Reporterin Nicole Noetzel berichtet aus Essen über die Kinopremiere "Horst Schlämmer sucht das Glück"

Aktuelle Stunde 19.03.2026 08:21 Min. UT Verfügbar bis 19.03.2028 WDR

Was die Rückkehr von Horst Schlämmer über unsere Zeit aussagt

Stand:

Horst Schlämmer ist zurück, Schätzelein! Doch das Kopfschütteln über die unmögliche Figur bleibt aus, angesichts des Irrsins in der Welt.

Von Ingo NeumayerIngo Neumayer

Ein Unsympath, der von allen gemocht wird. Eine Kunstfigur, die echte Politiker trifft. Ein Trottel, der für Erkenntnis sorgt. Als Hape Kerkeling vor über 20 Jahren zum ersten Mal in die Rolle von Horst Schlämmer schlüpfte, schuf er die absurde Karikatur eines Journalisten. Schlämmer, der stellvertretende Chefredakteur des "Grevenbroicher Tagblatts", war eine einzige Zumutung: laut, aufdringlich, übergriffig, chauvinistisch. Recherche und Vorbereitung auf seine Gespräche waren ihm genauso fremd wie Körperhygiene und Distanz zum Gegenüber.

Das Ergebnis beim Zuschauen: Fremdscham und Fassungslosigkeit darüber, wie jemand so gnadenlos die "Political Correctness" über Bord werfen kann. Dazu kam, erstaunlicherweise, viel Zuneigung. Denn egal, was Schlämmer verzapfte - richtig übel nahm ihm das keiner.

Strohmer Kinopremiere "Horst Schlämmer sucht das Glück"

WDR 19.03.2026 00:35 Min. Verfügbar bis 18.03.2028 WDR Online


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Kino-Fortsetzung nach 17 Jahren

Der Kult gipfelte 2009 in einem Kinofilm, in dem Schlämmer den gähnend langweiligen Wahlkampf zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier aufmöbelte und zum Kanzlerkandidaten wurde. Dass die Schlämmer-Figur auch 2026 noch relevant und interessant sein würde, schien damals eher unwahrscheinlich - auch für ihren Schöpfer Kerkeling, der sich anderen Projekten widmete und Schlämmers miefigen Trenchcoat mit den Dornkaat-Flecken einmottete.

Doch Zeiten ändern sich, und nun ist es so weit: "Horst Schlämmer sucht das Glück" heißt der neueste Film über Deutschlands bekanntesten Lokaljournalisten, der am Donnerstag in Essen Premiere feiert und ab 26. März in den Kinos läuft.

Peter Trabner (v.l.n.r.) als Rudi, Hape Kerkeling als Horst Schlämmer und Norbert Heisterkamp als Gu·nni in einer Szene des Films "Horst Schlämmer sucht das Glück".

Im Kino auf Glückssuche: Horst Schlämmer (Hape Kerkeling)

Der Titel ist an den in den 70ern und 80ern gern gesehenen italienischen Zeichentrickfilm "Herr Rossi sucht das Glück" angelehnt und zeigt so schon eine gewisse melancholische Sehnsucht nach einer wenn nicht besseren, dann doch zumindest einfacheren Zeit, in der es Tic Tac statt TikTok gab. Und die Frage, wie man heutzutage glücklich wird, beschäftigt ja nicht nur den Einzelnen, sondern das ganze Land.

Schlämmers Diagnose: "Deutschland hat Rücken"

Kann es da bloßer Zufall sein, dass am Tag der Schlämmer-Premiere auch der "Welt-Glücksbericht" erscheint? Dieser misst, wie zufrieden die Menschen auf der ganzen Welt mit ihrem Leben sind. Ergebnis: Finnland liegt auf Platz 1, gefolgt von Island und Dänemark. Auf den letzten Plätzen liegen Afghanistan, Sierra Leone und Malawi. Und Deutschland? Rangiert auf Rang 17, hinter Kosovo und Mexiko. Oder, wie Schlämmer es formuliert: "Deutschland hat Rücken."

