Der letzte Vorfall war am schlimmsten anzusehen, sagt der Züchter aus Hünxe. Als Wölfin Gloria im August 2024 zum wiederholten Mal und trotz eines Schutzzauns auf den Hof von Erich Specht kam, tötete sie zwei seiner Schafe. Eines davon war ein tragendes. Gloria habe die Innereien aus dem Bauch der Mutter gefressen. Das 80 Tage alte Lämmchen - noch ein Embryo mit glatter Haut, aber schon voll ausgebildet - habe sie auch aus dem Bauch geholt, aber nicht angerührt. Specht fand Mutter und Lämmchen tot nebeneinander.
Wolf reißt Schafe in NRW
Bei einem zweiten Schaf habe Gloria den Bauchraum aufgerissen. "Lunge, Leber - alles hing raus, aber das Schaf lief noch herum", erzählt der Züchter. Gloria habe die Kehle nicht durchgebissen - normalerweise sei das das Erste, was ein Wolf macht, wenn er ein Schaf reißt. Warum es in diesem Fall nicht so war? Specht weiß es nicht.
Regierung will Wolfsabschüsse erleichtern
Wölfin Gloria riss nicht nur Tiere auf dem Hof von Specht, sondern auch an vielen anderen Stellen in NRW. Gloria ist das, was "ein Problemwolf" genannt wird. Auch wenn von Gloria zuletzt jede Spur fehlt, ist es wegen Wölfen wie ihr, dass das Bundeskabinett am Mittwoch beschlossen hat, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Damit sollen sogenannte Problemwölfe leichter getötet werden können. Schutzmaßnahmen wie Zäune oder Hütehunde sollen aber weiterhin finanziell gefördert werden.
Wenn sich der Wolf in einem günstigen Erhaltungszustand befindet - es also langfristig eine gesicherte Population gibt, können Bundesländer jetzt nach der Entscheidung aus Berlin ein sogenanntes Bestandsmanagement einführen - und damit die Zahl der Wölfe "managen": Sogenannte Problemwölfe, die Zäune überwinden, dürfen erschossen werden.
Deutsche Jagdverband will Jungwölfe abschießen
Der Deutsche Jagdverband (DJV) begrüßt, dass der Wolf ins Jagdrecht aufgenommen wird. Es brauche eine nachhaltige Bestandskontrolle, die den Wolf als Art schützt und gleichzeitig Konflikte mit Nutztieren reduziere, sagt Torsten Reinwald. Er ist der Sprecher des DJV und dessen stellvertretender Geschäftsführer. Das Bundesjagdgesetz sei der beste Rahmen, um das zu gewährleisten.
Der DJV schlägt vor, zum einen sollte es "Jagdzeiten und Abschusspläne für Jungwölfe" geben. Und zum anderen "ganzjährige unbürokratische Entnahme von Problemwölfen, die sich auf Nutztiere spezialisiert haben. 40 Prozent des jährlichen Zuwachses sollten erlegt werden – und zwar von Anfang Juni bis Ende Oktober", sagt Reinwald. Nur so ließen sich Jung- und Alttiere sicher unterscheiden, was Fehlabschüsse verhindere. Ansonsten sei die Sozialstruktur im Rudel in Gefahr.
"Die Folge könnten marodierende Halbstarke sein, die für noch mehr Nutztierrisse sorgen." Torsten Reinwald, Deutscher Jagdverband
Ein gejagter Wolf hält nicht mehr Abstand
Auch Umweltschützer fürchten, dass durch die Jagd Rudelstrukturen gestört werden könnten und die Zahl der Risse durch Abschüsse noch steigen könnte. Außerdem fürchtet der Naturschutzbund Deutschland (NABU): In Regionen mit geringen Beständen könnten diese durch eine weiterreichende Jagd erlöschen.
Als Lösung setzt der NABU auf Weidenschutz. Marie Neuwald argumentiert: Auch wenn man den Wolf bejagen würde, also zum Beispiel über eine Quote, ersetze das nicht den Herdenschutz. Wölfe, die von Menschen gejagt werden, würden keinen größeren Abstand zu Weiden halten, wenn diese Weiden nicht geschützt seien.
