Nach über vier Jahren: Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid wird eröffnet

02:33 Min. Verfügbar bis 21.12.2027

Chronik eines Ausnahmezustands: Die gesperrte A45-Rahmedetalbrücke

Stand:

Der 2. Dezember 2021 ist ein bitterer Tag für Lüdenscheid und die Region. Ohne Vorwarnung wird die Rahmedetalbrücke gesperrt. Die Sauerlandlinie A45, die wichtige Nord-Süd-Verbindung, ist gekappt. Der Ausnahmezustand soll vier Jahre bleiben. Ein Rückblick.

Wir wollen deine Meinung hören!

Jetzt mitdiskutieren

Schon 2010 ist klar, dass die 70 Meter hohe Autobahnbrücke in einem schlechten Zustand ist. Zunächst wird eine Sanierung geplant, dann ein Neubau - beides bleibt aber ein Gedankenspiel. Der Zustand wird nicht verbessert, bloß immer wieder dokumentiert.

Dezember 2021: Laserkontrolle zeigt erschreckende Ergebnisse

Elfriede Sauerwein-Braksiek, ehemalige technische direktorin des Landesbetriebs Straßen NRW, vor dem Untersuchungsausschuss zur Rahmedetalbrücke

Autobahnchefin Elfriede Sauerwein-Braksiek musste eine weitreichende Entscheidung treffen.

Anfang Dezember 2021 ist wieder eine Brückenkontrolle. Ein Laserscan bringt derart erschreckende Ergebnisse, dass die Brücke von jetzt auf gleich gesperrt wird. Der gesamte Verkehr sickert in die Stadt ein. Schon nach einer Stunde bildet sich in ganz Lüdenscheid ein riesiger Stau.

"Das war die schwerwiegendste Entscheidung meiner beruflichen Karriere", sagt Elfriede Sauerwein-Braksiek, Direktorin der Autobahn GmbH. In den ersten Tagen hofft sie noch, dass die Brücke wenigstens für Autos wieder freigegeben werden kann.

Januar 2022: Brücke ist nie wieder befahrbar

Stau in Lüdenscheid

Staus und kein Ende - bis heute, seit 2021

Doch im Januar 2022 ist klar: Über die Rahmedetalbrücke darf nie wieder ein Fahrzeug fahren. Die Menschen in Lüdenscheid sind einer Tragödie entgangen: Die Brücke ist nicht eingestürzt.


Eine Katastrophe hat sie trotzdem ausgelöst. Der gesamte Verkehr quält sich nun mitten durch Lüdenscheid. 60.000 Autos und Lastwagen pro Tag.

"Da gibt es schon Begegnungen, die einem im Kopf bleiben, wenn Menschen zu einem kommen und bitterlich weinen, weil sie einfach nicht mehr können." Sebastian Wagemeyer (SPD), Lüdenscheids Bürgermeister, im Frühjahr 2022

Anwohner leiden unter Verkehr in der Stadt

Ein Mann mit grauen Haaren steht draußen. Hinter ihm ist eine Bühne und davor stehen mehrere Personen.

Seine Bürger mussten viel ertragen: Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer

Der schleichende, oft hupende Verkehr schiebt sich auch nachts durch die Stadt. Die Menschen können weder schlafen noch lüften. Auch Busse, Pflegedienste, die Müllabfuhr, selbst die Feuerwehr ist im Stau gefangen.

Schon kurze Zeit nach der Sperrung gibt es Demonstrationen, und es bildet sich die "Bürgerinitiative A45". Mitglieder wie Peter Becker fordern, dass die Lastwagen Umwege über Köln oder Kassel nehmen müssen.

"Jetzt bin ich 67 Jahre alt und ich war noch nie auf ner Demo. Aber ab jetzt gehe ich auf jede Demo hier in Lüdenscheid." Anwohner Peter Becker im Frühjahr 2022

Februar 2022: Riesige Kunstaktion auf gesperrter Brücke

Die Luftaufnahme zeigt die riesige Friedensbotschaft «Lasst uns Brücken bauen» auf der gesperrten Rahmedetalbrücke der Autobahn 45 bei Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen).

Ein Symbol, das um die Welt ging: "Lasst uns Brücken bauen"

Im Februar 2022 schafft es eine gigantische Kunstaktion in die Schlagzeilen: Heimlich haben etwa 70 Menschen einen riesigen Schriftzug auf die gesperrte Talbrücke gemalt: "Lasst uns Brücken bauen" - dazu eine Friedenstaube und die Nationalfarben der Ukraine. Der Angriffskrieg Russlands hatte kurz zuvor begonnen.

