Lage in Syrien: Kurdendemos eskalieren in NRW
Aktuelle Stunde . 21.01.2026. 17:13 Min.. UT. Verfügbar bis 21.01.2028. WDR. Von Jan Hofer.
Kurden-Demos in NRW: "Europa soll endlich seine Rolle spielen"
Stand:
In Köln wollen am Samstag Kurden gegen das Vorgehen der syrischen Armee gegen kurdische Milizen demonstriert. Bereits zuvor gab es Demos in mehreren NRW-Städten. Welche Botschaft dahintersteckt und wie die Lage der Kurden in Syrien ist - ein Überblick.
Mal waren es auf den Demos zu Beginn der Woche ein paar Hundert Menschen, mal mehrere Tausend. Die meisten demonstrierten friedlich. In Dortmund kam es am Rande der Versammlung aber auch zu massiven Ausschreitungen. In Köln werden am Samstag bis zu Zehntausend Kurden zur Demo erwartet.
Warum gerade so viele Menschen auf die Straße gehen, hängt mit heftigen Kämpfen in Syrien zusammen. Wie ist die Lage der Kurdinnen und Kurden in Syrien? Und welche Botschaft steckt hinter den Demos? Fragen und Antworten.
Wer sind die Kurden?
Die Kurden haben keinen eigenen Staat. Laut Bundeszentrale für politische Bildung leben je nach Schätzung 12 bis 25 Millionen Kurdinnen und Kurden in der Türkei, im Iran, im Irak und in Syrien. Die meisten sind Muslime und sprechen verschiedene kurdische Sprachen.
Laut Bundeszentrale für politische Bildung verhinderte die wechselhafte Geschichte der Kurden bisher den Aufbau eines eigenen Staates und führte zum Teil zu "massiver Unterdrückung und Vertreibung". In den letzten Jahrzehnten kam es zu zahlreichen Aufständen und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Kurden und den jeweiligen Herrschaftssystemen im Irak, Iran, in der Türkei und Syrien.
Die von Kurden geführten sogenannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) kontrollierten bislang Gebiete im Nordosten des Landes, die sie selbst verwalteten. Die Übergangsregierung unter Ahmad al-Scharaa lehnt einen Föderalstaat ab und möchte ganz Syrien unter ihre Herrschaft bringen.
Wie viele Kurden leben in Deutschland und in NRW?
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es keine offiziellen Daten zur kurdischen Bevölkerung in Deutschland. Schätzungen von Vertretern kurdischer Organisationen gehen von knapp einer Million Menschen in Deutschland aus.
Besonders in NRW ist die Gemeinschaft stark vertreten, mit Köln als wichtigem Zentrum des kurdischen Aktivismus. Die ungenauen Zahlen erklären sich dadurch, dass viele Kurdinnen und Kurden mit der Staatsbürgerschaft ihrer Herkunftsländer registriert wurden oder undokumentiert leben.
Wie ist die aktuelle Situation der Kurdinnen und Kurden in Syrien?
Südöstlich der syrischen Millionenstadt Aleppo ist es erneut zu Gefechten zwischen kurdischen Milizen und Regierungstruppen gekommen. Die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) meldeten, dass es bei Dibsi Afnan zu Zusammenstößen gekommen sei. Sie warfen der Übergangsregierung einen "hinterhältigen Angriff" vor.
Initiative Frieden und Hoffnung e. V.
Azad Amek ist Mitglied der Initiative Frieden und Hoffnung e. V., die in Syrien kurdische Menschen vor Ort unterstützt. Er sagt, dass sich die humanitäre Situation in Nord- und Ostsyrien merklich verschlechtert hat. Grund seien die anhaltenden Angriffe durch Truppen und islamistische Milizen der sogenannten syrischen Übergangsregierung.
Zunächst habe die Gewalt vor allen Dingen Aleppo betroffen, erklärt Azad Amek. Dann seien die islamistischen HTS-Milizen auch in andere kurdische Stadtteile eingedrungen. Und inzwischen seien die Angriffe auf die gesamte Selbstverwaltung Nord-Ost Syriens ausgeweitet worden. Betroffen seien davon vor allem Zivilistinnen und Zivilisten, berichtet er. "Wohngebiete, zivile Infrastruktur, sowie medizinische Einrichtungen wurden beschädigt oder komplett zerstört, während der Zugang zu humanitärer Hilfe eingeschränkt war."
