"Drecksarbeit" gegen Iran? Das ist dran an Merz' Lob für Israel

Stand:

Laut Bundeskanzler Merz erledigt Israel mit seinem Angriff auf den Iran "für uns" die "Drecksarbeit". Damit löst er eine Kontroverse aus. Was ist dran an dieser Äußerung - und was empört?

Von Jörn Seidel

In Deutschland wird über Drecksarbeit diskutiert - genauer gesagt über Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der am Dienstag in einem ZDF-Interview dieses Wort verwendete, um Israel seinen Respekt für den Angriff gegen den Iran zu erweisen.

Merz' Worte lösen bei einigen Unbehagen aus - sprachlich wie völkerrechtlich. Gleichzeitig spricht er große Gefahren an, die tatsächlich vom Iran ausgehen. Das steckt hinter der Diskussion - ein Überblick.

"Drecksarbeit": Was genau hat Merz gesagt? 

Eigentlich brachte ZDF-Hauptstadtstudio-Chefin Diana Zimmermann das Wort "Drecksarbeit" auf. In ihrem Interview mit dem Bundeskanzler beim G7-Gipfel in Kanada fragte sie zugespitzt: "Ist das nicht sehr verlockend, dass die Israelis jetzt die Drecksarbeit machen für ein Regime, das sehr viele in der Welt als einen wirklich großen Störfaktor wahrnehmen?"

Merz ließ sich auf die Formulierung ein: "Frau Zimmermann, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff Drecksarbeit." Und weiter:

"Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht - für uns alle. Wir sind von diesem Regime auch betroffen." Friedrich Merz, Bundeskanzler

Dann benannte Merz Gefahren, die vom Iran ausgehen - zum Beispiel das Atomprogramm und die Terrorunterstützung.

Seine Antwort schloss er mit den Worten: "Ich kann nur sagen: Größten Respekt davor, dass die israelische Armee den Mut dazu gehabt hat, die israelische Staatsführung den Mut dazu gehabt hat, das zu machen. Wir hätten sonst möglicherweise Monate und Jahre weiter diesen Terror dieses Regimes gesehen - und dann möglicherweise noch mit einer Atomwaffe."

Welche Gefahren, die Merz anspricht, gehen vom Iran aus?

"Dieses Mullah-Regime hat Tod und Zerstörung in die Welt gebracht - mit Anschlägen, mit Mord und Totschlag, mit Hisbollah, mit Hamas." Der große Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 "wäre ohne das Regime in Teheran niemals möglich gewesen", sagte Merz. Außerdem nannte er die "Belieferung Russlands mit Drohnen aus Teheran". Und vor allem erwähnte er die Gefahr, die vom Iran ausgehen würde, wenn das Land im Besitz einer Atombombe wäre.

Tatsächlich besteht nach Einschätzung vieler Experten kein Zweifel daran, dass der Iran Terror unterstützt, vor allem durch die Organisationen Hisbollah und Hamas. Auch treiben die Machthaber im Iran seit Jahren ihr Atomprogramm voran, angeblich nur zur Energiegewinnung. Die Gefahr dabei: Seit Jahrzehnten stellt der Iran das Existenzrecht seines Erzfeindes Israel infrage.

Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien | Bildquelle: picture alliance / HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Nach Einschätzung des Institute for Science and International Security in Washington hat der Iran inzwischen deutliche Fortschritte auf dem Weg zur Atombombe gemacht. Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde zufolge verfügt das Land schon über knapp 275 Kilogramm Uran, das auf 60 Prozent angereichert wurde. Für Atomwaffen brauche man 90 Prozent, sagte Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien, am Montag bei tagesschau24.

"Man glaubt immer, mit 60 Prozent ist man noch ein gutes Stück von den 90 Prozent entfernt, die man braucht. Aber das ist nicht so. Die Urananreicherung ist kein linearer Prozess", so Steinhauser. "Von 60 Prozent auf 90 Prozent geht es dann sehr rasch. Das ist förmlich nur noch ein Katzensprung."

Andererseits brauche es zur Herstellung einer funktionstüchtigen Atomwaffe noch mehr, sagte Steinhauser. Ob der Iran also tatsächlich kurz davor stand, eine Atombombe einsetzen zu können, darüber sind sich Beobachter uneins.

Warum kritisieren Rechtsexperten Merz' "Drecksarbeit"-Äußerung?

Matthias Herdegen, Völkerrechtler von der Uni Bonn, schrieb am Freitag bei X, der "Präventivschlag Israels gegen die Atomanlagen Irans bewegt sich völkerrechtlich in tiefgrauer Zone, auch wenn das iranische Regime Israel von der Landkarte tilgen möchte".

