Schicksalstag im Nachbarland: Parlamentswahl in den Niederlanden | WDR aktuell

04:06 Min. Verfügbar bis 29.10.2027

Favoriten, Wahlkampfthemen: Wissenswertes zur Wahl in den Niederlanden

Stand:

Unsere Nachbarn in den Niederlanden wählen ein neues Parlament: Was waren die Hauptthemen im Wahlkampf, wer sind die Favoriten auf den Sieg?

Von Oliver ScheelOliver Scheel

Die Niederlande haben erst vor zwei Jahren ein Parlament gewählt. Damals feierte die Freiheitspartei PVV des Rechtspopulisten Geert Wilders einen überraschend deutlichen Sieg. Es kam zu einer Viererkoalition, die zwar mit Wilders regieren wollte, aber nicht unter einem Ministerpräsidenten Geert Wilders.

Also wurde Dick Schoof Ministerpräsident - ein Parteiloser, der zuvor Chef des Geheimdienstes und der Antiterrorbehörde war. Doch aus dem Hintergrund versuchte Wilders, die Fäden zu ziehen. Das ging nicht lange gut und im Juni 2025 ließ Wilders die Koalition an einer Frage zur Einwanderungspolitik zerbrechen.

Wilders ist auch diesmal der Favorit - und wer noch?

Vorsitzender der Rechtsaußenpartei "PVV" Geert Wilders

Geert Wilders

Nun wählen unsere Nachbarn am heutigen Mittwoch zum zweiten Mal innerhalb von knapp zwei Jahren ein neues Parlament. Dass Wilders erneut regieren wird, scheint ausgeschlossen, denn fast alle etablierten Parteien lehnen eine Zusammenarbeit mit ihm ab. Sie werfen dem Rechtspopulisten vor, den Bruch der bisherigen Koalition bewusst provoziert zu haben. 

"Wie können Sie den Niederlanden das antun?", empörte sich die Vorsitzende der mitregierenden liberalen VVD-Partei, Dilan Yesilgöz. Sie nannte seinen Schritt "äußerst unverantwortlich".

GroenLinks-PvdA-Vorsitzender Frans Timmermans

Frans Timmermans

Wilders' Image ist also angekratzt, aber nicht total beschädigt. Entscheidend wird sein, wer zweitstärkste Kraft wird, denn diese Partei wird voraussichtlich die Koalition bilden. Derzeit liegt die linksgerichtete Groenlinks/PvdA unter Führung des ehemaligen EU-Klimakommissars Frans Timmermans auf Platz zwei. 

CDA-Parteivorsitzender Henri Bontenbal bei einer Wahlkampfveranstaltung

Henri Bontenbal

Der aufsteigende Stern der niederländischen Politik ist jedoch Henri Bontenbal, dessen Mitte-Rechts-Partei CDA in den Umfragen rasant aufholt und die zweitmeisten Stimmen holen will. Der 42-Jährige verspricht nach dem von Wilders verursachten Chaos der vergangenen Jahre eine "Rückkehr zur Normalität" und will die politische Polarisierung bekämpfen. Bontenbal pflegt das Image eines anständigen Politikers, sozusagen eines "Anti-Wilders". Er glaubt, die Niederländer haben keine Lust mehr auf Spaltung - er will versöhnen.

Die Situation ist also durchaus vergleichbar mit der Entwicklung in Deutschland: Die Rechtspopulisten sind stark, können aber wohl nicht regieren, weil ihre Kontrahenten sich gegen die extreme Rechte vereinen.

Was waren die bestimmenden Themen des Wahlkampfes?

Aber hat Wilders PVV auch die Hauptthemen im Wahlkampf gesetzt? Asyl und Migration wurden durchaus debattiert, doch soziale Themen nahmen diesmal einen größeren Raum ein. Denn in vielen Städten in den Niederlanden herrscht eine große Wohnungsnot.

