Strafen für Meta und Google: Wie kann Social Media süchtig machen?
Stand:
Die Betreiber der Social-Media-Plattformen Instagram und Youtube müssen einer Frau in den USA drei Millionen Dollar zahlen. Die heute 20-Jährige hatte den Plattformen vorgeworfen, sie als Jugendliche süchtig gemacht zu haben und auf Schadenersatz geklagt. Wie viel Suchtpotenzial steckt in Social-Media?
In einem Prozess um Social-Media-Sucht in den USA haben die Geschworenen am Mittwoch (26.03.2026) die Konzerne hinter den Plattformen Instagram und YouTube zu Entschädigungen in Millionenhöhe verurteilt. Geklagt hatte eine 20-jährige Frau. Sie hatte den Firmen vorgeworfen, sie als Minderjährige abhängig gemacht und ihr dadurch schwere psychische Schäden zugefügt zu haben. Die Konzerne sollen der Klägerin insgesamt drei Millionen Dollar (rund 2,6 Millionen Euro) zahlen, wie die Geschworenen am Mittwoch entschieden. TikTok und Snap, die ursprünglich ebenfalls verklagt worden waren, schlossen vorab einen Vergleich.
Auch in Deutschland wird längst über Social-Media-Beschränkungen debattiert. Welche Gefahr geht von Algorithmen und Dauerbeschallung im Smartphone aus?
Über ein Viertel suchtgefährdet
Doch wie viel Suchtpotenzial steckt in sozialen Medien? Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) hat genau das vor kurzem untersucht, indem es rund 22.000 junge Menschen dazu befragt hat. Ergebnis: Mehr als ein Viertel weist suchtartiges Verhalten im Zusammenhang mit Social Media auf – also ständiges Überprüfen des Smartphones und Unruhe und Nervosität, wenn man nicht online sein kann. Frauen sind demnach mit 29 Prozent etwas häufiger betroffen als Männer (25,4 Prozent). Die Folgen können erheblich sein - von Konzentrationsproblemen über Schlafstörungen bis hin zu verstärkten psychischen Belastungen.
Süchtig machendes Design
Psychologe Florian Buschmann, Gründer der Initiative "Offline Helden", sagt, das süchtig machende Design der Inhalte sei heute über nahezu alle Social-Media-Kanäle verbreitet. Wenn so viele Reize auf einmal, wie beim dauerhaften Scrollen von Bildern und Videos, auf einen einprasseln, falle das jugendliche Gehirn in eine Art Autopilot-Modus. Man verliere dadurch die Selbstkontrolle, irgendwann zu sagen: "So. Jetzt höre ich auf zu scrollen."
Jüngere besonders gefährdet
Bei Kindern und Jugendlichen sei diese Selbstkontrolle noch viel weniger ausgebildet als bei Erwachsenen, weshalb jüngere User viel mehr empfänglich für das Suchtpotenzial dieser Apps seien, so Buschmann. Das ständige Dauerfeuer an Reizen sorge dafür, dass man mehr neue Reize haben will. Und wenn man dann das Handy weglegt, bekomme man ein Gefühl von Stillstand. "Das Gehirn kommt zur Ruhe, die Reize sind weg und es wird alles verarbeitet."
Diesen Moment der Ruhe und des Durchatmens können viele inzwischen immer weniger aushalten. Dann kommt der Stress, dass man etwas verpasst und man greift wieder zum Handy. Florian Buschmann, Gründer der Initiative "Offline Helden"
Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert
Die Forscher am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters haben dabei herausgefunden, dass das Gehirn in der bunten Bilderwelt in eine Art Rauschzustand gerät, weil das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird.
Wer selbst etwas postet, bekomme manchmal überraschende Likes. Das heißt, andere klicken das Video und verteilen einen Daumen nach oben. Das sei ein Moment der Freude und das Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert. Nutzer wollten mehr von diesem guten Gefühl und legten das Handy nicht mehr weg.
Lustprinzip versus Impulssteuerung
Laut der Forschenden können Erwachsene die Apps meist wieder verlassen, weil ihr Gehirn nicht mehr so stark impulsgesteuert ist. Jugendlichen aber falle es schwer zu widerstehen. Das liege am präfrontalen Kortex, wo unser Bewusstsein sitzt, das unter anderem Impulse kontrolliert.
Erst im Alter von Mitte 20 ist der Kortex vollständig ausgebildet. Bis dahin handeln Kinder und Jugendliche eher nach dem Lustprinzip. Das jugendliche Gehirn, das nach dem Belohnungskick sucht, sei deshalb auch besonders anfällig für jegliche Art von Drogen.
