Drogenszene statt Dom
Während auf dem Kölner Neumarkt bereits die Sternenbeleuchtung vom Weihnachtsmarkt den Himmel erhellt, beugen sich an der gegenüberliegenden Bushaltestelle drei Menschen Richtung Boden. Zwischen Plastikmüll und Taschentüchern suchen sie nach Spritzen und Tütchen.
Als Markus R., der nicht mit vollständigem Namen in den Medien auftauchen möchte, im Vorbeilaufen darauf aufmerksam wird, lächelt er schief. "Fast wie bestellt."
Denn die Stadtführung, die der 41-Jährige an diesem Novemberabend anbietet, führt nicht an den Kölner Wahrzeichen wie dem Dom vorbei. Sie zentriert sich um den Neumarkt - einen einer der größten Drogenhotspots NRWs. 13 junge Menschen sind hierhergekommen, um mehr über die Kölner Drogenszene zu erfahren. Von einem, der selbst mal Teil von ihr war.
Warum macht Markus R. die alternativen Stadtführungen?
00:24 Min.. Verfügbar bis 27.11.2027.
Es hätte nicht viel gefehlt, da hätte Markus R. eine solche Führung niemals anbieten können. Wenn dieser eine Tag vor neun Jahren auf der Parkbank gegenüber des Einkaufszentrums Neumarkt Galerie ein anderes Ende genommen hätte. Wenn sich die Frau nicht zu ihm und seinen beiden Frettchen auf die Bank gesetzt hätte. Denn dann wäre er jetzt vielleicht tot, sagt R.
Wie Crack Kölner Abhängige dominiert
2023 und 2024 starben laut der Kölner Polizeistatistik jeweils mehr als 80 Menschen in Köln in Folge illegalen Drogenkonsums. Die Zahlen schwanken, die Tendenz ist insgesamt über die vergangenen 20 Jahre jedoch steigend. Es gibt keine verlässlichen Angaben dazu, wie viele Drogenabhängige in Köln leben. Schätzungen bewegen sich zwischen 800 und 5000. Die meisten von ihnen sind wohnungslos, manche leben auf der Straße.
Die Szene wächst seit Jahren. Vor allem, seit Crack in Köln angekommen ist. Die Droge wird aus pulverförmigem Kokain und Backpulver oder Ammoniak und Wasser hergestellt und in einer Pfeife geraucht. Laut einer Studie des NRW-Gesundheitsministeriums ist es derzeit die am meisten konsumierte harte Droge in Köln. Allein zwischen 2023 und 2024 hat sich die Zahl der Konsumenten mehr als verdoppelt.
Ein Leben mit der Sucht
Als R. im Spätsommer 2016 nach Köln kam, war auch er schwerstabhängig von Crack. Zusätzlich konsumierte er Heroin, Kokain und Cannabis. Er lebte damals in Frankfurt auf der Straße. Eines Morgens wachte er auf, sein Bein war grau angelaufen. "Das hat in mir den Selbsterhaltungstrieb geweckt", erzählt R. rückblickend.
Mit elf Jahren rauchte R. im Heim seinen ersten Joint. Später nahm er Ecstasy und Speed, ging nicht mehr zur Schule, kam 13 Mal ins Gefängnis und lebte in 25 Städten, meistens auf der Straße.
Dann die Flucht nach Köln. Er hatte die Stadt als eine in Erinnerung, in der es keinen offenen Konsum gab. Also keine Menschen, die in der Öffentlichkeit Drogen konsumieren, auf dem Bürgersteig, in der U-Bahn, vor Geschäftseingängen. "Das hat sich inzwischen stark zum Negativen verändert."
So blickt Markus R. auf die Kölner Drogenszene
00:32 Min.. Verfügbar bis 27.11.2027.
Während er das erzählt, stehen die Teilnehmenden seiner Stadtführung um ihn herum. Im Hintergrund rotzt ein Mann auf den Boden, am Lenker seines Fahrrads zahlreiche Plastiktüten.
