Ein IPad zeigt verschwommen pornografische Fotos.

Würgen als Normalfall? Was Pornos mit Jugendlichen machen

Stand:

In Großbritannien sind Würge-Sex-Videos demnächst verboten. Sie sind weit verbreitet. Was Pornos mit jungen Menschen machen.

Von Dominik Reinle

Wer Pornos besitzt oder veröffentlicht, die Strangulation zeigen, macht sich im Vereinigten Königreich zukünftig strafbar. Denn was früher noch ein Nischen-Interesse war, ist auf Pornoseiten heute weit verbreitet.

Mehr als die Hälfte der unter 35-Jährigen hat laut einer jüngsten Umfrage Strangulation bereits erlebt, die knappe Mehrheit hatte Angst dabei und nur eingewilligt, um ihrem Partner einen Gefallen zu tun.

Pornos können eigenen Sex beeinflussen

"Tatsächlich kann man feststellen, dass - wenn viele Pornos geguckt wurden - ein gewisser Realitätsverlust eintritt", sagte der Kulturwissenschaftler Christian Lenz am Donnerstag dem WDR. Er forscht an der TU Dortmund unter anderem zu Pornos. "Viele Leute handeln dann, als wären sie in einem Porno."

Porträt von Sexualpädagogin Madita Oeming

Sexualpädagogin Madita Oeming forscht an der Uni Gießen.

Es bestehe die Gefahr, sagte die Wissenschaftlerin und Sexualpädagogin Madita Oeming dem WDR, dass Jugendliche das, was sie in Pornos sehen, in ihrer eigenen Sexualität nachahmen, ohne das notwendige Wissen dazu zu haben. "Es kann sein, dass Jugendliche Choking-Szenen sehen und dann davon ausgehen, dass Würgepraktiken eben zum Sex dazugehören." Es entstehe dann der falsche Eindruck: "Das kann man einfach machen."

Pornos sind keine Gebrauchsanweisungen

Wichtig sei es, so Sexualpädagogin Oeming, bei den Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Pornos inszeniert sind: "Es sind sexuelle Fantasien und keine Gebrauchsanweisungen für Sex."  Denn vieles, was zu gelingendem Sex dazu gehört, sei nicht zu sehen. Konsens zum Beispiel. Es müsse allen klar sein: "Wir kommunizieren mit unserem Gegenüber darüber, was wir sexuell miteinander machen möchten."

Carsten Müller, Sexualpädagoge

Carsten Müller, Sexualpädagoge

Der Duisburger Sexualpädagoge Carsten Müller wies darauf hin, dass in den Pornos der kostenfreien Online-Angebote Dinge wie "Konsens herstellen" und "Aushandlung" kein Thema sind. Das sei problematisch, weil sich das Einstiegsalter für Pornos in den letzten Jahren "noch mal verjüngt" habe. Dadurch, dass Smartphones zur Grundausstattung junger Menschen gehöre, könnte auch schon Kinder "über Zufallsfunde auf pornografische Inhalte" stoßen.

Medienkompetenz stärkt Entscheidungsbewusstsein

Wie sieht gute Aufklärung aus? "Sie muss wertfrei und grenzsensibel sein und früh genug passieren", sagt Sexualpädagogin Oeming. Der erste Pornokontakt liege bei etwa zwölf, 13 Jahren. "Spätestens wenn Kinder sich alleine im Internet bewegen, was durchschnittlich mit zehn Jahren ist, sollten sie grob wissen, dass es Pornos gibt." Sie müssten erfahren, dass diese Inhalte nicht für sie gemacht seien und sie überfordern können.

Für Sexualpädagoge Müller, der mit sexuellen Bildungsangeboten an Schulen unterwegs ist, steht beim Thema Sexualaufklärung auch die Medienkompetenz in Sachen Pornografie im Zentrum. Bei diesen Gesprächen gehe es zum Beispiel um Rollenbilder. "Wir sprechen auch darüber, wie sexuelle Aktivitäten funktionieren." Die Kinder und Jugendlichen müssten im Vorfeld in die Lage versetzt werden, Pornos einordnen zu können und bewusste Entscheidungen zu treffen.

"Verbote bringen überhaupt nichts"

Und was ist mit einem Verbot? "Es braucht Bildung statt Verbot", sagte Müller am Donnerstag dem WDR. "Verbote bringen überhaupt nichts." Außerdem seien diese nicht umsetzbar. Pornografie sei in Deutschland zwar für Menschen unter 18 Jahren verboten, aber in der Praxis könne jeder auf den Button "Ich bin über 18" klicken und habe so Zugang zu Porno-Portalen.

Auch Kulturwissenschaftler Lenz findet es richtig, Jugendliche vor etwas zu schützen, was potentiell gefährlich ist. Aber Verbieten hält er für den falschen Weg. "Man kann es nicht und man sollte es nicht." Man solle die jungen Mensche vielmehr aufklären, dass das, was sie da sehen, nicht real ist - sondern eine Fantasie. Und nur bedingt einen Lustgewinn darstellt.

Die Wissenschaftlerin Madita Oeming hält das Verbot in Großbritannien für den völlig falschen Ansatz. Statt auf Zensur setze sie auf Aufklärung. Sie sehe das Verbot zudem als "Feigenblatt-Aktion": "Wenn die Regierung wirklich etwas gegen Gewalt gegen Frauen tun wollte, gäbe es ganz andere Hebel, als Würge-Pornos zu verbieten."

Wie Pornos die Realität verändern - Interview Christian Lenz

WDR Studios NRW 04.12.2025 04:43 Min. Verfügbar bis 04.12.2027 WDR Online


Unsere Quellen:

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 04.12.2025, ab 6.00 Uhr 

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