Debatte um Entlastungen – to be continued
Aktuelle Stunde . 16.04.2026. 35:24 Min.. UT. Verfügbar bis 16.04.2028. WDR. Von Julius Hilfenhaus.
RWTH Aachen: Tankrabatt nutzt vor allem einkommensstarken Haushalten
Stand:
Im Bundestag soll der neue Tankrabatt beschlossen werden: 17 Cent weniger Steuer, um die Spritpreise zu senken. Doch wem bringt das etwas? Eine Studie der RWTH Aachen kommt zu dem Schluss: vor allem wohlhabenderen Haushalten.
Wenn der Spritpreis steigt, trifft das früher oder später alle - so viel ist relativ unstrittig. Autofahrer leiden dabei direkt unter den hohen Kraftstoffpreisen an den Zapfsäulen. Aber weil auch praktisch alle Unternehmen auf Benzin oder Diesel angewiesen sind, kommen die Preissteigerungen früher oder später bei allen Verbrauchern an.
Deutliche Kritik am Tankrabatt
Schwieriger wird es bei den Lösungen. Was ist der beste Weg, um mit diesen gestiegenen Preisen umzugehen? Gerade die, die ohnehin knapp bei Kasse sind, spüren die Folgen in ihrem Alltag am stärksten - und wünschen sich Entlastungen. Aber auch Unternehmen fordern Unterstützung von der Politik.
Verschiedene Optionen wurden abgewogen und diskutiert - am Ende konnte sich die Koalition aus Union und SPD auf einen befristeten Tankrabatt einigen: Ab dem 1. Mai soll für zwei Monate die Mineralölsteuer auf Benzin und Diesel um jeweils 17 Cent je Liter sinken. Und fast umgehend gab es heftige Kritik: Das sei teuer und bringe wenig, vor allem nicht bei den Richtigen.
Studie der RWTH Aachen: Vor allem Gutverdiener profitieren
Eine Berechnung der RWTH Aachen kommt zu einem recht eindeutigen Ergebnis: Demnach nutzt ein Tankrabatt vor allem denen, die es am wenigsten brauchen. Denn weil der Preis für alle sinkt, sparen die am meisten, die die größten Mengen Sprit verbrauchen - und das sind in der Regel wohlhabendere Menschen.
Die 10 Prozent mit den höchsten Einkommen sparen demnach im Schnitt 21,64 Euro in dem zweimonatigen Zeitraum. Das ist rund dreimal so viel wie beim einkommensschwächsten Zehntel der Bevölkerung. Die sparen im Schnitt nur 6,48 Euro.
Kein Anreiz für Verhaltensanpassung
"Auch ich zahle jetzt mehr fürs Tanken" sagte RWTH-Ökonom Aaron Praktiknjo gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Spiegel". Er hat die Zahlen berechnet. "Aber wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich jetzt diesen Tankrabatt nicht dringend nötig." Stattdessen mache der Nachlass bei der Energiesteuer das Signal des Marktes kaputt: Dass Benzin knapper ist als zuvor.
Der Anreiz für Firmen und Privathaushalte ihren Verbrauch anzupassen, geht also verloren. Stattdessen springt der Staat ein. "Werden die Preise künstlich gesenkt, verschärft das die Knappheit", warnt Praktiknjo im "Spiegel". "Der Druck, darüber nachzudenken, ob man bestimmte Fahrten macht, wird durch den Tankrabatt kleiner und die Nachfrage steigt."
Auf WDR-Anfrage ergänzt Praktiknjo: "Unsere Simulationen zeigen, dass die privaten Haushalte durch den Rabatt eine rund 2 Prozent höhere Nachfrage an der Tankstelle haben werden." Das klinge erstmal nach nicht viel, so der Aachener Ökonom. "Aber angesichts dessen, dass 6,1 Prozent unseres Öls aus dem Nahen Osten kommen und davon ein Großteil aktuell fehlt, ist dies dennoch signifikant."
Staat will Handlungsfähigkeit zeigen
Die Bundesregierung hingegen sieht vor allem zwei Vorteile in dem Instrument: Es ist schnell umsetzbar und es hilft Wirtschaft und Privathaushalten gleichermaßen. "Das ist politisch attraktiv, weil der Staat so schnell Handlungsfähigkeit zeigen kann", so Nico Rau aus der WDR-Wirtschaftsredaktion. "Nur zu dem Preis, dass die Maßnahme alle entlastet und nicht nur die, die es dringend benötigen."
Und: Es ist nicht billig. Die RWTH-Ökonomen rechnen mit Kosten von mehr als 660 Millionen Euro pro Monat - von denen ein Großteil an Menschen fließen dürfte, die keine finanziellen Probleme haben.
Zielgerichtete Maßnahmen sind komplizierter
Eine Alternative wäre beispielsweise eine direkte Zahlung an Menschen mit geringem Einkommen, aber bisher ist nur eine pauschale Auszahlung an alle möglich - nicht gestaffelt nach Einkommen. Aber vor allem ist es einfacher, sich auf eine pauschale Lösung zu einigen.
"Zielgerichtete Maßnahmen bedeuteten für die Bundesregierung eine komplexere Kompromissfindung", erklärt WDR-Wirtschaftsredakteur Nico Rau. "Wer genau soll wie entlastet werden? Wo liegen die Einkommensgrenzen? Das ist technisch und rechtlich aufwendiger als eine Steuersenkung und kostet Zeit. Außerdem sorgt es für politischen Streit."
Transparenzhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Beitrags stand, dass die 10 Prozent mit den höchsten Einkommen 21,46 Euro im Monat sparen würden. Richtig ist, dass sich die Summe auf zwei Monate bezieht. Wir haben das entsprechend korrigiert und die zugehörige Grafik entfernt.
Unsere Quellen:
- RWTH-Studie
- Spiegel-Artikel
- Meldung der Nachrichtenagentur dpa
- WDR-Wirtschaftsredaktion
Sendung: WDR.de, Wer profitiert wirklich vom geplanten Tankrabatt, 16.04.2026, 16:00 Uhr, WDR Aktuelle Stunde, 16.04.2026, 18:45 Uhr