Frans Timmermans, Henri Bontenbal und Geert Wilders in der Fernsehdebatte "Het Debate van de Netherlands"

Frans Timmermans, Henri Bontenbal und Geert Wilders in der Fernsehdebatte "Het Debate van de Netherlands"

Die Wohnungskrise bereitet den Menschen große Sorgen - schließlich gehören die Niederlande zu den am dichtesten besiedelten Ländern Europas. In Städten wie Amsterdam sind die Mieten mehr oder weniger unbezahlbar geworden. Laut der Vermieterplattform "housinganywhere" war Amsterdam 2024 gar die teuerste Stadt Europas, was die Miete betrifft. Mit Rotterdam, Den Haag und Utrecht fanden sich noch drei weitere niederländische Städte unter den Top Ten der hohen Mieten.

Neben den Mieten sind laut einer Umfrage des Nachrichtenprogramms EenVandaag Einwanderung, Gesundheit, Kriminalität und Lebenshaltungskosten die wichtigsten Themen für die Niederländer. Außenpolitisch beschäftigt die Niederländer an erster Stelle die Verteidigung, gefolgt von den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen

Klimapolitik spielt für die Wahlentscheidung laut Umfrage kaum eine Rolle. Dennoch waren wenige Tage vor der vorgezogenen Parlamentswahl in Den Haag etwa 45.000 Menschen auf der Straße, um gegen eine Vernachlässigung von Klimapolitik zu demonstrieren. Die Demonstranten zogen mit Plakaten mit den Worten "Der Planet verdient deine Stimme" oder "Grün wählen" durch die Stadt.

Die Niederlande wählt

WDR Studios NRW 29.10.2025 02:03 Min. Verfügbar bis 29.10.2027 WDR Online


KI-generierte Fotos von Timmermans: Der Aufreger im Wahlkampf

Während des Wahlkampfs gab es einen handfesten Eklat: Zwei Abgeordnete der radikal-rechten Partei des Populisten Wilders hatten mit KI gefälschte Bilder verbreitet, die den rot-grünen Spitzenkandidaten Timmermans diffamierten. Auf einem der Bilder ist Timmermans zu sehen, wie er in Handschellen von zwei Polizisten abgeführt wird. Die KI-Bilder waren auf Facebook verbreitet worden. Unter den KI-Bildern standen in den Kommentaren auch viele Todesdrohungen gegen den Sozialdemokraten.

Timmermans nannte dies einen "beschämenden Tiefpunkt". "Wenn Abgeordnete sich dazu erniedrigen, Volksverhetzung zu organisieren und Hass zu schüren, beeinträchtigt das unsere Demokratie insgesamt," so Timmermans.

Das rot-grüne Bündnis Groenlinks-PvdA kündigte Strafanzeige gegen die Abgeordneten an, wegen Verleumdung und Hetze. Wilders gab sich kleinlaut: "Unangemessen und inakzeptabel. Ich distanziere mich davon. Die Website ist offline. Ich entschuldige mich bei meinem Kollegen Timmermans", schrieb er in sozialen Medien.

Bürgerinitiative schickt "Troetelleger" gegen Hass-Botschaften

Es gab aber auch Lichtblicke im Wahlkampf - und vor allem im Kampf gegen Hass-Botschaften in den sozialen Medien: Die niederländische Bürgerinitiative DeGoedeZaak (die gute Sache) schickte eine sogenannte "Hätschel-Armee" (Troetelleger) los, sobald ein Politiker mit hasserfüllten Botschaften überschüttet wurde.

Die Bürger wurden dann aufgefordert, massenhaft positive Nachrichten zu schicken. Über Whatsapp oder Signal bekamen die Helfer einen Link mit der Bitte, eine liebevolle Reaktion zu schicken. Dann gingen Hass-Botschaften in Unmengen an liebevollen Kommentaren unter.

Wer regiert in Zukunft in den Niederlanden?

Heute ist Wahltag. Doch wer die Niederlande regieren wird, wird wohl noch eine Weile unklar bleiben. Eine Sperrklausel wie die Fünf-Prozent-Hürde in Deutschland gibt es nicht. Und da keine der 27 Parteien alleine die Mehrheit von 76 Abgeordneten erreichen wird, muss eine Mehrparteienkoalition gebildet werden. Die Verhandlungen beginnen noch am Wahlabend und ziehen sich oft über mehrere Monate hin. Die Bildung der letzten Regierung dauerte 223 Tage.

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