Teleoperiertes Fahren in NRW | WDR aktuell

01:42 Min. Verfügbar bis 01.12.2027

Autofahren per Fernsteuerung: Darum geht es bei der neuen Verordnung

Stand:

Seit dem 1. Dezember erlaubt die neue Fernlenk-Verordnung in Deutschland das Fahren von Autos per Fernbedienung von einem Leitstand aus. Ob das wirklich Vorteile bringt, bezweifeln Experten.

Von Nina Magoley

Ab sofort gilt in Deutschland die Fernlenk-Verordnung. "Die was?", werden sich viele fragen. Vorab: Es geht nicht um die Art des autonomen Fahrens, wie wir es bereits aus San Francisco oder China kennen.

Was ist "teleoperiertes Fahren"?

Beim Fernlenken - auch "teleoperiertes Fahren" genannt - wird ein Fahrzeug aus der Distanz gesteuert, von einem Leitstand aus. Dort sitzt ein Mensch, der über Bildschirme, Lenkrad und Fußpedale ein Fahrzeug steuert, das mit vielen Kameras und einer Mobilfunkverbindung ausgestattet ist.

Juristisch gesehen gilt dieser sogenannte Telefahrer als Fahrzeugführer im Sinne der Straßenverkehrsordnung. Es handelt sich also sozusagen um eine Vorstufe des autonomen Fahrens, bei dem ein Auto ganz ohne menschliches Zutun fährt. Die neue Verordnung gilt ab dem 1. Dezember, zunächst befristet bis zum 30. November 2030.

Ein Knackpunkt dabei sind die riesigen Datenmengen, die in Echtzeit zuverlässig vom Fahrzeug zum räumlich entferntem Fahrstand übertragen werden müssen. Dazu braucht es laut Telekom ein leistungsfähiges 5G-Netz.

Wo soll ferngesteuertes Fahren eingesetzt werden?

Im Bundesverkehrsministerium sieht man den Einsatz des ferngesteuerten Fahrens zunächst vor allem im Bereich des Carsharings: Fahrzeuge könnten "effizienter genutzt werden, indem sie nach der Nutzung ferngesteuert zur nächsten Kundin oder zum nächsten Kunden fahren", heißt es. Ebenso denkbar sei der Einsatz ferngelenkter Taxis, die flexibel und bedarfsgerecht unterwegs sind - ganz ohne Fahrpersonal an Bord. Auch ferngelenkte Taxis, Busse oder Lkw seien möglich.

Blick in die Leitstelle: Der Teleoperator steuert den Traktor aus der Ferne

Aus der Leitstelle wird der Traktor ferngesteuert

Interessant könnte diese Technik auch für die Landwirtschaft sein. Im Sommer hatten die Rheinmetall-Tochter Mira GmbH, die Firma Arnold NextG und das Rheinmetall Technology Center gemeinsam ein System vorgestellt, mit dem Traktoren ferngesteuert auf dem Feld arbeiten. Gerade angesichts des Fachkräftemangels könnten Landwirte so effektiver arbeiten, hieß es. Auch in Logistik, Bau, Bergbau und öffentlichem Verkehr könne das System funktionieren.

Gibt es bereits ferngesteuerte Autos im Einsatz?

Tatsächlich bringt der Anbieter Vay in Las Vegas bereits seit Anfang 2024 Leihautos per Telefahrer zum Kunden. Das Unternehmen wurde 2018 unter anderem von Thomas von der Ohe in Berlin gegründet, konnte seine ferngesteuerten Autos in Deutschland aber bislang wegen fehlender Gesetze nicht starten lassen. Die neue Verordnung schaffe nun die Grundlage dafür, dass kommerzielle Dienste wie Vay "im Rahmen eines klaren und standardisierten Genehmigungsverfahrens" betrieben werden könnten, schrieb Vay im Sommer in einer Pressemeldung.

In Las Vegas haben nach Angaben des Unternehmens seit dem Start bis Anfang Dezember mehr als 30.000 Kunden Fahrten gebucht. Dort seien inzwischen 100 ferngesteuerte Fahrzeuge im Einsatz.

Wann werden solche Autos hierzulande unterwegs sein?

Ein Telefahrer des Mobilitätsanbieters Vay steuert ein Auto per Fernsteuerung.

Ein Telefahrer des Mobilitätsanbieters Vay

Mit der neuen Verordnung, die bereits im Juli beschlossen wurde, sieht der Anbieter Vay seine Chance gekommen, seine Technologie auch in Deutschland starten zu lassen. Dieser "regulatorische Meilenstein" ermögliche nicht nur den Markteintritt mit "Driverless Carsharing", sondern auch den Einsatz der Technik in anderen Fällen, wie Privatfahrzeuge und im Gütertransport, heißt es bei Vay.