Kinder kennen meist die Suchtgefahr
Florian Buschmann klärt auch Schulklassen über die Suchtgefahr von Social Media auf und berät Schüler. Dabei nimmt er wahr, dass die meisten Kinder und Jugendlichen durchaus wissen, welches Suchtpotenzial dahintersteckt. Das Problem dabei sei, dass sie oft nicht schaffen, sich selbst da rauszuziehen und zu schützen. Ähnlich wie bei einem Raucher, der weiß, dass es schädlich ist, aber trotzdem weiterhin zur Kippe greift.
Florian Buschmann
Deshalb fordert er, wie auch andere Experten, klare Regeln für Social Media Apps zu setzen. Zum Beispiel würde schon eine nächtliche App-Sperre helfen, dass jüngere Nutzer ab einer gewissen Zeit keinen Zugriff mehr auf die jeweilige App haben. Auch einen verbindlichen Altersnachweis für die Apps findet Buschmann sinnvoll.
Woran erkenne ich, ob ich süchtig nach sozialen Medien bin?
Für Forscher zählen diese Merkmale als frühe Anzeichen einer Social-Media-Sucht:
- Starkes Verlangen
- Kontrollverlust
- Entzugserscheinungen
- Vernachlässigung anderer Lebensbereiche
- Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen
Als Anzeichen einer problematischen Social-Media-Nutzung gelten:
- Ständiges Überprüfen des Smartphones
- Unruhe und Nervosität ohne die Möglichkeit, online zu sein
- Müdigkeit und Unkonzentriertheit
- Höhere Herzfrequenz und höherer Blutdruck ohne soziale Medien
- Rückzug in virtuelle Welt mit Vernachlässigung realer Kontakte
Hat das aktuelle Urteil aus den USA Auswirkungen auf Gesetze in Deutschland und der EU?
Von der EU-Kommission heißt es: Wenn sie irgendwann Gesetze oder Verbote beschließe, müssten die wasserdicht sein. Denn wenn Tonnen an Papier von Anwälten der großen Konzerne Meta, Google, Tiktok und Co. eintrudeln, will die Kommission sicher sein, dass ihr Verbot vor dem Europäischen Gerichtshof standhält.
Gegen TikTok läuft bereits ein Verfahren. Die EU hat TikTok wegen des "suchterzeugenden Designs" abgemahnt und TikTok aufgefordert, das Design zu ändern. Die Kommission bemängelt dabei eine ganze Reihe von Funktionen: Das unendliche Scrollen, bei dem ständig neue Inhalte nachgeladen werden, das automatische Abspielen von Videos, unentwegte Push-Benachrichtigungen und ein hochgradig personalisiertes Empfehlungssystem.
Und auch gegen den Facebook-Mutterkonzern Meta läuft inzwischen ein ähnliches Verfahren. Hier in Deutschland wird es wohl noch bis zum Sommer dauern, bis sich in puncto Social Media-Verbot was tut: Eine Kommission des Familienministeriums beschäftigt sich gerade noch damit und Kanzler Merz will die Ergebnisse erst noch abwarten. Da wird das Urteil in den USA sicherlich mit einfließen. So oder so: Sowohl SPD, als auch CDU haben intern ja schon für ein Social Media-Verbot für unter 14-Jährige gestimmt.
Forscherin gegen Verbot von Social Media
Die Professorin Nina Kolleck von der Universität Potsdam hält dagegen nichts von einem Social-Media-Verbot. Sie sagte im Deutschlandfunk, dass man nicht die Kinder und deren Eltern, sondern die Plattformen in die Pflicht nehmen müsse. Die EU sei an der Reihe, den Digital Services Act und die Datenschutzgrundverordnung strenger durchzusetzen und damit die Algorithmen und schädlichen Inhalte zu verbieten.
Und erst wenn die Plattformen sich nicht daran halten, sollten sie verboten werden können. In Australien, wo seit zwei Monaten ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gilt, habe das Verbot noch keinen großen Effekt gehabt. Dort würde die Altersbeschränkung oft umgangen, weil sich Jüngere älter schminken, sich Fake Accounts zulegen, oder auf andere Plattformen ausweichen.
Kolleck fordert statt eines Verbots, Kinder und Jugendliche besser in der Schule und im Alltag auf soziale Medien vorzubereiten. Eine verbindliche digitale und politische Bildung würde helfen, dass jüngere Menschen besser mit den Inhalten, den Algorithmen und dem Suchtpotenzial umgehen können.
Unsere Quellen:
- Bundesfamilienministerium
- EU-Kommission
- Gespräch mit Florian Buschmann, Gründer der Initiative "Offline Helden"
- Professorin Nina Kolleck von der Universität Potsdam im Deutschlandfunk
- Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters
- Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit
Sendung: WDR 5 Tag um 12, 26.03.2026, 12.00 Uhr