Massive Folgen für die Wirtschaft 

Rund um Lüdenscheid herrscht Krisenstimmung. Firmen verlieren Geld, Zeit, Kunden und Mitarbeitende - manchmal sogar Lieferanten. "Meidet Lüdenscheid", scheint das Motto zu sein.

Museen, Geschäfte, Schwimmbäder - sie alle leiden darunter, dass Besucher wegbleiben. Die südwestfälische Industrie- und Handelskammer hat ausgerechnet, dass der Region an jedem Tag ohne Brücke ein Schaden von einer Million Euro entsteht.

Mai 2023: Tausende verfolgen die Sprengung

Im Mai 2023 ist das alles für einen Moment vergessen. Bei einem Volksfest wird die marode Rahmedetalbrücke gesprengt. Tausende wollen sich den Augenblick nicht entgehen lassen. Die Sprengung ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass es voran geht.

So sah die Sprengung der Rahmedetalbrücke aus

00:14 Min. Verfügbar bis 12.08.2027

Einen Monat später kommt dann das lang ersehnte Durchfahrtsverbot für Lkw. Wer in der Gegend keine Ware abholt oder ausliefert, darf hier nicht mehr lang.

Viele versuchen es trotzdem. Die Polizei bekommt Unterstützung aus anderen Dienststellen für Sonderkontrollen. 40.000 Laster hält die Polizei seitdem an. Jeder vierte durfte nicht durch Lüdenscheid.

Oktober 2023: Bau der neuen Brücke beginnt

Bundesverkehrsminister Wissing beim symbolischen ersten Spatenstich.

Spatenstich - mit dem damaligen Bundesverkehrsminister Volker Wissing

Im Oktober 2023 ist der offizielle Baubeginn für die neue Brücke. Das Ziel zu diesem Zeitpunkt: eine Wiedereröffnung im Sommer 2026. Die neue Rahmedetalbrücke gilt als schnellstes Bauprojekt dieser Größenordnung in Deutschland. Sie soll Vorbild und Maßstab sein für viele marode Brücken.

Brückenpfeiler wachsen in die Höhe, die Stahlkonstruktion, die später die Fahrbahn tragen soll, wird von beiden Seiten aus über das Tal geschoben.

Februar 2025: Brückenteile sind erstmals verbunden

Zwei Brückenpfeiler ragen in die Luft. Darauf liegen zwei blaue Stahlträger. Die Enden berühren sich fast

"Stahlhochzeit" auf der Rahmedetalbrücke

Ende Februar 2025 wird dann "Stahlhochzeit" gefeiert: Erstmals sind die Hagener und die Frankfurter Seite wieder verbunden. Und die Hoffnung wächst, dass es doch schneller gehen könnte bis zur Freigabe.

22. Dezember 2025: Endlich rollen wieder Autos

Dann die frohe Botschaft: Die erste Hälfte der Rahmedetalbrücke wird schon am 22. Dezember 2025 befahrbar sein. Auf zwei Spuren Richtung Frankfurt, auf zwei Spuren Richtung Hagen.

Den Menschen an der Umleitungsstrecke bedeutet das viel. So haben sie zu Weihnachten nach vier Jahren endlich wieder Ruhe.

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen und Gespräche der WDR-Reporter vor Ort
  • bisherige Berichterstattung
  • Autobahn GmbH
  • Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer
  • Südwestfälische Industrie- und Handelskammer (SIHK)
  • Bürgerinitiative A45

Chronik eines Ausnahmezustands: Die gesperrte A45-Rahmedetalbrücke

WDR Studios NRW 22.12.2025 00:45 Min. Verfügbar bis 22.12.2027 WDR Online

Sendung: WDR.de, Chronik eines Ausnahmezustands: Die gesperrte A45-Rahmedetalbrücke, 21.12.2025, 06:03 Uhr

Kommentare zum Thema

6 Kommentare

  • 6 Geht doch! 22.12.2025, 16:38 Uhr

    Super! Ein halbes Jahr früher als geplant! Hut ab! Werde die Brücke in einer Woche erstmals befahren. :-)

  • 5 Anonym 22.12.2025, 12:56 Uhr

    Die Brücke ist schon seit Tagen abgenommen! Der Verkehr hätte schon seit Mittwoch über die Brücke laufen können, aber nein wir mussten ja warten bis die feinen Herrschaften aus Berlin ankommen und die halbe Stadt Sperren damit man Prestige blabla ablassen und sich feiern kann. Ohne diese "Feierliche eröffnung" hätte man richtig Geld Sparen können! Es ist sowas von unwichtig gewesen die Brücke feierlich zu eröffnen! Das hat die Unternehmen in der umgebung nur unnötig Geld gekostet und den Steuerzahler ebenfalls, da die halbe Stadt gesperrt werden musste damit einige wichtige Personen geschützt werden können.

