Krieg im Iran und die Folgen: Werden Supermärkte die "neuen Tankstellen"?
Aktuelle Stunde . 23.03.2026. 24:28 Min.. UT. Verfügbar bis 23.03.2028. WDR. Von Ann-Kathrin Stracke.
Iran-Krieg lässt Dünger-Preise steigen: Nun drohen teure Lebensmittel
Stand:
Der Iran-Krieg treibt die Dünger-Preise in die Höhe. Das spüren auch die Landwirte in NRW. Die Folge: Nach den Spritpreisen könnten künftig auch die Lebensmittel-Preise steigen. Das gilt nicht nur für Getreide-Produkte oder Kartoffeln, sondern auch für Fleisch.
An Tankstellen bekommt man die Auswirkungen des Iran-Kriegs schon seit Beginn der Auseinandersetzungen zu spüren. Doch das könnte erst der Anfang der Preissteigerungen sein. Denn auch die Wirtschaft kämpft mit hohen Energiekosten, was Verbraucher bald ebenfalls merken dürften. Nun wird immer klarer: Hält der Konflikt weiter an, drohen auch Lebensmittel teurer zu werden. Denn auch der Preis für Dünger zieht derzeit deutlich an.
Golfregion für Düngemittelproduktion enorm wichtig
Thomas Böcker, Landwirtschaftskammer NRW
"Stickstoffdünger ist veredeltes Erdgas", erklärt Thomas Böcker, Leiter des Fachbereichs Markt bei der Landwirtschaftskammer NRW, im Interview mit dem WDR. Die Golfregion sei daher enorm wichtig für die weltweite Düngemittelproduktion.
Die Europäische Union importiere ihre Stickstoff-Düngemittel bzw. die dafür notwendigen Rohstoffe zwar aus anderen Ländern wie Ägypten, Algerien oder auch weiterhin Russland, so Böcker. Wegen des Konflikts in Nahost würden aber nun auch andere Länder darauf zugreifen, was die Preise auch für Landwirte in NRW erhöhe.
Raiffeisen Münsterland: Aktuelle Versorgungslage in Ordnung
Die aktuelle Versorgungslage mit Düngemittel sei zwar noch in Ordnung, sagt Reinhard Pröbsting, Geschäftsführer der Raiffeisen Münsterland mit Sitz in Telgte, dem WDR. Nach Ostern könne das aber schon anders aussehen:
"Wir haben massive Preissteigerungen in einer Größenordnung von 30, 40, 50 Prozent und da weiß auch noch keiner, wo das endet." Reinhard Pröbsting, Geschäftsführer Raiffeisen Münsterland
Reinhard Pröbsting, Raiffeisen Münsterland
Das Problem ist nicht nur die Blockade der Meerenge von Hormus. Sorgen macht sich Pröbsting auch wegen der Angriffe auf Gasfelder im Iran und im arabischen Raum. "Die Verunsicherung der Weltmärkte wirkt sich direkt auch für uns in Telgte aus", sagt er.
Und die Verunsicherung ist groß. Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnt bereits vor der womöglich schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten.
Viel Stickstoff-Dünger in NRW stammt aus Gülle
"In Nordrhein-Westfalen haben wir natürlich den Vorteil, dass wir noch einen gewissen Tierbestand haben", sagt Böcker von der Landwirtschaftskammer. Durch die Gülle müsse man weniger Mineraldünger einsetzen als anderswo.
Trotzdem treffe die Preiserhöhung auch die Landwirte in NRW hart, so Böcker. Denn die Preise seien schon zuvor hoch gewesen. Im vergangenen Jahr gingen sie nach dem üblichen Anstieg im Frühjahr noch einmal in die Höhe, als die EU Strafzölle auf russischen Stickstoff-Dünger erließ.
Zum Jahreswechsel zu 2026 "ist dann auch noch der CO2-Grenzausgleich in Kraft getreten", so der Marktexperte der Landwirtschaftskammer. "Das heißt, dass auf Düngemittel, die in anderen Staaten, also in Drittstaaten produziert wurden, eine Abgabe beim Import auf die CO2-Emissionen fällig wird."
Samina Sultan, IW-Ökonomin
Laut Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln ist die Lage bei Getreide, Mais, Soja und Reis besonders kritisch. Da Soja und Mais auch als Futtermittel verwendet werden, könne auch Fleisch teurer werden, so die Ökonomin. Noch ist davon in den Supermärkten allerdings nichts zu spüren.
Sorge vor verschärften Ernährungskrisen
Anderswo auf der Welt stellt sich nicht nur die Frage, wie sehr die Preise für Lebensmittel steigen werden, sondern, ob es überhaupt noch genug Lebensmittel geben wird. Nach Einschätzung der in Bonn ansässigen Welthungerhilfe könnten sich infolge des Konflikts in Nahost Ernährungskrisen in vielen Ländern dramatisch verschärfen.
"Wenn aufgrund hoher Beschaffungspreise weniger gedüngt wird, werden die Ernten in vielen Regionen geringer ausfallen", sagte der stellvertretende Leiter für Politik und Außenbeziehungen der Hilfsorganisation, Rafaël Schneider. "Dann werden Lebensmittel knapp und die Preise steigen." Vor allem Menschen, die ohnehin schon in Armut lebten, würden in solch einer Situation "sehr schnell an ihre Grenzen stoßen".
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Thomas Böcker, Leiter des Fachbereichs Markt bei der Landwirtschaftskammer NRW
- Reinhard Pröbsting, Geschäftsführer der Raiffeisen Münsterland
- Samina Sultan, Ökonomin vom Institut der deutschen Wirtschaft
- Rafaël Schneider, stellvertretende Leiter für Politik und Außenbeziehungen der Welthungerhilfe, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur epd
- Nachrichtenangentur dpa
Sendung: WDR 5, Westblick, 23.03.2026, 17:00
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 23.03.2026, 18.45 Uhr