Bereits heute erlaube das Naturschutzrecht Maßnahmen gegen auffällige Wölfe, sagt Marie Neuwald dem WDR. Sie ist Referentin für den Wolf beim NABU. Als auffällige Wölfe gelten Wölfe, "die Herdenschutz überwinden oder sich Menschen gegenüber auffällig verhalten." Dafür brauche es nicht unbedingt das Jagdgesetz.
Was bringt die Änderung?
Das sieht Ortrun Humpert, die Vorsitzende des Schafzuchtverbands NRW und der Schafzüchtervereinigung NRW, anders. Sie sagt zwar auch, dass Entnahmen zwar schon über das Naturschutzrecht möglich gewesen seien - in der Praxis sei das aber kaum umgesetzt worden, weil Formulierungen schwer auszulegen waren. Grundsätzlich sei sie für eine erleichterte und rechtssichere Entnahme - die neuen Regeln würden für Weidetierhalter aber wenig Veränderung bringen.
Auch in Glorias Fall hatte der Kreis Wesel übrigens im Einklang mit dem NRW-Umweltministerium Ende 2023 nach zahlreichen nachgewiesenen Rissen eine Abschuss-Verfügung erlassen. Die wurde aber kurz danach auf mehrere Klagen von Wolfs- und Naturschützern am Verwaltungsgericht Düsseldorf vorübergehend außer Kraft gesetzt:
Wo leben Wölfe heute? 209 Wolfsrudel in Deutschland, sechs in NRW
Als 2009 der erste Wolf seit fast 200 Jahren in NRW nachgewiesen wurde, war das eine Nachricht, die viele Menschen feierten. Inzwischen ist der Bestand gewachsen - und damit wuchsen auch die Probleme. In Deutschland leben laut Ministerium aktuell 209 Wolfsrudel, vor allem in Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen. Bundesweit sind im vorigen Jahr mehr als 4.300 Nutztiere gerissen worden - überwiegend Schafe und Ziegen - zum Teil trotz Herdenschutz-Maßnahmen wie Zäunen und Herdenschutz-Hunden, heißt es.
Für NRW gab das Landesumweltamt im November bekannt: Während die Zahl der Wölfe bundesweit erstmals seit Jahren stagniert, dürfte sie in NRW durch Nachwuchs in den Rudeln eher zugenommen haben. Die Zahl von sechs Wolfsterritorien in NRW bleibe aber unverändert. Die Tiere leben im Rudel, in Paarkonstellation oder als Einzelgänger. Im Jahr 2025 sind bisher 61 Sichtungen in NRW dokumentiert. 21 Nutztiere wurden gerissen.
Ein Wolf wie Gloria springt über die Zäune
Der Hof von Specht liegt im Wolfsgebiet von Schermbeck. Specht verlor im Jahr 2024 in mehreren Nächten insgesamt sieben Schafe an Wölfin Gloria. Erst auf der Weide. Später auch im geschützten Bereich des Hofes. Gloria überwand hier die Schutzzäune. Es gebe Videos von ihr, die zeigen, dass sie fast aus dem Stand über 1,20 Meter hohe Zäune springen könne.
Am Ende mussten Spechts Schafe im Jahr 2024 nachts für vier Wochen in den Stall. Mitten im Sommer. Viel zu eng sei das gewesen, sagt er. Specht und sein Sohn bauten einen Pferch um ihren Hof, zäunten so etwa zwei Hektar wolfssicher ein - dann konnten die Tiere auf Hofflächen nachts wieder raus.
Im Laufe des Jahres 2024 erhöhten Specht und sein Sohn auch alle Außenzäune auf 1,40 Meter, inklusive 0,5 Meter unter der Erde. Das Land zahlt bei so etwas das Material, die Arbeit müssen Schäfer selbst leisten. "Aufwändig" sei das - sowohl das Bauen, als auch das Pflegen und Unterhalten. Bei den Spechts geht es um einen Zaun mit einer Gesamtlänge von etwa 3,5 Kilometer zum Schutz von bis 250 Schafen. Das Gras dürfe am Zaun nicht zu hoch wachsen, "sonst schützt der Zaun nicht mehr", sagt Specht. Nach August 2024 habe es keine Risse mehr gegeben.
Was ist aus Gloria geworden?