  • 4 Wiehler 22.12.2025, 05:57 Uhr

    Danke für den Rückblick. Wird nun aus der Wiehltalbrücke ´Rahmedetalbrücke 2.0´? Ist der Rückblick ein Ausblick? Ansätze sind bereits zu erkennen.

  • 3 Andre Schaefer 21.12.2025, 20:43 Uhr

    So so, sie ist fertig. Zumindest in Teilen. Vor dem Zeitplan. Man darf gespannt sein, wie viel dafür gepfuscht wurde. Schauen wir mal, wie alt sie wird. 10 Jahre? 20 Jahre? Oder wie viele Jahre müssen mindestens vergehen, damit sich Verantwortliche erfolgreich mit einem "Ich kann mich nicht mehr erinnern" rausreden können? Und wurde die Mehrbelastung wohl schon in sie eingerechnet, die ihr bevorsteht, wenn sie bald für die ganzen anderen Gammelbrücken als Großraumumleitung herhalten muss und auch Überlasttransporte über sie rollen, von denen niemand weiß, wie viele es davon eigentlich gibt? Man darf halt gespannt sein ... Lüdenscheid jedenfalls täte gut daran, sich darauf einzustellen, in 10, 20 Jahren wieder ohne Brücke dazustehen.

    Antworten (2)
    • Rudelf 22.12.2025, 10:47 Uhr

      In dem Erguss waren so viele Fragezeichen enthalten, dass er im Grunde genommen überflüssig war - vorausgesetzt, man hat auf Nachfrage nicht auch die entsprechenden Antworten parat. Daher: Wie wäre es einfach mal mit für Lüdenscheid und Umgebung freuen?

    • Andrea Rass 22.12.2025, 13:53 Uhr

      Ein klassisches Beispiel einer Person der nie etwas recht sein kann: zu schnell - Pfusch und teuer! Zu langsam - Bürokratie und teuer! Anstatt sich für die Anwohner Lüdenscheids von heute mitzufreuen beklagen Sie vorsichtshalber jetzt schon mal die hypothetische Situation von in 20 Jahren. Muss anstrengend sein Sie zu sein.

  • 2 Pa 21.12.2025, 18:52 Uhr

    Wie viel Lebenszeit da verloren ging.... 19 km Arbeitsweg teilweise 2 Std Fahrt... Der jenige der für dieses Chaos zuständig ist, muss die gleiche Zeit im Knast absitzen, was die Menschen dadurch verloren haben.

  • 1 Tihi 21.12.2025, 17:15 Uhr

    Auch ich fahre oft an Lüdenscheid vorbei. Ich komme aus Frankfurt und fahre oft nach Münster. Die A45 ist auch unter aktuellen Bedienungen immer noch die schnellste Router. Das erste mal bin ich im Herbst 2024 nach Münster gefahren und einmal komplett ins Verkehrschaos durch die Stadt. Mir wurde damals erst klar, was das für die Anwohner alles bedeuten muss. Schnell hab ich nach Alternativen gefunden und sie auch gefunden. Sie nannte sich B54 ab Meinerzhagen. War das eine gute Lösung? Nein, wahrscheinlich nicht, denn so hat sich das Problem nur verlagert. Aber wenigstens rollt der Verkehr dort. Ich bin froh das die Brücke jetzt wieder offen ist. Ich hoffe alle Anwohner finden jetzt wieder Ruhe. Es ist für mich ein bisschen bizarr, wie viel ich über die Stadt und Region gelernt hab, Straßen ich entdeckt hab und Supermärkte, an den ich immer gehalten hab, nur weil die Brücke gefehlt hat. Und jetzt werde ich dort wahrscheinlich nie wieder hinkommen. Ich entschuldige mich für mein Verkehr

1 / 2