Einsatz für Heilung: Was Krebsforschende antreibt

Aktuelle Stunde 17.10.2025 16:06 Min. UT Verfügbar bis 17.10.2027 WDR Von Ann-Kathrin Stracke

Durchbrüche in der Krebs-Forschung: Wie der Körper sich selbst heilt

Stand:

In der Krebs-Forschung gibt es riesige Fortschritte. Immuntherapien helfen dem Körper, sich selbst zu heilen. Das macht vielen Erkrankten Hoffnung. Und schon jetzt haben die Therapien zum Teil großen Erfolg. Ein Überblick.

Von Jörn SeidelJörn Seidel

Jedes Jahr erkrankt in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen neu an Krebs. Die gute Nachricht: Die vielfältigen Krebs-Erkrankungen lassen sich immer besser behandeln. Und auch in der Prävention und Diagnose gibt es Fortschritte.

Über die aktuelle Krebs-Forschung diskutieren von Freitag an fünf Tage lang Expertinnen und Experten beim interdisziplinären ESMO-Kongress der European Society for Medical Oncology in Berlin. Das ist die größte Krebs-Tagung in Europa.

Wie das Immunsystem selbst den Krebs bekämpfen kann

WDR-Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori

Christina Sartori, WDR-Wissenschafts-Journalistin

Vor allem im Bereich der Immuntherapien gibt es in der Forschung riesige Fortschritte. "Immuntherapie bedeutet generell: Man hilft dem eigenen Immunsystem, den Krebs zu bekämpfen", erklärt WDR-Wissenschafts-Journalistin Christina Sartori. Diese Therapieform sei als vierte Säule in der Behandlung hinzugekommen und werde immer bedeutsamer:

Vier Säulen der Krebs-Behandlung:

  • Operation
  • Bestrahlung
  • Chemotherapie
  • Immuntherapie

Mehrere Formen der Immuntherapie

Die Immuntherapie ist längst nicht nur eine einzige Therapieform. Dahinter verbergen sich zum Beispiel die Behandlung mit bispezifischen Antikörpern, die proteinbasierte Impfung oder auch die Radioimmuntherapie, in der soeben ein Forschungsteam aus NRW einen Durchbruch verkündet hat. Die Wissenschaftler entwickelten einen Antikörper, der in Kombination mit einem radioaktiven Stoff Krebszellen sucht, anzeigt und gleichzeitig bekämpft. Mehr dazu hier:

Vor allem aber drei Bereiche der Immuntherapie haben in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen:

mRNA-Impfung gegen Krebs

Eine vorbeugende Impfung gegen alle Krebsarten - das bleibt vorerst eine Utopie. Es gibt lediglich einzelne vorbeugende Impfungen wie jene gegen Humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Spricht man von Impfungen gegen Krebs, sind in der Regel therapeutische Impfungen gemeint. Geimpft werden also nicht gesunde, sondern Menschen, die bereits an Krebs erkrankt sind.

Die mRNA-Impfung gegen Krebs funktioniert ähnlich wie die mRNA-Impfung gegen Corona - also mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna. Anders als bei der klassischen Impfung werden dem Körper keine abgetöteten Bestandteile des zu bekämpfenden Gegners gespritzt.

Ein Patient in London erhält für eine Studie eine mRNA-Impfung gegen Krebs

Ein Patient in London erhält eine mRNA-Impfung gegen Krebs.

Stattdessen wird mit dem mRNA-Botenstoff der Bauplan für ein bestimmtes Protein (also Eiweiß) des Tumors in die Muskelzellen injiziert. Dort stellt der Körper nach dieser Bauanleitung nun selbst Tumor-Bausteine her. Das Immunsystem erkennt diese als fremd und produziert Antikörper und T-Zellen, die den Tumor bekämpfen können.

Noch ist die Krebs-Behandlung mit mRNA-Impfstoffen nicht zugelassen. Aber die Forschung schreitet in großen Schritten voran. Vorne mit dabei: das Mainzer Pharma-Unternehmen Biontech. Aber auch die mRNA-Forscher von Curvac in Tübingen arbeiten schon seit Langem an Krebs-Impfungen. Im Sommer verkündete Biontech, Curevac übernehmen zu wollen. Am Dienstag gab das Bundeskartellamt dafür grünes Licht.

