Wer Heiner Wilmer an der Spitze der über 100 Pilgernden vermutet, hat sich geirrt. Ganz hinten, fast am Ende des Zuges, läuft ein hoch gewachsener, schlanker Mann. Das graue Haar unter einer blauen Baseball-Kappe versteckt. Einzig der weiße Bischofskragen verrät den Kirchenmann.
Bevor Heiner Wilmer sein neues Amt übernimmt und offiziell der 77. Bischof von Münster wird, pilgert er durch sein künftiges Bistum. Zum Auftakt hat er verschiedene Menschen eingeladen: Ordensschwestern, Soldaten, Mitarbeitende aus Krankenhäusern.
Wilmer hat ein gutes Namens-Gedächtnis
„Pilgern ist mir mehr und mehr wichtig geworden, weil Pilgern absolut niedrigschwellig ist. Mal alleine, mal mit anderen. Pilgern heißt, ein Ziel zu haben“, sagt Wilmer, dessen Ziel auf dieser Reise Begegnungen und Gespräche sind. Zum Beispiel das mit Franz-Josef Zurhake, der dem Bischof ein Foto seines verstorbenen Onkels zeigt.
„Natürlich kenne ich den“, entfährt es Heiner Wilmer, ehe er weitere Mitglieder der Familie Zurhake nennt, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Münsters neuer Oberhirte kann gut mit Menschen, sie sind von ihm beeindruckt. Wilmer hingegen spielt den Ball zurück. Er liebe die Basisarbeit, sagt er.
Immense Doppelbelastung
Doch bleibt in Zukunft dafür Zeit? Seit Februar ist er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, in Münster ist er bald für dreimal so viele Gläubige wie in seinem vorherigen Bistum in Hildesheim zuständig. Eine immense Doppelbelastung für den 65-Jährigen.
"Ob ich Zeit für Basisarbeit habe, spielt keine Rolle" Heiner Wilmer, 77. Bischof von Münster
Er will das Ohr weiterhin nah bei den Menschen haben. „Auch, wenn der Kalender drängt.“
Eine Woche vor der Amtseinführung hat er sein Ohr nah bei den Pilgernden. Doch die Gespräche bleiben weitgehend beschaulich und ohne Kontroverse. Reizthemen wie sexueller Missbrauch, die Stellung der Frauen in der Kirche sowie die Einstellung zu Homosexualität – sie bleiben außen vor. Das könnte sich bei zukünftigen Gesprächen ändern.
Wilmers acht Jahre dauerndes Wirken als Bischof von Hildesheim wird zwar gemeinhin positiv bewertet. Die Menschen dort schätzten ihn für seine Nähe und Bodenständigkeit. Doch im kommenden Jahr wird eine weitere Studie zur Aufarbeitung des Missbrauchskomplex veröffentlicht. Darin wird auch Wilmers Handeln untersucht.
Missbrauchskomplex: Versprechen für Bistum Münster
In seiner alten Diözese ist er bei der Aufarbeitung neue Wege gegangen, hat die bischöfliche Verwaltung personell und organisatorisch aufgerüstet. Diesen Ehrgeiz bei der Aufarbeitung nimmt er mit nach Münster: Bei seiner Vorstellung im Paulus-Dom Ende März versprach er, er werde alles dafür tun, dass die Kirche für alle ein sicherer Ort bleibe.
Auf seiner Pilgerreise nimmt er aus den Gesprächen mit den Gläubigen vor Ort viel mit, sagt er. Was die Menschen ihm dabei sagen, will er in seine erste Predigt als Bischof von Münster einfließen lassen.
Aktuell bindet der künftige Oberhirte des mitgliedstärksten deutschen Bistums alle mit ein und wird damit seinem Ruf als Teamplayer schon jetzt gerecht. Wilmer hat auf seiner Pilgerreise gezeigt, wie er seine Kirche auch in Zukunft führen will.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Heiner Wilmer
- Gespräch mit Teilnehmenden der Pilgertour
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
- Recherchen des WDR-Reporters
Sendung: WDR.de, Heiner Wilmer wird Bischof von Münster, 20.06.2026, 5:02 Uhr