Aachen: Jesus klappt die Arme ein
00:34 Min.. Verfügbar bis 27.11.2027.
Auf den ersten Blick könnte man sie für eine Schaufensterpuppe halten. Die lebensgroße Christusfigur ist aber deutlich älter. Sie hat Gelenke an Hüfte, Kopf und Armen, und mit ihr wurde im 15. Jahrhundert in Tirol die Leidensgeschichte vor Ostern nachgestellt.
Die Holzskulptur hing erst am Kreuz, dann wurde sie abgenommen, der Kopf geneigt, schließlich die Arme angelegt für das Begräbnis. Auch die Zunge konnte sie herausstrecken – "wir wissen aber nicht mehr, wozu das gut war", sagt Kurator Michael Rief.
Gleich mehrere dieser animierten Figuren sind in Aachen zu sehen. Sie konnten dank Seilzügen die Augen schließen, über kleine Kanäle Tränen weinen oder bluten. Zur Weihnachtszeit passen Skulpturen der Jungfrau Maria mit einer Öffnung im Bauch, aus der das Jesuskind genommen werden konnte. Im Mittelalter konnten die wenigsten lesen – deshalb brauchte es derart anschauliche Mittel, das Wort Gottes zu erklären. Und die Gläubigen schauten stumm und andächtig zu.
"Noch einmal wird es Derartiges nicht zu sehen geben." Michael Rief, Kurator von "Praymobil"
80 bewegliche und bewegende Exponate im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum
Die etwa 80 Exponate sind eine wohl einmalige Schau darüber, wie im Mittelalter Religion gelebt und dargestellt wurde. Zusammengetragen wurden die Stücke aus ganz Europa, manchmal brauchte es gutes Zureden bei Museen und privaten Sammlern. "Noch einmal wird es derartiges nicht zu sehen geben", ist sich Kurator Rief sicher.
Neben Schreinen und Figuren, die bei Prozessionen herumgetragen wurden, ist auch ein arg gebeutelter heiliger Urban dabei. Die Skulptur sollte einen Weinberg vor Unheil bewahren. Nach einer Missernte schlugen die Winzer auf ihn ein und warfen ihn ins Tal – zur Strafe für das Versagen als Schutzpatron. Die Frömmigkeit hatte im Mittelalter also ihre Grenzen.
Zu sehen ist das Praymobil im Suermondt-Ludwig-Museum bis 15. März 2026
Unsere Quellen:
- Kurator Michael Rief
- Reporter vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Aachen, 27.11.2025, 19.30 Uhr