CAR-T-Zelltherapie gegen Krebs

Bereits zur Anwendung kommt die CAR-T-Zelltherapie - zumindest in manchen Bereichen. "Zugelassen ist zum Beispiel eine Therapie gegen Leukämie. Das Verfahren ist aber noch sehr aufwändig und daher sehr teuer", sagt Wissenschafts-Journalistin Sartori.

Grafik zur Entstehung einer CAR-T-Zelle

Grafik: Für CAR-T-Zellen werden T-Zellen (Immunzellen) ergänzt um CARs (chimäre Antigen-Rezeptoren).

Wie funktioniert die CAR-T-Zelltherapie? Krebsforscher Emre Kocakavuk von der Uniklinik Essen erklärt das im Gespräch mit dem WDR so: "Wir entnehmen dem Patienten oder der Patientin körpereigene Zellen - und zwar sind das die T-Zellen. Die werden dann genetisch so modifiziert, dass sie die Oberflächenmoleküle der Tumorzellen noch besser erkennen können." Danach werden diese veränderten Immunzellen dem Patienten wieder zurückgegeben.

Arzt Emre Kocakavuk

Dr. Emre Kocakavuk, Krebsforscher

Mit dieser Therapie erlebt Kocakavuk zum Teil "unfassbar starke Outcomes", wie er sagt. Tumorzellen werden dadurch deutlich besser erkannt und können eliminiert werden. Aber die Therapie funktioniere nicht bei allen Patienten gleich gut.

Checkpoint-Inhibitoren-Therapie

Auch die Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren bzw. Checkpoint-Hemmern kommt bei den Patienten unterschiedlich an. Manche reagieren sehr gut darauf, manche gar nicht. Die Therapie funktioniert so:

Modell eines Checkpoints: Bremse des Immunsystems zwischen Zellen

Modell eines Checkpoints: Bremse zwischen Immunzelle und Krebszelle (rot)

Checkpoints sind sozusagen Bremsen, die wir in unserem Körper haben. Sie haben die nützliche Eigenschaft, Immunzellen vor einer Überreaktion zu bewahren. "Sie sorgen dafür, dass das Immunsystem nicht zu stark reagiert und verhindern, dass gesunde Zellen angegriffen werden", heißt es beim Krebsinformationsdienst.

Bei Krebszellen kann es aber sehr sinnvoll sein, wenn die Immunzellen ungebremst agieren. Und genau das wird bei der Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren gemacht: "Man löst die Bremse, die das Immunsystem davon abhält, aktiv die Krebszellen anzugreifen", erklärt Sartori.

Bei schwarzem Hautkrebs zum Beispiel wurden mit der Checkpoint-Inhibitoren-Therapie schon große Erfolge erzielt. Sie kann die Überlebenszeit von Erkrankten verlängern.

Weitere Durchbrüche in der Krebs-Forschung zu erwarten

Ständig kommt es in der Immuntherapie-Forschung gegen Krebs zu kleineren und größeren Durchbrüchen. Ein Trend seien individuelle Therapien, weil man bei Krebserkrankungen "sehr große individuelle Eigenschaften" beobachte, sagt Mediziner Kocakavuk.

Wie lange es noch dauert, bis die ersten mRNA-Impfungen gegen Krebs zugelassen werden, ist laut Wissenschafts-Journalistin Sartori schwer zu sagen. Die Methode habe aber schon mehrere Etappensiege gefeiert und werde bereits an Menschen erprobt.

Weitere Durchbrüche in der Krebsforschung seien im Bereich Diagnose zu erwarten, sagt Sartori. Schon jetzt zeige sich, dass sich mit künstlicher Intelligenz (KI) Krebs zum Teil schneller und besser erkennen lasse als von Ärztinnen und Ärzten. Und gerade bei der Diagnose Krebs sei Schnelligkeit entscheidend: Wird der Tumor früh erkannt, lasse er sich oft besser bekämpfen.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit WDR-Wissenschaftsjournalistin Christina Sartori
  • WDR-Interview mit Krebsforscher Emre Kocakavuk
  • WDR-Wissenschaftsredaktion Quarks zu mRNA-Impfungen gegen Krebs
  • Krebsinformationszentrum
  • Mitteilungen des ESMO Congress 2025

Über dieses Thema berichten wir am 17.10.2025 auch im WDR-Fernsehen: Aktuelle Stunde, 18.45 Uhr.

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