Liebe Isabelle Faust, als Musikerin, die sich als "internationale Stargeigerin" etabliert hat, sind Selbstgewissheit und Selbstbewusstsein unverzichtbar. Wie wichtig ist für ein lebendiges Musizieren die Selbstkritik?
Absolut essentiell! Ohne (Selbst-)Kritik wäre es ja schlicht unmöglich, sich weiterzuentwickeln, nach immer anderen Wegen zu suchen, sich immer in Frage zu stellen. Die anregendsten und inspirierendsten Kritik-Momente erlebe ich oft in der Kammermusikarbeit, da hat man am meisten Zeit, sich auf Augenhöhe mit unterschiedlichen Ansichten zu konfrontieren. Aber auch mit wunderbaren Kollegen wie Andrew Manze ist es ein Vergnügen, unterschiedliche Ansichten gegenüberzustellen und zu diskutieren. Ich lerne immer viel dabei.
Im jetzigen Konzert haben Sie mit Andrew Manze einen Partner am Dirigentenpult, der eine große Expertise für Alte Musik mitbringt. Welche Impulse haucht diese Erfahrung den romantischen Klangwelten ein?
Andrew scheint mir einen ganz eigenen Weg vom Barockgeiger zum Dirigenten gefunden zu haben. Ich bewundere ihn natürlich seit langem als absolutes Vorbild in der Barockmusik. Seit er dirigiert, scheint er sich aber vor allem auch auf spätere Musik zu konzentrieren und die barocken Einflüsse nicht zu sehr zur Schau stellen zu wollen. Ich kann selbstverständlich in seinem Musizieren eine enorme Sensibilität für unterschiedliche Stile ausmachen, die nicht jeder Dirigent so mitbringt, und natürlich kommt seine musikalische Intelligenz in allem durch, egal in welcher Epoche er gerade unterwegs ist. Wir haben uns zum allerersten Mal bei Bartoks zweitem Violinkonzert getroffen, und ich war absolut begeistert von seiner Art, dieses schwere Werk anzugehen!
In der Reihe "Musik der Zeit" werden Sie mit dem WDR Sinfonieorchester am 2. Mai 2026 ein Violinkonzert von Vito Žuraj aus der Taufe heben. Was ist für Sie der Antrieb, sich auf das Unbekannte einzulassen?
Ich bin überzeugt davon, dass Musik nur ein wichtiger Bestandteil unseres kulturellen Reichtums bleiben kann, wenn wir nicht nur re-kreieren, sondern auch die zeitgenössische Kreation am Leben halten. Und es ist jedes Mal ein wirkliches Privileg, mit einem großen Komponisten direkt zusammenzuarbeiten, in tatsächlichen Austausch treten zu können, ihn sogar direkt fragen zu können, was gemeint ist! Wie toll wäre das, wenn wir auch Bach, Mozart oder Schubert ein paar Löcher in den Bauch fragen könnten …
Für Ihr Konzert mit Cristian Măcelaru am 27. Juni 2026 haben Sie sich gezielt für Dmitrij Schostakowitschs zweites Violinkonzert entschieden. Wie kam es zu dieser Wahl?
Ich habe dieses Werk erst vor kurzem in mein Repertoire aufgenommen und bin davon sehr begeistert, wünsche mir aber auch, es immer besser kennenzulernen. Cristian scheint mir hier der ideale Partner zu sein – ich denke, er kennt sich bei Schostakowitsch sehr gut aus, und im Violinrepertoire sowieso.
Mit dem Mendelssohn-Schumann-Programm gehen Sie auch auf Tournee. Ist das Anstrengung – oder vor allem die Gelegenheit zur Vertiefung?
Es ist immer anstrengend, zu reisen und gleichzeitig zu konzertieren. Aber als Solist kennt man es ja gar nicht anders! Mein ganzes Leben ist eine einzige Tournee … Daher freue ich mich einfach, wenn ich ab und zu mit demselben Orchester ein Projekt mehrmals wiederholen kann, es in unterschiedlichen Sälen erfahren darf und dabei jedes Mal hoffentlich ein kleines bisschen mehr in das Repertoire eintauchen kann. Außerdem entsteht so die Chance, mit den Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne noch mehr musikalischen Austausch zu erleben.
Die Fragen stellte Otto Hagedorn.