Alex Honnold klettert 508 Meter am Gebäude hoch | Video

00:30 Min. Verfügbar bis 25.01.2028

Freeclimber am Wolkenkratzer live: Was Extremsportler antreibt

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Extremkletterer Alex Honnold hat in der Nacht auf Sonntag ohne Absicherung einen der höchsten Wolkenkratzer der Welt bestiegen, live übertragen bei Netflix. Was treibt ihn an? Welche Gefahren birgt das Spektakel? Und was bleibt davon? Zwei Extremsportler aus NRW mit unterschiedlichem Blick auf das Event.

Von Jörn SeidelJörn Seidel

Mit 508 Metern ist der Taipeh 101 einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt. "Wenn du fällst, stirbst du", sagt US-Amerikaner Alex Honnold, der wohl berühmteste Extremkletterer der Welt.

Extremkletterer Honnold: "Nur ich und das Gebäude"

Der US-Freeclimber Alex Honnold besteigt ungesichert den Taipei101-Wolkenkratzer in Taiwans Hauptstadt Taipeh

Alex Honnold auf der Spitze des Taipeh 101.

Geplant war die Aktion ursprünglich für Samstag, doch die Besteigung musste aufgrund des schlechten Wetters um einen Tag verschoben werden, so Netflix. An diesem Sonntag konnte Honnold seinen Aufstieg dann starten: "Keine Seile, keine Ausrüstung, nur ich und das Gebäude." Nach einer Stunde und 32 Minuten hatte der 40-Jährige die Spitze des 508 Meter hohen Gebäudes erreicht.

Das Spektakel hatte schon im Vorfeld viele Fragen aufgeworfen. Nach dem Sinn und Unsinn solcher Aktionen. Nach den Risiken und Gefahren für Extremsportler und ihre Zuschauer. Oder auch nach der ethischen Verantwortung von Medien. In den sozialen Medien wird über das Event heiß diskutiert. Und auch Extremsportler in NRW sind da ganz unterschiedlicher Meinung, wie WDR-Gespräche am Freitag vor dem Spektakel mit Extremläufer Michele Ufer und Extremschwimmer André Wiersig zeigen.

Extremläufer Ufer: Das muss man einfach akzeptieren

Michele Ufer

Michele Ufer, Extremläufer

Michele Ufer aus Herdecke im Ruhrgebiet läuft Ultramarathons in Wüsten, am Polarkreis und im Gebirge. Und er ist Sportpsychologe. Honnolds Kletter-Aktion am Wolkenkratzer sieht er gelassen: 

"Ich finde es cool, wenn ein Sportler seine Träume realisieren kann." Michele Ufer, Extremläufer und Sportpsychologe

"Das ist seine Entscheidung", sagt Ufer über Honnold, "und das muss man dann irgendwie auch einfach akzeptieren." Der Läufer gibt zu bedenken: "Der Athlet ist extrem gut trainiert und hat sich da gewissenhaft drauf vorbereitet." Das Risiko sei "überschaubar, weil da warten keine Überraschungen oder so", ist Ufer überzeugt. "Von daher bin ich da eigentlich ganz entspannt."

Extremsport-Beliebtheit: "Dafür braucht es kein Netflix"

WDR 5 Morgenecho - Interview 23.01.2026 06:04 Min. Verfügbar bis 23.01.2027 WDR 5


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Extremklettern: Tödliches Restrisiko

Trotzdem gibt es ein Restrisiko. Und das ist extrem hoch. Im Dokumentarfilm "Free Solo", der 2019 einen Oscar erhielt, bezwingt Alex Honnold ohne Absicherung die 915-Meter-Felswand des El Capitan im Yosemite Nationalpark. Im Oktober vergangenen Jahres verlor US-Star-Kletterer Balin Miller an dieser Felsformation sein Leben - trotz der Seile, die ihn absichern sollten.

Felix Baumgartner jubelt nach seiner Landung aus der Stratosphäre.

Felix Baumgartner nach seiner Landung aus der Stratosphäre

Auch Extremsportler Felix Baumgartner vermochte es, mit waghalsigen Sprüngen als Base-Jumper und anderen Aktionen viele Menschen zu begeistern. 2012 sprang er aus einer Höhe von 39 Kilometern und durchbrach im freien Fall als erster Mensch die Schallmauer. Im vergangenen Jahr verunglückte Baumgartner bei einem Flug mit einem motorisierten Gleitschirm.

Psychologisches Phänomen Sensation Seeking

Extremkletterer Honnold wird oft als High Sensation Seeker bezeichnet. Sensation Seeking nennt man in der Psychologie das Phänomen, das man sowohl als Sensationssuche als auch als Empfindungen-Suche übersetzen könnte.