Dass sich ausgerechnet er auf die Suche nach dem Glück der Deutschen macht und dabei vom Otto Normalbürger zum Promi, von der Zugbegleiterin zum Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein breites Spektrum der Gesellschaft trifft, funktioniert eigentlich nur, weil sich die Welt so rasant verändert hat seit seinem ersten Auftauchen. "Damals war der Horst eine fürchterlich schräge Figur mit schrägen Ansichten, komplett bekloppt", sagte Kerkeling der "Süddeutschen Zeitung". "Heute hat sich das umgekehrt. Da ist Horst der Normalo mit den vernünftigen Ansichten, der in einer Welt, in der nur noch Irrsinn regiert, versucht, ein bisschen Vernunft reinzubringen."

Trump gestikuliert zur Presse vor dem Weißen Haus in Washington, DC.

Unfähiger und charakterloser als Schlämmer? Donald Trump

Tatsächlich wirkt die Karikatur eines Journalisten lange nicht mehr so absurd, wenn beispielsweise in den USA die Karikatur eines Präsidenten an der Macht ist und die Weltpolitik bestimmt. Wo ist heute die Fallhöhe? Wie stark kann man sich noch über die latente Frauenfeindlichkeit, die Tätscheleien und die "Schätzelein"-Sprüche einer satirischen Kunstfigur echauffieren, wenn gleichzeitig der mächtigste Mann der Welt Journalistinnen als "Schweinchen" beleidigt und Schweigegeld an Pornodarstellerinnen zahlt? "Donald Trump ist deutlich übergriffiger als Horst Schlämmer", sagt dann auch Kerkeling.

Welche Rolle das Rheinland bei Kerkelings Figur spielt

2009 war Horst Schlämmer toxisch, jetzt ist es die ganze Welt: So sieht es Kerkeling, der genau daraus dessen Daseinsberechtigung ableitet. Für ihn ist Schlämmer "der letzte 'Demokrat des Alltags'", sagte er der "Zeit". Dabei helfe ihm sein simples Weltbild: "Jeder ist so lange ein 'Schätzelein', bis das Gegenteil unwiderruflich bewiesen ist. Das ist bei ihm kein Flirt, das ist gelebte Völkerverständigung auf Augenhöhe – oder zumindest auf Bierdeckel-Niveau."

Im Film trifft Schlämmer sowohl eine Domina als auch den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Unterschiede in der Ansprache gibt es nicht - er redet mit beiden auf Augenhöhe. Für Kerkeling ist das gelebte Demokratie mittels Distanzlosigkeit: Was im Rest der Republik meist als übergriffig empfunden werde, bedeute in Schlämmers Heimat schlicht und einfach Nähe.

Simple Fragen in einer immer extremeren Welt

Topmodel und Wettpatin Claudia Schiffer und Entertainer Hape Kerkeling auf einer Couch

Dumme Sprüche - und keiner nimmt sie ihm übel

Schlämmer baut bei all seinen Eskapaden auf seine rheinländische Herkunft - auch wenn er seine Heimatstadt "Grevenbroich" regelmäßig falsch ausspricht: "Er bügelt über Hatespeech einfach mit rheinischer Jovialität drüber", so Kerkeling zur "Zeit". Das rheinische Idiom habe "diese französische Leichtigkeit, dieses Verbindliche. Es ist ein verbales Schulterklopfen, das man in anderen Dialekten so gar nicht hinkriegt." Dranbleiben und Sich-Festbeißen - das sind für den Komiker typisch rheinische Eigenschaften, wie er dem "Tagesspiegel" sagte: "Dieses unermüdliche Labern: 'Das kriegen wir doch hin!'"

Auf der einen Seite eine Welt, die ins Extreme kippt. Und auf der anderen ein fiktiver Journalist mit Mundgeruch, der sich traut, die simpelsten aller Fragen zu stellen: Warum eigentlich? Und: Können wir das nicht besser? Ob "Horst Schlämmer sucht das Glück" ein erfolgreicher Film wird, ist noch nicht abzusehen. Aber zumindest passt er sehr in die jetzige Zeit.

Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa, AP
  • Welt-Glücksbericht 2026
  • Süddeutsche Zeitung vom 13.03.2026
  • Die Zeit vom 19.03.2026
  • Tagesspiegel vom 13.03.2026
  • Beobachtungen des Autoren

Sendung: WDR 5, WDR aktuell, 19.03.2026, 14:00 Uhr

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