Professor Pierre Thielbörger, Völkerrechtler | Bildquelle: Ruhr Universität Bochum

"Dass Israel ein Selbstverteidigungsrecht hat, steht völlig außer Frage", sagte Völkerrechtler Pierre Thielbörger von der Ruhr-Universität Bochum am Mittwoch dem WDR: "Auch dass Israel sich durch die jahrzehntelange, hasserfüllte und politisch inakzeptable Rhetorik des Iran ernsthaft bedroht fühlt, ist mehr als verständlich."

Trotzdem bleibe völkerrechtlich die Frage entscheidend, ob solche Drohgebärden oder das stark fortschreitende iranische Atomprogramm "einen bewaffneten Angriff darstellen, der zumindest unmittelbar bevorsteht".

"Nach anerkannten völkerrechtlichen Regeln, was wir unter einem solchen unmittelbar bevorstehenden Angriff verstehen, war das nicht der Fall." Prof. Pierre Thielbörger, Rechtswissenschaftler an der Ruhr Uni Bochum

Somit habe Merz' Rechtfertigung des israelischen Angriffs auf den Iran schwerwiegende Folgen. Das könne "das Völkerrecht insgesamt schwächen", sagte Thielbörger: "Staaten, die wie Deutschland über die letzten Jahrzehnte das internationale Recht immer geachtet und energisch verteidigt haben, dürfen nicht damit beginnen, eben dieses so wichtige Recht selektiv anzuwenden."

Welche sprachliche Kritik gibt es an Merz' "Drecksarbeit"-Äußerung?

"Ich würde mir wünschen, dass ein deutscher Kanzler niemals das Wort 'Drecksarbeit' benutzt, wenn er über das Töten von Menschen spricht", schrieb die Publizistin und Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel, die früher aus Kabul berichtete, am Mittwoch auf ihrem Instagram-Kanal.

In diese Richtung geht auch die Kritik von Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni Köln. Wenn Merz in diesem Zusammenhang von "Drecksarbeit" spreche, nutze er eine Rhetorik, die "verdingliche", sagte er am Mittwoch dem WDR. Es gehe um "Dreck", um "etwas häufig Ekelerregendes, was gesäubert werden muss".

"Was dann genau zu säubern ist, wird nicht ausgeführt, sondern bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Das ist das Gefährliche." Prof. Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni zu Köln

"Der Dreck kann nämlich unbewusst mit dem ganzen Land einschließlich der Menschen assoziiert werden", sagte Adli. Mit Blick auf die zivilen Opfer sei das "eine sehr bedenkliche Art der Kriegsrhetorik".

Übrigens: Im Interview mit ARD-Hauptstadtstudio-Chef Markus Preiß - ebenfalls am Dienstag beim G7-Gipfel in Kanada - verwendete Merz das Wort "Drecksarbeit" nicht. Aber er wiederholte, dass er den Angriff Israels gegen den Iran für gerechtfertigt hält: Israel mache "von seinem Recht auf Selbstverteidigung" Gebrauch.

Unsere Quellen:

  • ARD- und ZDF-Interview mit Kanzler Friedrich Merz beim G7-Gipfel
  • Aria Adli, Sprachwissenschaftler an der Uni Köln, im Interview mit WDR-Reporterin Cosima Gill
  • Prof. Pierre Thielbörger, Rechtswissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum, auf WDR-Anfrage
  • Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien, bei tagesschau24
  • Institute for Science and International Security in Washington zum iranischen Atomprogramm
  • X-Post von Matthias Herdegen, Völkerrechtler an der Uni Bonn
  • Instagram-Post von Ronja von Wurmb-Seibel, Publizistin und Journalistin
  • Nachrichtenagentur dpa

Über dieses Thema berichten wir am 18.06.2025 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

Kommentare zum Thema

  • Jannek 20.06.2025, 12:39 Uhr

    Wenn das Wort in den Mund gelegt wird, kann man es ausspucken oder ein wenig drauf 'rumkauen. Jedenfalls ist es Klartext, denn hinter rhetorischer Schminke und Schönrednerei ist das eine recht zutreffende Umschreibung dessen, was da geschieht. Das Regime im Iran hat die "Auslöschung" Israels als Motto und muss man sich da wundern, wenn Israel nicht zulassen will, dass es die Mittel dazu in die Hände bekommt?

  • Fabian 20.06.2025, 11:54 Uhr

    Viele Dank an den Autor Jörn Seidel für diesen gelungenen, um Objektivität bemühten Beitrag!

  • Horst A. 20.06.2025, 06:23 Uhr

    Danke, endlich mal eine Zusammenfassung und Bewertung, die sich um Objektivität bemüht. Dass Merz die Wortwahl der Journalistin im Gespräch aufgriff, liest man weder bei Süddeutsche, Zeit, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau.