Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland Manfred Kock

Mahner, Mittler, Menschenfreund: Zum Tod von Manfred Kock

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Manfred Kock, einst Vorsitzender der EKD, vereinte Gegensätzliches mit Leichtigkeit. Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

Von Marion Kretz-Mangold

Der Vergleich scheint Manfred Kock zu gefallen: "Es hat mal jemand gesagt, nachdem die Evangelische Kirche bislang von einem wilden Pferd gezogen wurde, täte jetzt vielleicht ein ruhiger Gaul ganz gut."

Das wilde Pferd, damit ist Peter Beier gemeint, sein Vorgänger im Amt als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Und er ist sozusagen der Kaltblüter, bedächtig und massig. Kock zitiert den Satz oft, aber auf eines legt er jedes Mal Wert: Ruhig? Ja. Aber ganz bestimmt "nicht träge und leidenschaftslos".

Blick über die Kirchenmauern

Scheuklappen, um im Bild zu bleiben, trägt er auch nicht. Der Westfale, 1936 in Burgsteinfeld geboren, wächst zwar in einem lutherischen Elterhaus auf, aber er besucht auch den katholischen Religionsunterricht.

Das ist ungewöhnlich in einer Zeit, als die Gräben zwischen den Religionen noch sehr tief sind. Später studiert er Theologie, weil er klären will, "wie Glauben und Wissen zusammenhängt".

Ehemaliger EKD-Vorsitzende Manfred Kock verstorben

WDR Religion 14.09.2025 03:35 Min. Verfügbar bis 17.09.2026 WDR 5


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Früherer EKD-Vorsitzender gestorben

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Mit den Kumpeln auf die Straße

Aber dann drängt es ihn in die Praxis. Er wird nach Recklinghausen geschickt, dahin, wo die Kumpel gegen drohende Zechenschließungen auf die Straße gehen. Der Pastor geht mit, "obwohl die Kirchenleitung das nicht gerne sah".

Seitdem verbindet er Theologie und Politik - und ist überzeugt davon, dass die Kirche "ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft" sein muss.

Dort hat er auch einen Alptraum, der ihn lange verfolgt: "Ich träumte, dass alle Kirchen in meiner Umgebung nur noch Museen sind", so stellte er sich das Leben im Jahr 1984 vor. Eine evangelische Kirche in der Hand von "Spezialisten", die nicht mehr von unten getragen wird und innerlich ausblutet: für Kock eine Schreckensvision.

Werbegeschichte geschrieben

Sein Gegenmittel: die Kirche "offen halten für suchende und zweifelnde Menschen". Dabei geht er auch ungewöhnliche Wege, wie die Kölner Imagekampagne "Misch Dich ein" aus dem Jahre 1993, mit der er als Superintendent im katholischen Köln Werbung für seine Kirche machen will, mit großen Plakaten und Werbespots.

Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Manfred Kock und Konrad Raiser

Manfred Kock (links) und Konrad Raiser 2003 im Französischen Dom in Berlin

Dass dort nackte Männer gezeigt werden, erbost viele Gläubige, und ob die Aktionen den Mitgliederschwund aufhalten konnten, wird bezweifelt. Aber sie geht als "Mutter aller christlichen Kommunikationskampagnen" in die Werbegeschichte ein. Und sie macht Kock bundesweit bekannt.

Er hat also einen Namen, als er nach dem plötzlichen Tod von Peter Beier im Januar 1997 zum Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) gewählt wird. Ein Amt, das er weder "erträumt noch angestrebt" hat, wie er sagt.

Weniger Mitglieder, weniger Einnahmen, dazu der Dauerkonflikt zwischen fundmental Konservativen und Progressiven, der die Kirche zu zerreißen droht: Die Erwartungen an Kock sind hoch.

Ein Jahr, zwei Ämter, viele Probleme

Er sei nur ein Übergangskandidat, betont er immer wieder, er wolle nach der Hälfte der Amtszeit einem Jüngeren Platz machen. Aber es kommt ganz anders. Noch im selben Jahr, im November 1997, wird er in Wetzlar zum Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt - wie zuvor mit überwältigender Mehrheit.

Eigentlich gilt Wolfgang Hubers Wahl als sicher. Aber der ist vielen Synodalen zu eloquent, zu links und zu ehrgeizig. So stimmen sie für Manfred Kock, "den gemütlichen rheinischen Präses", wie die "Süddeutsche Zeitung" ihn rückblickend beschreibt.

Ökumeniker aus Überzeugung

Gemütlich? Es stimmt: Kock gilt als "gelassener, lebensfroher Moderator", der "nie das Trennende betont, sondern immer das Gemeinsame".

Er vermittelt zwischen den Flügeln in seiner eigenen Kirche, sucht das Gespräch mit Muslimen und Juden, weil er die historische Schuld der Kirche abtragen will. "Die Religionen haben die Menschen zusammenzuführen und nicht zu spalten", sagt er selbst.

Der Kardinal als Bruder im Geiste

Das gilt auch für die katholische Kirche. Kock ist "Ökumeniker" aus Überzeugung. "Es gibt eine große Sehnsucht danach, dass Konfessionen zusammenleben und Gemeinsames tun können", glaubt er.

Der Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Manfred Kock mit Erzbischof Winston und Bischof Prof. Dr. Dr. Karl Lehmann

Manfred Kock (rechts) wie er 1999 den Südafrikanischen Erzbischof Winston Ndungane und den Vorsitzenden der Deutsche Bischofskonferenz Prof. Dr. Dr. Karl Lehmann begrüßt

Einen Bruder im Geiste findet er in Karl Lehmann. Gemeinsam lehnen sie die Forschung an embryonalen Stammzellen ab, die Sterbehilfe und den Krieg als Mittel der Politik, erarbeiten eine christliche Patientenverfügung und fordern einen Gottesbezug in der EU-Verfassung.

Auch wenn so viel Nähe manchen in der katholischen Kirche suspekt ist: Zwischen Kock und Lehmann passe "nicht ein Blatt Papier", heißt es. Dennoch: Kock will die die Ökumene "nicht als Gleichmacherei, sondern als Kirchen, die sich akzeptieren und respektieren." Deswegen tut er sich mit dem Kölner Kardinal Meisner schwer, für den "Protestanten eigentlich Störende sind".

Ein nicht ganz moderater Moderator

Um jeden Preis moderat sein will Kock auch nicht: "Ausgleich heißt ja nicht, dass man über alles eine Versöhnungssauce gießt." Stattdessen wählt er sehr klare Worte, wenn er es für nötig hält.

"Skandalös" nennt er die hohe Arbeitslosigkeit, und wenn einige Kölner versuchen, das Veranstaltungsverbot an Karfreitag zu kippen, dann zeugt das von "einer erschreckenden Kulturvergessenheit".

Querdenken und den Protest aushalten

Ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Manfred Kock

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Manfred Kock

Manchmal handelt er sich scharfen Protest ein: Als er dem US-Präsidenten Bush am Vorabend des Irak-Krieges "religiösen Fundamentalismus" vorwirft, muss er einen Rückzieher machen.

Und dass er die Sozialreformen der Schröder-Regierung gutheißt, weil sonst der Sozialstaat nicht überleben könne, bringt ihm den wütenden Protest von Arbeitslosen ein.

Rückzug – aber nicht ganz

Kock füllt beide Ämter aus, mit Worten und mit Taten. Aber Anfang 2002 kündigt er seinen vorzeitigen Rückzug als Präses der Rheinischen Landeskirche an - ihm macht die Doppelbelastung gesundheitlich zu schaffen. Im November 2003 gibt er auch den Vorsitz im Rat der EKD ab. Wolfgang Huber wird sein Nachfolger.

Sie sind sich in vielen Punkte einig, trotzdem muss sich Huber immer wieder Kritik gefallen lassen, etwa zu seinem Umgang mit Muslimen und ihrer Kölner Moschee. Denn Kock gibt auch im Ruhestand gerne Widerworte.

Der Sohn tritt in seine Fußstapfen

Ruhestand ist sowieso das falsche Wort. Der Präses i.R. hat auch mit weit über 80 wenig Zeit für seine Hobbys Segeln und Bergwandern, weil er als Prediger, Referent und Gast bei Synoden gefragt ist: "Ein Meister des Wortes" auch hier. Er macht, weniger bekannt, Kabarett, schreibt "wider die ökumenische Eiszeit" an.

Er hat es immer als Privileg empfunden, dass Beruf und Privates eins war, sagt er einmal. Seine Frau Gisela und die drei Kinder mussten es dann schon mal hinnehmen, dass ein Jugendlicher zwei Jahre zuhause einquartiert wurde, weil seine Familie ihn nicht mehr aufnehmen wollte. Abschreckend ist das wohl nicht gewesen: Sein Sohn ist auch Pfarrer geworden.

"Ich denke, ich habe etwas bewegt"

Und sein Alptraum von einst, in dem Kirchen zu Museen wurden? "Ich denke, ich habe etwas bewegt", sagt Kock rückblickend. Trotz der Sparzwänge und des Mitgliederschwundes sei ihm um die Kirche nicht bang, sagt Kock. "Wir werden eine Volkskirche bleiben, überall da präsent, wo Menschen sind. Vielleicht wird das nötiger sein als zuvor." Jetzt ist er im Alter von 88 Jahren gestorben.

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