In Bonn entwickelt die Telekom in Zusammenarbeit mit Mira eine Technik für ferngesteuerte Shuttle-Busse. Zwei Teststrecken gingen laut Telekom vor einem Jahr an den Start: Eine Strecke verbindet linksrheinisch den Telekom-Hauptsitz mit dem Bahnhaltepunkt UN-Campus. Rechtsrheinisch führt die Route von der Telekom-Zentrale zur U-Bahn-Haltestelle Ramersdorf.

Eine Telekom-Sprecherin sagte dazu: "Wir fahren weiterhin regelmäßig im Testbetrieb auf beiden Strecken in Bonn. Die ferngesteuerten Fahrzeuge sind jedoch noch nicht als regulärer Mitarbeitenden-Shuttle im Einsatz. Mit der neuen Fernlenkverordnung besteht nun ein verlässlicher rechtlicher Rahmen für ferngesteuerte Mobilität im urbanen Raum."

Wer darf sie überhaupt lenken?

Laut "Straßenverkehr-Fernlenk-Verordnung" muss ein "Telefahrer" mindestens 21 Jahre alt sein und seit mindestens drei Jahren einen Führerschein besitzen. Er oder sie muss außerdem eine Schulung "zum Nachweis des sicheren, verantwortungsvollen und umweltbewussten Führens dieses ferngelenkten Kraftfahrzeugs durch den Halter" absolviert haben. Wer mehr als drei Punkte in Flensburg hat, kommt als Fernlenker nicht in Frage.

Und: "Während des Fernlenkens eines ferngelenkten Kraftfahrzeugs darf die fernlenkende Person nicht zeitgleich ein weiteres Kraftfahrzeug führen."

Wo es teleoptimiertes Fahren bereits gibt

WDR Studios NRW 01.12.2025 01:53 Min. Verfügbar bis 01.12.2027 WDR Online


Welche Vorteile kann diese Technik bringen?

Der Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule für Wirtschaft, Stefan Bratzel

Professor für Automobilwirtschaft: Stefan Bratzel

Vorteile könnte das ferngesteuerte Fahren in der Logistikbranche bringen, sagte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Zum Beispiel, wenn ein Lkw vom Leitstand aus gesteuert wird: "Der Lkw kommt am Ziel an. Und während er ab- und neu beladen wird, kann der Fahrer bereits einen anderen Lkw steuern." Dadurch, dass der Fahrer nicht physisch vor Ort sein muss, spare das Logistikunternehmen Zeit.

Auch Anbieter von Carsharing könnten so ihren Kunden anbieten, Autos nach beendeter Fahrt wieder an den Ausgangspunkt zurückzufahren - ohne, dass sich ein Mitarbeiter dafür persönlich dort hin bewegen muss. "Das spart schon Zeit und Kapazitäten", so Bratzel.

Ob sich das Ganze ökonomisch wirklich lohnt, hänge vom Einsatzort ab. Die notwendige Ausstattung der Fahrzeuge sei aufwändig und teuer. Schwierig außerdem: Laut deutschem Gesetz darf ein Telefahrer bislang nicht mehr als ein Fahrzeug gleichzeitig steuern. "Dieses 1:1-Verhältnis kann eigentlich nur eine Übergangslösung sein", meint Bratzel.

Und er verweist auf China: Dort sitze ein Operator im Leitstand und überwache mehrere Fahrzeuge, die jeweils autonom fahren. "Er greift nur ein, wenn etwas passiert." Auch in San Francisco fahren ferngelenkte Busse auf diese Weise durch die Stadt. Das, sagt Bratzel, spare dann tatsächlich Kosten.

Einen Vorteil sieht der Verkehrsexperte in der Tatsache, dass der Job des Fahrzeuglenkers durch die neue Position im Leitstand erheblich attraktiver werde. Insofern sei es zu begrüßen, dass das Thema jetzt "rechtlich qualifiziert" wurde.

Unsere Quellen:

  • Straßenverkehr-Fernlenk-Verordnung der Bundesregierung
  • Meldung des Bundesverkehrsministeriums
  • Interview Stefan Bratzel, Professor für Automobilwirtschaft 
  • Infos des Unternehmens Vay
  • Stadt Bonn
  • Telekom
  • Mira GmbH

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 1.12.2025, 12.45 Uhr

Mehr Nachrichten