Wo Gloria ist, das ist nicht bekannt. Irgendwann verliert sich ihre Spur. Es wurden schon länger keine Spuren von ihr entdeckt, sagt Schafszüchter Specht. Möglicherweise sei sie an Altersschwäche gestorben. Der Naturschutzbund (NABU) hält es für möglich, dass Wölfin Gloria und ihr Rudel im Raum Schermbeck illegal abgeschossen wurden:
Auch wenn Gloria seine Schafe tötete, ist die Wölfin für Specht ein faszinierendes Tier. Unglaublich klug sei sie gewesen. Sie habe sogar gewusst, wie man sicher die Straße überquert, während etwa ein Drittel der Jungtiere im Straßenverkehr sterbe.
Wie blickt Schäfer Specht auf die Entscheidung aus Berlin? Er ist sich nicht sicher, ob sich dadurch wirklich etwas ändern wird. Es sei bisher sehr schwierig gewesen, Jäger zu finden, die überhaupt Wölfe schießen. Die Gründe seien Anfeindungen, Drohungen und eine unsichere rechtliche Grundlage. Das könnte auch weiterhin so sein, sagt er. Er setzt daher auch weiterhin auf Herdenschutz - und wünscht sich, dass es dafür auch in Zukunft Unterstützung vom Land gibt, ebenso für Entschädigungen bei Rissen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Schafszüchter Erich Specht aus Hünxe
- Nachrichtenagentur AFP
- Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Wolf im Bundesjagdgesetz: Umfassendes Paket zum Schutz von Weidetieren
- Deutscher Jagdverband: 5 Kernforderungen zum Wolf im Jagdrecht
- WDR-Anfrage beim Deutschen Jagdverband am 17.12.2025
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 17.12.2025, 18.45 Uhr
Kommentare zum Thema
„Der Wolf ist kein politisches Spielzeug und keine Projektionsfläche für alte Feindbilder – er ist ein essenzieller Bestandteil unserer natürlichen Ökosysteme. Wo immer Zahlen verzerrt, falsch interpretiert oder aus politischen Motiven heraus manipulativ eingesetzt werden, entsteht ein gefährliches Bild: ein Bild, das suggeriert, der Wolf sei eine Bedrohung, obwohl er in Wahrheit selbst bedroht ist. Die wissenschaftliche Realität ist eindeutig: Die Wolfspopulation in Deutschland ist klein, verletzlich und durch illegale Abschüsse, Fragmentierung der Lebensräume und fortgesetzte Fehlinformationen massiv gefährdet. Wer mit verfälschten Daten Stimmung gegen den Wolf macht, gefährdet nicht nur eine streng geschützte Art – er gefährdet die Glaubwürdigkeit unseres demokratischen Umgangs mit Naturschutz. Es kann nicht sein, dass durch Irreführung Entscheidungen getroffen werden, die den Wolf erneut an den Rand des Verschwindens drängen. Der Wolf ist ökologisch fundamental für unsere Natur.
Über 450 000 Jäger in diesem Land, wenn die genug übrig lassen würden, wäre auch der Wolf satt und müsste sich keine anderen Lösungen suchen. ....was glauben Sie wie schnell jetzt der Stempel Problemwolf verteilt wird um den Abschuss zu legalisieren, toll gemacht liebe Regierung .
Nur durch Wolfsabweisende Zäune, Nachtpferche und Herdenschutzhunde kann man Weidetiere schützen. Jagd ist in keiner Weise ein Schutz für die Weidetiere. Die Jägerschaft sieht den Wolf als Beutekonkurrent und nicht wenige Jäger sind scharf auf Trophäen. Dem Weidetierhalter hilft das wenig. Deshalb ist die Übernahme des Wolfs ins Jagdrecht ein großes Unrecht an der biologisch so wertvollen Schlüsselart Wolf. Die meisten Weidetiere die gerissen worden sind, waren hinter unzureichenden Zäunen, oft ohne Strom auf den Litzen. So konnte der Wolf lernen, das Weidetiere leichte Beute sind. Wer sich mal näher mit dem Thema Wolf beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Dokumentation zu Wölfin Gloria, die auf der Homepage des NABU Bottrop als PDF Download zur Verfügung steht.