Die Opferzahlen in NRW sind seit mehreren Jahren mehr oder weniger konstant. Nur die Zahl der Toten war im vergangenen Jahr mit neun auffallend hoch. In den Jahren 2022 und 2023 starben jeweils vier Obdachlose einen gewaltsamen Tod.
LKA geht von hoher Dunkelziffer aus
Die Zahlen stammen aus der offiziellen Kriminalitätsstatistik für NRW. Die tatsächlichen Zahlen dürften deutlich höher sein, so ein Sprecher des Landeskriminalamtes in Düsseldorf. "Obdachlose gehen für gewöhnlich nicht zur Polizei und machen eine Anzeige."
Das ist auch die Erfahrung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin. Obdachlose misstrauten den Behörden, manche hätten Angst vor Rache. Denn oft geht es um Konflikte in der Szene, Obdachlose gegen Obdachlose - so wie es im Fall der beiden Obdachlosen vermutet wird, die in dieser Woche Opfer eines Brandanschlags in Dortmund geworden sind.
Auffällig: Täter sind oft junge Männer
Aber es gibt auch andere Fälle: Da werden Menschen mit ausgeprägter Obdachlosenfeindlichkeit übergriffig und gewalttätig. "Die Spanne reicht von Stigmatisierung und Benachteiligung im Alltagsleben über Bedrohungen und Beschimpfungen bis zu tätlichen Angriffen und Mord", heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Und: "Besonders häufig wird Gewalt gegen Wohnungslose von jungen Männern ausgeübt."
Ein Beispiel aus dem Jahr 2024: Drei Jugendliche gingen in Essen auf einen Obdachlosen los. Ohne ersichtlichen Grund. Dabei trat einer von ihnen so heftig gegen den Kopf des Mannes, dass ein Halswirbel brach. Monatelang lag das Opfer danach im Krankenhaus. Der Haupttäter wurde im Mai diesen Jahres zu drei Jahren und sechs Monaten Jugendhaft verurteilt. Da war er 17 Jahre alt.
"Menschenfeindlichkeit" - wissenschaftlich betrachtet
Die Universität Bielefeld hat vor Jahren ein Forschungsprojekt mit dem Titel "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" durchgeführt. Danach tritt Obdachlosenfeindlichkeit oft bei Menschen auf, die auch Angehörigen anderer Menschengruppen wie etwa Geflüchteten oder Menschen mit Behinderungen die Gleichwertigkeit absprechen.
Obdachlose haben kaum Fürsprecher
Die Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus einsetzt, erinnerte vor Kurzem in einer Pressemitteilung daran, dass Obdachlosenfeindlichkeit eine lange Geschichte hat.
Schon im Mittelalter sei zwischen "wahren" und "unwahren" Armen unterschieden worden, je nachdem, ob jemand "arbeitswillig" war. In der Kaiserzeit galten obdachlose Männer als "Vagabunden" oder "Landstreicher", obdachlose Frauen als "gefallene Mädchen".
Die Stiftung kritisiert, dass Obdachlose noch immer keine Lobby hätten. Lediglich die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe engagiere sich dauerhaft für deren Belange.
Unsere Quellen:
- Landeskriminalamt NRW
- Bundeszentrale für politische Bildung
- Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.
- Amadeu-Antonio-Stiftung, Berlin