Messerattacke Hamburg: Frau verletzt 18 Menschen
Aktuelle Stunde . 24.05.2025. 35:22 Min.. Verfügbar bis 24.05.2027. WDR. Von Diana Ahrabian.
An wohl kaum einem anderen Ort treffen jeden Tag so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten aufeinander wie am Bahnhof. Vor allem in größeren Städten herrscht auf Bahnhöfen häufig Gedränge, es ist eng, laut und für Fremde auch zuweilen unübersichtlich. Menschen wirken gehetzt, weil sie einen Zug erreichen wollen oder sind genervt, weil ihre Bahn ausfällt. Im Schutz des anonymen Gedränges sind aber eben auch häufig Menschen unterwegs, die Unruhe stiften oder Straftaten begehen wollen.
Dichtes Gedränge am Bahnhof
Erst im Januar 2025 hatte die Polizei neue Zahlen zu Gewalt und Diebstahl an Bahnhöfen vorgelegt. Danach gab es im Jahr 2024 mehr Körperverletzungen als im Jahr zuvor. "Wir beobachten eine kontinuierlich sinkende Hemmschwelle für Gewalt", sagte eine Bahnsprecherin. Was also könnte Bahnhöfe sicherer machen?
Waffenfreie Bahnhöfe gefordert
Die Gewerkschaft der Polizei fordert zum Beispiel ein Waffenverbot in Bahnhöfen. In NRW ist das allerdings noch nicht einheitlich geregelt. An manchen Bahnhöfen, wie Aachen, Duisburg oder Dortmund, gelten bei Großveranstaltungen Waffenverbotszonen auf Zeit, andere Städte wie Bonn, Bielefeld, Hamm oder Münster wollen bis Sommer 2025 dauerhafte Verbotszonen einrichten. Die Polizeigewerkschaft drängt aber darauf, bundesweit einheitlich vorzugehen. Der Vorteil: Die Polizei darf Menschen in Waffenverbotszonen ohne konkreten Verdacht kontrollieren.
Kritiker sagen allerdings, dass der Effekt von Waffenverbotszonen eher klein sei. Kriminologen verweisen auf einen sogenannten "Verdrängungseffekt". Das heißt, die Waffenträger treffen sich an einem anderen Ort, etwa nicht mehr am Bahnhof, sondern in der Innenstadt. Und: Auch in Hamburg, wo am Freitag (23.05.2025) eine Frau Menschen am Hauptbahnhof mit einem Messer angriff, gilt ein Waffenverbot.
Videoüberwachung in Dortmund
Videoüberwachung am Bahnhof
Eine andere Maßnahme gegen die Kriminalität ist die Videoüberwachung: Die Deutsche Bahn hat bis Ende 2024 die Zahl der Videokameras in Bahnhöfen auf insgesamt 11.000 ausgebaut. Auch in NRW setzt die Polizei auf Bilder der Kameras. Zum Beispiel in Dortmund.
Der Dortmunder Hauptbahnhof gilt als der gefährlichste in Deutschland. 2024 gab es 735 Gewaltverbrechen von der Messerstecherei bis hin zu Sexualdelikten. Nur am Berliner Hauptbahnhof passieren etwas mehr Gewalttaten. Berlin ist allerdings auch sechsmal so groß wie Dortmund. Erst Anfang März hat ein Mann mehrfach mit einem Messer auf einen Bahn-Mitarbeiter eingestochen.
Jetzt will die Polizei die hohe Zahl der Verbrechen im Umfeld des Bahnhofs in den Griff bekommen. Sie kontrolliert nun den gesamten Bahnhofsvorplatz sowie einige angrenzende Plätze mit Kameras. Die Bilder aller Kameras laufen in der Leitstelle im Dortmunder Polizeipräsidium ein. Dort sitzen Polizeibeamte vor den Bildern und werten sie aus.
Hamm: Weniger Kriminalität im Bahnhofsquartier
Dass der Ausbau von Videoüberwachung Wirkung zeigt, ist auch in Hamm zu beobachten. Dort hatte im April 2024 die Videobeobachtung begonnen und seitdem sind die Zahlen der Straftaten deutlich zurückgegangen. 22 Prozent weniger Kriminalität im Bahnhofsquartier, lautet das Fazit. Grund genug für die Stadt, das Kamera-Konzept um ein Jahr zu verlängern.
