v. l. Rieke Sasse und Melina Di Febo. Rieke Sasse hockt und hält ihre Wade mit dem neuen Tattoo in die Kamera.

Stadtstiche in Gelsenkirchen: Tätowiererin bringt Stadtansichten unter die Haut

Heimatliebe

Stand:

Tätowiererin Melina Di Febo bringt die Lieblingsorte der Gelsenkirchener unter die Haut. Für das Projekt "Stadtstiche" arbeitet sie mit der Stadt zusammen, die die Tätowierungen fördert. Warum sich Di Febos erste Kundin eine Eisdiele unter die Haut stechen lässt.

Von Agata Pilarska

Die Eisdiele Dellnitz in Buer sieht auf den ersten Blick aus wie viele andere, wenn die Sonne im Ruhrgebiet scheint: Kaum ein Tisch ist noch frei. Löffel klirren leise in den Eisbechern, Kinder spielen auf der Wiese, und ein kleiner Hund hofft, dass ein bisschen Vanilleeis auf den Boden tropft. Doch für Rieke Sasse ist dieser Ort viel mehr: ein Stück Kindheit. "Ich bin hier hinter den Häusern aufgewachsen", sagt die 29-Jährige und zeigt auf eine Wohnhaussiedlung hinter der Eisdiele. "Wenn wir im Garten saßen, hat Opa mir immer Geld zugesteckt und mich Eis holen geschickt", erzählt sie.

Heute will sie sich genau diesen Ort tätowieren lassen. Zufällig hat Sasse von dem Projekt "Stadtstiche" der Tätowiererin Melina Di Febo erfahren - und darf als Erste dafür unter die Nadel. Das Prinzip: Die Tattoos werden zum Teil von der Stadt bezahlt und sind deswegen vergleichsweise günstig.

Warum Melina Di Febo das Projekt gestartet hat

00:44 Min. Verfügbar bis 02.06.2027

Die einzige Bedingung: Das Wunschmotiv muss vorher eingesendet werden. Es muss durch einen dafür vorgesehenen Rahmen, eine Postkarte mit rechteckigem Ausschnitt, fotografiert werden. Der Rahmen liegt an vielen öffentlichen Orten in der Stadt aus oder kann zu Hause ausgedruckt werden.

Di Febo hat inzwischen Sasses Wunschmotiv erhalten und arbeitet im Tattoostudio am Entwurf. Die Kopfstütze der Tattoobank hat sie zum iPad-Halter umfunktioniert und zeichnet mit einem Tabletstift das Dach, auf dem eine Eiswaffel mit drei Kugeln thront, mit klaren Linien nach. Den Baum hinter dem Gebäude will sie mit der Dotwork-Technik stechen: Durch viele kleine Punkte erhält die Baumkrone eine fast natürliche Struktur.

Tattoos, gefördert von der Stadt

Di Febo ist nicht allein: Andrea Lamest vom Gelsenkirchener Kulturreferat ist zum Auftakt zu Besuch und wird Augenzeugin, wie aus einem Handyfoto Strich für Strich und Punkt für Punkt eine Tattoo-Vorlage entsteht. Zum ersten Mal fördert die Stadt Gelsenkirchen ein Projekt, das unter die Haut geht.

Eigentlich hatte sich Di Febo mit der Idee für ein Künstlerstipendium beworben, doch das Projekt war zu umfangreich. Stattdessen entstand Stadtstiche in Kooperation mit der Stadt: Ein Projekt, das auch junge Leute abholt, bei dem Menschen mitmachen können und ihre Liebe zur Stadt sichtbar auf der Haut tragen. Di Febos Idee hat überzeugt.

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"Tattoos sind Kunst. Sie gehören zur Kulturgeschichte der Menschheit", sagt Lamest. Sie weiß: Tätowierende haben längst eine eigene Ausdrucksform. "Ich denke, die Zeiten sind vorbei, in denen einfach nur abgepaust wurde", sagt sie. Worte, die Di Febo zu Tränen rühren. "Genau für diese Anerkennung kämpfen wir. Ich habe gerade etwas Gänsehaut bekommen", sagt sie lachend, mit feuchten Augen.

Das Projekt "Stadtstiche"

Einsendeschluss für Tattoo-Wünsche ist der 22. Juni 2025.
Alle Termine finden im Juli statt.
Weitere Informationen auf der Homepage des Projekts

Di Febo hat einen Bachelorabschluss in Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste gemacht. Doch die Tatsache, dass sie Haut statt Leinwände bemalt, macht sie offiziell zur Handwerkerin und nicht zur Künstlerin. Deswegen nimmt die Künstlersozialkasse sie nicht auf, was wirtschaftliche Nachteile nach sich zieht. Denn die KSK übernimmt für freischaffende Kreative den Arbeitgeberanteil zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Ihre Mitglieder müssen also nur etwa die Hälfte der Beiträge selbst zahlen.

Günstig, aber nicht gratis

Im Rahmen von Stadtstiche fördert die Stadt die Tätowierungen, indem sie einen Teil der Druck- und Materialkosten übernimmt. Die Kundinnen und Kunden zahlen 150 Euro pro Tattoo. Normalerweise kostet ein Motiv dieser Größe bei Di Febo das Doppelte. "Ich wollte, dass sich möglichst viele das leisten können", sagt sie. "Aber es soll auch niemand machen, nur weil es umsonst ist. Eine Tätowierung ist etwas, das man bewusst entscheidet."

Melina Di Febos erstes "Stadtstiche"-Tattoo entsteht

00:26 Min. Verfügbar bis 02.06.2027

Sasse ist inzwischen eingetroffen und macht es sich auf der Liege gemütlich. Keine Miene verzieht sie, während die Tattoomaschine leise summt. Di Febo beugt sich immer wieder nah über Sasses Bein. Ihre Kopflampe leuchtet auf den Abdruck, der mit einem speziellen Papier auf die Haut übertragen wurde, und ihr hilft, den Entwurf exakt zu stechen. Zwischendurch lachen die beiden und reden über dies und das. "Das ist genau das, was ich mir gewünscht habe. Ohne dass ich ihr Vorgaben gemacht habe, hat sie sich einen Herzensort ausgesucht", sagt Di Febo.

Rechts im Bild eine Wade mit dem Tattoo einer Eisdiele. Im Hintergrund diese Eisdiele.

Mit der Eisdiele verbindet Rieke Sasse ihre Kindheit

Nach etwa einer Stunde ist das erste Stadtstiche-Tattoo fertig. "Es ist viel schöner geworden als erwartet", sagt Sasse. "Und der Baum sieht so gut aus!" Di Febo signiert es mit einer "01", bevor sie ein Foto davon macht - Künstler nummerieren ihre Werke schließlich auch. Alle Bilder sollen im Herbst ausgestellt werden. Dann lacht Di Febo: "Jetzt müssen wir eigentlich noch ein Eis essen gehen."

Über dieses Thema berichten wir voraussichtlich auch am 02.06.2025 im WDR-Fernsehen: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.