Es gibt Menschen, die eine erhöhte Tendenz zum Sensation Seeking haben. Sie haben ein großes Bedürfnis nach neuen, abwechslungsreichen und intensiven Sinneseindrücken und Erfahrungen. Vor allem bei Menschen zwischen 16 und 20 Jahren sei dieses Phänomen ausgeprägt, informiert die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen.

Was lösen die extremen Kletter-Events von Alex Honnold bei jungen Menschen aus? Einen Nachahmungseffekt? 

Grundsätzlich sei es sogar gut, wenn Jugendliche Risiken eingehen, sagt die Unfallkasse. "Jugendliche sollten ausreichend Gelegenheit erhalten, Abenteuer zu erleben, Risiken einzugehen und zu bewältigen, sich auch individuell zu erproben, um kontrolliert eigene Grenzen kennen zu lernen." Es gehe darum, zu lernen, "sich ohne unkalkulierbare Risiken 'riskant' verhalten zu können".

Und wie würde es bei Jugendlichen und anderen ankommen, wenn sie am Bildschirm live den Tod eines Extremsportlers erleben?

Kritik an Live-Übertragung bei Netflix

Claudia Paganini

Claudia Paganini, Philosophin und Theologin

Die österreichische Philosophin und Theologin Claudia Paganini kritisiert die Liveübertragung der Wolkenkratzer-Besteigung bei Netflix. "Ich halte die Live-Übertragung eines potenziell tödlichen Risiko-Events für problematisch", sagte sie der Deutschen Welle, "weil Medien damit nicht mehr nur dokumentieren, kommentieren und einordnen, sondern das Ereignis als Spektakel aktiv mitproduzieren."

Eine ganz andere Kritik an dem Wolkenkratzer-Spektakel hat der Extremschwimmer André Wiersig aus Paderborn. Nur mit Badehose, Kappe und Schwimmbrille bestückt treibt es ihn immer wieder hinaus ins offene Meer. Als einer der wenigen Menschen überhaupt hat er die Ocean's Seven bezwungen. Das sind die sieben am schwersten zu durchschwimmenden Meerengen der Welt. 

Extremschwimmer mit Anliegen

Extremschwimmer und Meeresbotschafter André Wiersig mit Taucherbrille im Wasser

André Wiersig, Extremschwimmer

Beruflich ist Wiersig durch seinen Sport zum Speaker und Meeresbotschafter geworden, unter anderem für die Deutsche Meeresstiftung. Und hierin sieht er auch den Unterschied zu Extremkletterer Honnold, wie er sagt:

"Ich will die Leute in Resonanz bringen mit der Natur. Die Frage ist: Was bringt dieses Kletter-Event in Resonanz? Faszination! Dann scrollt man weiter. Super." André Wiersig, Extremschwimmer und Meeresbotschafter 

Mit seinem Extremsport hat Wiersig ein Anliegen: "Ich nehme die Leute mit raus aufs Meer und zeige ihnen, wie es ist", sagt er. Das Meer sei eigentlich ganz anders, als man es am Strand und auf dem Surfbrett wahrnehme. "Ich erlebe das Meer in seiner Verletzlichkeit - mit all dem Plastikmüll, der Überfischung oder auch dem Klimawandel, der sich durch veränderte Strömungen zeigt", sagt Wiersig. "Trotzdem werde ich gut behandelt von den Tieren. Es ist alles wunderschön da draußen."

Die Gefahren im Meer sind zwar nicht alle tödlich. Aber die Todesgefahr ist immer da, wenn Wiersig draußen schwimmt. In seiner Nähe fährt immer ein Boot. "Aber meine Crew könnte nicht immer eingreifen. Sie könnte sich selbst in Gefahr begeben, zum Beispiel bei einem Hai-Angriff", sagt er. Gefahren lauern außerdem durch Tiere wie Quallen, durch Plastikmüll, in dem er sich verheddern kann, oder durch unbekannte Strömungen in den teils bitterkalten Gewässern.

Wiersig: Risiko im Alltag zum Teil viel größer

"Ich gehe das Risiko bewusst ein. Auch meine Familie und meine Crew stehen dahinter." Es komme darauf an, sich Risiken bewusst zu machen und sie gut einschätzen zu können, sagt Wiersig. Für viel risikoreicher als kilometerlange Schwimmstrecken im Meer hält Wiersig vermeintlich banalere Situationen: "Wir haben uns an viele Risiken gewöhnt. Sie sind alltäglich geworden. Ich gehe zum Beispiel nicht das Risiko ein, auf der Autobahn ans Handy zu gehen."

Unsere Quellen:

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 23.01.2026, 6.00 Uhr

"Skyscraper Live" auf Netflix: Das steckt dahinter

WDR 5 Das Wirtschaftsmagazin - aktuell 23.01.2026 06:16 Min. Verfügbar bis 23.01.2027 WDR 5


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