Dem Erfolg liege ein Konzept zugrunde, das verschiedene Maßnahmen kombiniere, so Thomas Kubera, Polizeipräsident in Hamm. So geht die Polizei zusammen mit dem Ordnungsamt auf Streife. Es gibt wiederkehrende Razzien und uniformierte und zivile Einsatzkräfte.
Münster: Polizeiwache direkt neben dem Bahnhof
Hauptbahnhof Münster
Auch die Bahnhofsgegend im beschaulichen Münster ist vielen Menschen nicht geheuer. Den Ort stuft die Polizei als Kriminalitätsschwerpunkt ein. Laut Polizei geschehen hier 15 Prozent aller in Münster registrierten Straftaten. Hier hat man 2024 ebenfalls gute Erfahrungen mit zwei Videoüberwachungsanlagen gemacht. Mit einer neuen Polizeiwache direkt neben dem Bahnhofsgebäude will man dort künftig bessere Präsenz zeigen.
KI könnte Orte sicherer machen
Andreas Roßkopf von der Gewerkschaft der Polizei fordert neben besseren Kontrollmöglichkeiten für die Bundespolizei auf Bahnhöfen auch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) bei der Kameratechnik. "Diese Kameras erkennen mithilfe von Künstlicher Intelligenz Auffälligkeiten von Personen", sagte Roßkopf dem WDR. "Sollte das erkannt werden, wird damit ein Signal an die Einsatzzentrale der Bundespolizei gesendet, die werden mit den Kamerabildern direkt versorgt und können dann entscheiden, ob sie einschreiten." Gleichzeitig sei das System auch in der Lage, einen Abgleich mit dem Fahndungssystem der Polizei zu machen, um so gesuchte Straftäter ausfindig zu machen.
"Mit der intelligenten Technik könnten Verhaltensauffälligkeiten vorher schon erkannt werden." Andreas Roßkopf von der Gewerkschaft der Polizei
Ein entsprechendes Pilotprojekt gab es in Mönchengladbach. Dort hingen am Hauptbahnhof mehrere Radarsensoren, die ähnlich wie Wärmebildkameras arbeiten. Ihre Aufgabe: schnelle Bewegungen wie Tritte, Schläge oder Rennen erkennen, ohne gegen den Datenschutz zu verstoßen. Die Sensoren zeigten bei dem Test allerdings keine Kamerabilder. Stattdessen wurden die aufgezeichneten Bewegungen als Farbspektren dargestellt.
Wenn Künstliche Intelligenz Angriffe erkennt
KI-Kamera: Rote Punkte zeigen die schnelle Trittbewegung
Tausende Stunden Material hatten die Kameras dabei aufgezeichnet. Gerangel, Schlägereien, ungewöhnlich schnelle Bewegungen - gefüttert wurde die KI zuvor mit nachgestellten Szenen. So lernt sie, dass bestimmte Bewegungsmuster auf Konflikte hindeuten. Die ersten Daten der Überwachung im und am Hauptbahnhof sind bereits ausgewertet. Forschende der Hochschule Niederrhein, die das Projekt begleiteten, sind zufrieden.
Bis die Polizei die Radarsensoren bei ihrer Arbeit nutzen kann, muss die KI allerdings mit noch mehr Daten gefüttert werden, um Bewegungen genauso gut zu erkennen wie ein Mensch. Sollte die KI aber irgendwann einmal zum Einsatz kommen, könnte sie die ermüdende Überwachungsarbeit vor Bildschirmen übernehmen.
Polizeigewerkschaft: Politischer Wille gefragt
In vielen Großstädten der Welt, wie zum Beispiel Sydney oder New York, sei die intelligente Technik schon an Orten mit vielen Menschen erfolgreich im Einsatz, berichtet Andreas Roßkopf von der Gewerkschaft der Polizei.
"Deswegen ist es wichtig für uns, eine solche Technik einzuführen, um Personal zu sparen und um schnellstmöglich bei erkannten Gefahren im besten Falle noch vorher tätig werden zu können." Auch die mutmaßliche Täterin von Hamburg habe sich schon Minuten vorher auffällig verhalten. "Wir brauchen jetzt den politischen Willen, das umzusetzen."
Unsere Quellen:
- Interview mit Andreas Roßkopf (Gewerkschaft der Polizei)
- Polizei Hamburg
- Hochschule Niederrhein
- Nachrichtenagentur dpa