Ouvertüre, einem seiner impressionistischsten Werke. Die Französin Augusta Holmès verehrte Wagner, was man ihrer Musik auf jeden Fall anhört. Sie ist eine Komponistin, die es in Deutschland noch zu entdecken gilt! Mit dem überwältigenden Klangzauber Skrjabins beschließen wir das Programm. Wie Chopin hat auch Skrjabin künstlerisch bedeutende Jahre in Paris verbracht.
Planst du einen Zyklus?
Nicht im strengen Sinne, aber die deutsche Romantik liegt mir sehr am Herzen. Durch mein Studium in Wien und Weimar und meine ersten Positionen in Würzburg, Düsseldorf und Wien wurde ich im deutschsprachigen Raum stark musikalisch sozialisiert. Bruckner – neben Strauss vielleicht einer meiner Lieblingskomponisten – fasziniert mich besonders, denn er schafft es mit seiner Musik, eine Verbindung zwischen zwei Welten herzustellen: Erst erdet er uns Menschen, dann führt er uns zum Himmel.
Bruckner · Sinfonie Nr. 7 · WDR Sinfonieorchester · Marie Jacquot · WDR
ARD Klassik. 31.03.2026. 01:06:24 Std.. Verfügbar bis 31.03.2076. ARD Online.
Du bist Französin, geboren in Paris und aufgewachsen in Chartres. Bist du damit nicht automatisch Spezialistin für französisches Repertoire?
Ich fühle mich nicht als Spezialistin. Frankreich habe ich mit 19 Jahren verlassen, und natürlich fühle ich mich mit Komponisten wie Poulenc, Ravel oder Saint-Saëns schon allein durch die gemeinsame Sprache verbunden. Generell bin ich ein neugieriger und offener Mensch und vermeide, in Schubladen zu denken. Prokofjew oder Elgar beispielsweise finden sich ebenso in meinen Programmen wie Escaich oder Lindberg.
Das Publikum hier konnte dich schon einige Male mit dem WDR Sinfonieorchester erleben. Welchen Eindruck hast du von Köln?
Ich spüre, dass Köln einen besonderen Vibe hat. Als ich am 11. November für Bruckners Siebte in der Kölner Philharmonie geprobt habe, tobte auf den Straßen der Karneval. Das war sehr lustig, weil wir draußen Fotos gemacht haben. Ich war mit ein paar Musikerinnen und Musikern in Orchesterkleidung unterwegs, und einige Passanten haben uns wirklich gefragt, ob wir auch verkleidet seien. Dieser Trubel, diese ausgelassene Stimmung – das war großartig. Insgesamt sind die Menschen hier sehr freundlich und offen.
Was wünschst du dir persönlich?
Ich wünsche mir eine lange, intensive Zusammenarbeit mit dem WDR Sinfonieorchester. Ich wünsche mir, dass das WDR Sinfonieorchester ausstrahlt – nach Köln, in die Region und ins Ausland. Und ich wünsche mir von Herzen, dass die Begeisterung, die wir Musikerinnen und Musiker für unseren Beruf empfinden, spürbar wird und sich überträgt.