Die Rettung aus der Abhängigkeit
Seit April bietet R. die Touren gemeinsam mit dem Betreiber und Aktivisten des Instagram-Accounts "Koeln.trash" an. Um die 30 Stück habe er seitdem gemacht, sagt R. Er erzählt dabei seine Geschichte, wie es sich anfühlt, Heroin zu nehmen - "ein wohlig warmes Gefühl, wie vorm Einschlafen, aber du musst sofort kotzen" - oder zeigt seinen ehemaligen Schlafplatz.
Als Markus R. in Köln lebte, war dies sein Schlafplatz
00:24 Min.. Verfügbar bis 27.11.2027.
"Willkommen in der Casa Markus", sagt er, als er vor dem überdachten Notausgang von Galeria Karstadt in der Breite Straße steht und sich den nächsten Joint dreht, seine letzte verbliebene Sucht. Kein Vergleich zu seinem Konsum vor neun Jahren. Bis zu jener schicksalhaften Begegnung auf Parkbank vor der Neumarkt Galerie.
Damals fütterte R. seine Frettchen auf der Parkbank, als sich eine Frau neben ihn setzte. Sie gab ihm etwas zu essen und sprach mit ihm. Zwei Wochen lang kam sie jeden Tag wieder. Als R. festgenommen wurde und von der Straße verschwand, telefonierte sie Krankenhäuser ab, um ihn zu finden. Sie zahlte seine Kaution und besorgte ihm eine Wohnung. Inzwischen sind R. und sie seit fast zehn Jahren ein Paar. "Die Liebe hat mich gerettet", sagt R. Seitdem ist er von den harten Drogen weg. Doch nicht für jeden geht es so aus.
"Selbstmord auf Raten"
Mit den anderhalbstündigen Touren will R. nicht nur aufklären. "Ich möchte so viel Geld damit verdienen, dass ich das nutzen kann, um Abhängigen zu helfen", sagt er. Zum Beispiel durch einen Bus am Neumarkt, in dem Abhängige ihre Behördengänge erledigen könnten. "Die Stadt und die Hilfe müssen zu den Konsumierenden kommen."
Er glaubt: Wenn alles so bleibe wie bisher, seien 95 Prozent von ihnen dem Untergang geweiht. "Das, was hier passiert, ist Selbstmord auf Raten."
Warum die Sucht nie ganz verschwindet
Kurz vor 19 Uhr. Inzwischen ist es dunkel. Neben dem Gebäude der Deutschen Rentenversicherung bleibt R. stehen, sichtlich erleichtert. Anders als befürchtet, lungern nur wenige Menschen in der Seitenstraße herum, ihre Silhouetten verschwinden im Schatten. Dies sei eine Stelle, an der offener Konsum alltäglich sei. Besonders nach Sonnenuntergang, ergänzt R. "Auf den Touren kommt es schon mal vor, dass Abhängige aggressiv betteln", sagt R. Schlimmeres sei aber bisher nicht passiert.
Markus R. spricht nicht nur über die Kölner Drogenszene, er zeigt sie
Rechts und links der Lungengasse stecken sich Menschen Drogen zu oder nehmen sie. In der Straße befindet sich auch ein Drogenkonsumraum, in dem Abhängige seit 2022 mit sterilen Utensilien und unter medizinischer Beobachtung konsumieren können. Zwei Polizeiwagen parken am Ende der Straße, ein Teil ist abgesperrt. Polizisten kontrollieren gerade zwei Männer, als R. mit der Gruppe an ihnen vorbeigeht.
Vor dem Haus der Architektur bleibt R. ein letztes Mal stehen. Noch ein Selfie mit der Gruppe. Wenn er "das Zeug" auf den Touren sehe, habe er auch heute immer noch Suchtdruck, sagt R. Doch der Wunsch zu leben ist größer als der Drang nach den Drogen. "Es gibt Leute, die das schaffen. Und einer steht vor euch."