Gentechnik-Lebensmittel ohne Kennzeichnung: Das hält NRW vom EU-Plan
Stand:
Lebensmittel aus modernen Gentechnik-Verfahren sollen keine Kennzeichnung mehr bekommen. In NRW wird der EU-Plan kritisch gesehen.
Von
Peter Hild
Die EU will Lebensmittel aus modernen Gentechnik-Verfahren künftig nicht mehr kennzeichnen. Darauf haben sich Vertreter des EU-Parlaments und der Mitgliedsstaaten jetzt verständigt.
Entsprechende Pflanzenzüchtungen sollen in vielen Fällen von den bislang strengen Gentechnikregeln ausgenommen werden. Künftig soll im Supermarkt also nicht mehr erkennbar sein, ob ein Lebensmittel konventionell oder in einem bestimmten Gentechnik-Verfahren erzeugt wurde. Wir haben in NRW nach Reaktionen auf die EU-Pläne gefragt.
NRW-Verbraucher wollen wissen, was sie kaufen
"Das ist eine Katastrophe! Das ist eine reine Geldmacherei. Und die Verbraucher werden wieder mal betrogen. Deswegen kaufe ich auch nur in Bio-Läden", schimpft Elisabeth Bergner vor einem Supermarkt in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs.
Ähnlich sieht es ein älterer Herr, der kurz darauf aus dem Laden kommt: "Natürlich ist das doof. Wenn ich nicht weiß, was ich tatsächlich kaufe, dann fühle ich mich nicht wohl." Eine junge Frau sieht die Pläne dagegen etwas entspannter: "Ich find's schon verwirrend genug, heutzutage einkaufen zu gehen. Mit den ganzen Kennzeichnungen wird es auch unübersichtlich. Ich achte da auch ehrlicherweise nicht so drauf."
Landwirtschaftsverbände noch zurückhaltend
Agrarexperte Heinz-Jürgen Zens
Landwirtschaftsverbände halten sich zu der geplanten Nicht-Kennzeichnung noch zurück. Sowohl die Landwirtschaftskammer NRW als auch der Rheinische Landwirtschaftsverband (RLV) wollen zunächst abwarten, was am Ende konkret vom EU-Parlament dazu beschlossen wird.
Unabhängig davon sieht RLV-Agrarexperte Heinz-Jürgen Zens die modernen Gentechnik-Verfahren als "Schlüssel, um im weltweiten Wettbewerb künftig bestehen zu können." "Wir sehen das als Fortschritt. Man könnte sich damit auf multiple Herausforderungen wie den Klimawandel oder neue Erreger besser einstellen", erklärt Zens. Europäische Pflanzenzüchter müssten dafür aber breit unterstützt werden, damit sich die Bauern nicht von wenigen Unternehmen abhängig machten.
Kritik vom Einzelhandel und Umweltschützern
Rewe will weiter eine Kennzeichnungspflicht
Ähnlich kritisch sehen auch einige große Lebensmittelunternehmen die EU-Pläne - wie der Kölner Rewe-Konzern: "Die Entscheidung zur Lockerung sehen wir kritisch und prüfen mögliche Auswirkungen. Im Fokus steht für uns vor allem eine fehlende Kennzeichnung. Wir setzen uns im Sinne unserer Kundinnen und Kunden für Wahlfreiheit und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette ein", teilte eine Sprecherin dem WDR schriftlich mit.
Neben Rewe hatten sich weitere Ketten wie dm oder Alnatura vergangene Woche in einem offenen Brief mit entsprechenden Forderungen an deutsche EU-Parlamentarier gewandt. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in NRW sieht dadurch das Selbstbestimmungsrecht von Kunden, aber auch der Landwirtschaft ausgehebelt. "Die Umwelt sehenden Auges unnötigen Risiken auszusetzen, indem die Risikoprüfung gestrichen wird, ist nicht hinnehmbar", so Sprecher Dirk Jansen.
Neue Gentechnik-Verfahren nur mit eigenen Stoffen
Neue Gentechnik-Verfahren ermöglichen jetzt, Pflanzen nur mit eigenem Material zu bearbeiten und zu züchten, ohne fremde Stoffe. Dadurch könnten Pflanzen resistenter gegenüber Keimen und Schädlingen, aber auch gegenüber dem Klimawandel werden. Für auf diese Weise erzeugte Lebensmittel sollen künftig Umweltprüfungen wegfallen.
Der Bonner Agrarwissenschaftler Matin Qaim
Zu den Befürwortern gehört unter anderem der Agrarwissenschaftler Matin Qaim von der Universität Bonn: "Überall in der Landwirtschaft machen diese neuen Verfahren Sinn. Damit können Pflanzen so entwickelt werden, dass sie gute Erträge liefern und gut an die Umweltverhältnisse angepasst sind."
Verbraucherschützer halten an Kennzeichnungspflicht fest
Selbst wenn solche genveränderten Lebensmittel nicht schädlich für Umwelt und Verbraucher sein sollten, sollte es für Kunden weiter Klarheit im Supermarkt geben, sagt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). "Umfragen zeigen - und wir sehen es auch in unseren Beratungen - dass das vielen Menschen wichtig ist", so Sprecher Jochen Geilenkirchen.
Verbraucherschützer wollen an Kennzeichnung festhalten
Man wolle gar keine Fundamentalopposition gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel betreiben, betont Geilenkirchen. "Aber es muss für die Menschen erkennbar sein, was in den Lebensmitteln drin ist, damit sie die Entscheidungsfreiheit haben, ob sie solche Produkte kaufen und essen wollen oder nicht."
Unsere Quellen:
- Antwort des Verbraucherzentrale Bundesverbands auf WDR-Anfrage
- BR-Interview mit dem Agrarwissenschaftler Matin Qaim
- Antwort des Rewe-Konzerns auf WDR-Anfrage
- WDR-Interview mit Heinz-Jürgen Zens, Rheinischer Landwirtschaftsverband
- Offener Brief mehrere Lebensmittelunternehmen an EU-Parlamentarier vom 25.11.2025
- WDR-Interviews vor einem Düsseldorfer Supermarkt
Sendung: WDR 2, WDR 4, WDR 5, Hörfunk-Nachrichten, 04.12.2025, 13.00 Uhr