Kristin Helberg, freie Journalistin und Syrien-Expertin
"Die Kurden haben zu Recht große Angst vor vorrückenden Truppen dieser Übergangsregierung", sagte die Journalistin und Syrien-Expertin Kristin Helberg dem WDR, "weil es eben im letzten Jahr immer wieder Massaker gab, an denen diese Truppen auch beteiligt sind".
"Auf der anderen Seite sagen eben die arabischen Syrer: Ihr wolltet unser Land irgendwie besetzen oder ihr habt es besetzt, ihr wolltet das Öl haben", so Helberg weiter. "Und da spielen also sehr viele Narrative eine Rolle. Propaganda über Jahrzehnte, die sich da fortsetzt. Und man ist eben kaum in der Lage, diese Konflikte gerade zu überwinden."
Was ist das kurdische Autonomiegebiet?
Emine Gözen und Azad Amek
Emine Gözen ist im Vorstand der Initiative Frieden und Hoffnung e. V.. Sie erklärt, dass sich das Autonomgebiet 2014 unter Assad gebildet hat. Es sei ein Selbstverwaltungssystem, unter dem Menschen unterschiedlicher Ethnien und unterschiedlicher Religionen friedlich zusammen leben konnten.
Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) habe sich dann im Laufe der Bildung der Selbstverwaltung herausgebildet - das sei jedoch keine rein kurdische Einheit. Azad Amek erklärt: "Es ist keine ethnische Selbstverwaltung, sondern eine Selbstverwaltung, die alle Menschen umfasst, die in diesen Regionen unter den demokratischen, ökologischen und feministischen Werten leben wollen."
Seit Ahmed al-Scharaa Übergangspräsident sei, habe sich die Situation jedoch verändert. Al-Scharaa wolle eine islamistisch orientierte Regierung schaffen, sagt Emine Gözen.
Welche Botschaft sollen die Demos übermitteln?
Emine Gözen ist im türkischen Kurdistan geboren, Azad Amek ist hier in Deutschland geboren, doch beide sind auf emotionaler Ebene sehr betroffen. Sie bewegt die Hilflosigkeit, die Machtlosigkeit, aber auch der Stillstand in der Politik. Das gelte vermutlich auch für viele der Demonstrierenden.
Die Kurdinnen und Kurden hier in NRW wollen zeigen, dass sie solidarisch mit den Kurdinnen und Kurden in Syrien sind, sagt Azad Amek. Außerdem gingen die Demonstrierenden auf die Straße, um universale Werte zu verteidigen und für Menschenrechte gerade zu stehen. "Ich glaube nicht nur Kurdinnen und Kurden sollten auf die Straße gehen, sondern Menschen", sagt Emine Gözen.
Ein weiterer Grund für die Demonstrationen sei auch das Vorgehen der deutschen Politik. Emine Gözen kann nicht verstehen, wie Vertreter der Politik den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa einladen konnten, um beispielsweise Gespräche über Abschiebungen, aber auch über die Stabilität Syriens zu führen.
Auf der einen Seite rede Merz über Menschenrechte, Frauenrechte, Demokratie und Vielfältigkeit, gleichzeitig unterstütze er die Regierung in Syrien. Das sei eine Doppelmoral. Emine Gözen wünscht sich von der Politik, dass sie sofort handelt.
"Europa soll endlich seine Rolle spielen." Emine Gözen, Vorstand der Initiative Frieden und Hoffnung e. V.
Azad Amek bringt darüber hinaus noch einen weiteren Aspekt an. Durch die Arbeit vor Ort als humanitäre Organisation hätten die Initiative Frieden und Hoffnung e. V. mitbekommen, dass inzwischen bereits bis zu Tausende IS-Gefangene befreit werden konnten. Das sei nicht mehr nur eine regionale Gefahr, die nur die Kurden und andere Minderheiten betrifft - "das ist eine Gefahr für ganz Europa".
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Emine Gözen, Vorstand der Initiative Frieden und Hoffnung e. V.
- WDR-Interview mit Azad Amek, Mitglied der Initiative Frieden und Hoffnung e. V.
- Bundeszentrale für politische Bildung
- Nachrichtenagentur DPA
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.01.2026, 18:45 Uhr
