Unser Sicherheitsgefühl ist weg: Warum? | Aktuelle Stunde
Aktuelle Stunde . 07.11.2025. 33:25 Min.. UT. Verfügbar bis 07.11.2027. WDR. Von Martina Koch.
Neurowissenschaftlerin: "Ängste kann man nicht wegargumentieren"
Stand:
Immer mehr Menschen fühlen sich im öffentlichen Raum unsicher. Wie entstehen diese Ängste? Und wie kann man ihnen beikommen?
Das Gefühl von Unsicherheit im öffentlichen Raum nimmt laut aktuellem ARD DeutschlandTrend zu, im Sicherheitsempfinden der Deutschen hat sich offenbar etwas verschoben. In welchem Zusammenhang stehen hier Gefühle und Fakten? Und wie geht das menschliche Gehirn mit Ängsten um? Fragen an die Neurowissenschaftlerin Maren Urner.
WDR: Laut ARD-DeutschlandTrend fühlen sich immer mehr Menschen unsicher im öffentlichen Raum. In Interviews, die wir auf der Straße geführt haben, kommen viele diffuse Ängste zur Sprache: Die Befragten haben nichts Schlimmes erlebt, fürchten sich aber in bestimmten Situationen und an bestimmten Orten, dass Schlimmes passieren könnte. Wie genau entstehen diese Ängste
Maren Urner: Wir hören Geschichten und konsumieren Nachrichten. Als Neurowissenschaftlerin denke ich da immer an die Gehirne und damit an die Frage: Welche Informationen senden wir? Es ist erwiesen, dass Nachrichten eher Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie schlimme Dinge abbilden. Das führt dazu, dass sich Menschen diese Dinge sehr präsent merken, auch wenn es häufig Einzelereignisse sind. Daraus können Ängste entstehen, die vielleicht gar nicht so sehr gekoppelt sind an persönliche Erlebnisse, sondern an das, was wir medial erfahren.
WDR: Welche Rolle spielen dabei öffentliche Debatten? Friedrich Merz hat ja zuletzt das "Stadtbild" thematisiert. Sieht man jetzt schon eine Folge dieser Diskussion?
Urner: Absolut. Wenn ein Thema tagesaktuell und deutschlandweit diskutiert wird, bestimmt das auch die Vorstellung der Menschen, wenn sie auf den Straßen unterwegs sind.
WDR: Es fällt auf, wie unterschiedlich die Ängste in den politischen Lagern verteilt sind. Während sich 81 Prozent der Grünen-Wähler sicher in der Öffentlichkeit fühlen, sind es bei AfD-Anhängern nur 20 Prozent. Wie erklärt sich das? Die leben ja alle in derselben Welt.
Neurowissenschaftlerin Maren Urner
Urner: Das zeigt, dass es stark davon abhängt, was für Informationen wir konsumieren. Wir alle bewegen uns zwar in der gleichen, gemeinsamen Realität, aber die Unterschiede der Quellen, die die Menschen nutzen und an die sie glauben, sind groß. Welche Informationen die Menschen wann und wie konsumieren, prägt ihr Weltbild auf entscheidende Weise. Hier kommen auch die Medien ins Spiel, die eine ganz große Verantwortung haben bei der Frage, was man wie und wo sendet.
WDR: Im Januar 2017 fühlten sich drei Viertel der Deutschen auf öffentlichen Plätzen sicher. Jetzt ist es nur noch jeder Zweite. Wenn man die Kriminalstatistik daneben hält, ist die Entwicklung längst nicht so krass. Warum hat das Gefühl der Bedrohung eher wenig mit der Faktenlage zu tun?
Urner: Es stimmt, dass die Angstgefühlslage zunimmt, obwohl die Statistiken häufig sogar einen gegenteiligen Trend zeigen, wenn es um Gewalt im öffentlichen Raum geht. Diese Spannbreite hat damit zu tun, dass unsere Gehirne von Natur aus sehr schlecht sind, ein Risiko gemessen anhand der eigentlichen Gefahren zu bewerten. Wir wissen, dass viel mehr Menschen Angst vorm Fliegen als vorm Autofahren haben, obwohl statistisch gesehen beim Autofahren deutlich mehr tödliche Unfälle passieren.
WDR: Man kann in diesem Fall den Angstgefühlen schlecht mit Fakten beikommen, oder?
Urner: Die Frage ist: Woher kommt die Angst? Das liegt meiner Meinung nach daran, dass auf allen Kanälen diese Diskussion mit einer sehr hohen Frequenz darüber geführt wird, wie gefährlich es auf der Straße ist. Hier kann eine selbsterfüllende Prophezeiung entstehen: Wenn etwa immer mehr Ängste vorhanden sind, fangen womöglich auch mehr Menschen an, sich zu bewaffnen. Das kann dann für erhöhte Kriminalität sorgen, was wiederum zu mehr Ängsten führt.
WDR: Was muss passieren, damit sich Menschen wohler und sicherer fühlen?
Angstort Bahnhof
Urner: Ängste kann man nicht einfach wegargumentieren. Der Satz "Hier sind die Fakten, hab doch keine Angst" funktioniert nicht. Viel entscheidender ist die Frage: "Warum habe ich diese Angst, woher kommt sie?" Da kann jede und jeder bei sich selbst anfangen. Und auch die Gesellschaft ist gefordert, ein besseres Kommunikationsklima zu schaffen, in dem offen und ehrlich über diese Ängste gesprochen werden kann. Man sollte die Ängste nicht ignorieren, das führt genau zum Gegenteil: Die Menschen bekommen noch mehr Ängste, weil sie sich nicht gesehen fühlen. Stattdessen sollte man die Ängste ernst nehmen und den Menschen dann in einer sicheren und ruhigen Situation mit Fakten und einer entsprechenden Einordnung begegnen.
WDR: Richtet sich die Politik zu sehr nach den Gefühlen der Wählerinnen und Wähler?
Urner: Wir können nicht genug auf die Gefühle der Menschen eingehen. Auch wenn viele das nicht hören wollen: All unsere Entscheidungen basieren immer auf Gefühlen.
Das Interview führte Ingo Neumayer.