Traditionelles Glockenspiel aus Gütersloh ist UNESCO-Kulturerbe
Lokalzeit OWL. 17.11.2025. 00:44 Min.. Verfügbar bis 17.11.2027. WDR. Von Jana Haver.
Das Nachtsanggeläut ist eine uralte Tradition. Es ertönt jedes Jahr in der dunklen Jahreszeit zwischen Reformationstag und Maria Lichtmeß, also von Ende Oktober bis Anfang Februar, vom Turm der Martin-Luther-Kirche in Gütersloh.
Jeden Samstag um 19 Uhr werden die Glocken mit Händen und Füßen gespielt und sind in der ganzen Stadt zu hören.
"Glockenguss und Glockenmusik"
Schon im Frühjahr wurde "Glockenguss und Glockenmusik" im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Dazu zählt auch das Nachtsanggeläut aus Gütersloh. Bekannt gegeben wurde das am Samstag (15.11.2025) in der Gemeinde, ein entsprechendes Siegel wurde an der Kirche angebracht.
Pfarrerin Wiebke Heine ist stolz, weil diese Auszeichnung das langjährige Ehrenamt der Glöckner wertschätzt und aus dem Nischen-Dasein hole.
"Damit wurde offiziell bestätigt, dass das hier etwas ganz Großes ist." Pfarrerin Wiebke Heine
Ehrenamtlich - mit vollem Körpereinsatz
In Gütersloh spielen jeweils zwei Glöckner das Glockenspiel ehrenamtlich - mit vollem Körpereinsatz. Zuerst müssen sie die 127 Stufen des Kirchturms erklimmen und dann 45 Minuten lang die traditionellen Lieder spielen.
Von diesem Kirchturm ertönen die Glocken.
Drei Glocken, die mit Riemen und Seilen verbunden sind, werden dann mit Händen und Füßen gespielt. Die Glöckner sind jeweils zu zweit und wechseln sich ab, denn das Spielen mit Händen und Füßen ist anstrengend.
Zur Zeit läuten vier Glöckner abwechselnd die Gütersloher Kirchenglocken. Eine der Glocken stammt aus dem Jahr 1484.
Glöcknerin seit 54 Jahren
Barbara Rohden läutet bereits seit 54 Jahren die Kirchenglocken der Martin-Luther-Kirche. "Das ist die älteste Tradition in unserer noch jungen Stadt", sagt sie. Sie freut sich, dass ihre Kunst jetzt als Kulturerbe zählt.
"Wir sind sonst ja mehr oder weniger in der Verborgenheit im dunklen Kirchturm. Das ist eine angemessene Wertschätzung für unsere Arbeit." Barbara Rohden, Glöcknerin
Rhythmik und Melodien sind seit Jahrhunderten überliefert. Es gibt insgesamt fünf Stücke, die abwechselnd gespielt werden. Vor einigen Jahren hat Barbara Rohden die traditionellen Lieder in Noten gefasst.
Liebe zur Glockenmusik
Sie selbst hatte als Kind das Glockenspiel gehört und ihre Großmutter gefragt, was es damit auf sich hatte. Mit etwa zwölf Jahren besuchte sie die Glöckner im Turm und schaute zu.
Mit 17 Jahren entschied sich Barbara Rohden dann, das Glockenspielen selbst zu lernen. "Das ist nicht einfach. Ich habe fünf Jahre gebraucht", erinnert sich die heute 71-Jährige.
Barbara Rohden leutet seit 54 Jahren die Kirchenglocken
Ganz so leicht sei das Üben auch nicht gewesen, da ja viele zuhören konnten. "Wir haben vor den Gottesdiensten geübt, wo die Glocken dann ja sowieso geläutet haben."
Barbara Rohden liegt das Nachtsanggeläut am Herzen. "Das ist eine extrem wichtige Tradition und ein faszinierendes Instrument." Auch Weihnachten und Silvester stehen sie und die anderen Glöckner auf dem Kirchturm und erfreuen die Gütersloher mit ihrer Musik.
Tradition aus dem 18. Jahrhundert
Die Tradition des Nachtsanggeläuts geht übrigens auf eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert zurück. Damals soll sich ein Bischof im Osnabrücker Land verirrt haben. Zum Glück hörte er eine Glocke, die ihm half, sich zu orientieren. Aus Dank ließ er dann an den dunklen Wintersamstagen die Glocken läuten. So entstand das Nachtsanggeläut.
Unsere Quellen:
- Evangelische Kirchengemeinde Gütersloh
- Gespräch mit Glöcknerin Barbara Rohden
- Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen
