Warum Schuhe auch Emotionen sind: Siegener Schuster gegen Wegwerftrend
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Schuhe werden immer teurer, aber die Qualität nicht unbedingt besser. Schuster Patrick Rasche kennt das Problem. In Siegen repariert er kaputte Schuhe. Warum das nicht nur nachhaltig, sondern manchmal auch ein emotionaler Rettungsanker ist.
Von Julia Arns
Es riecht nach Leder und Maschinenöl. In seiner hellen Werkstatt in Siegen beugt sich Patrick Rasche über einen Turnschuh. Einen, wie ihn aktuell viele tragen. Ein Paar kostet rund 190 Euro. Keine drei Monate wurden sie getragen, schon löst sich die Sohle. Rasche fährt prüfend mit dem Finger über die Naht. "Hier wurde gespart - beim Material, beim Kleber, bei der Produktion. Für den Preis ist die Qualität unterirdisch. Aber wenn ein bekannter Sportler auf Social Media sagt, dass er damit viel schneller gelaufen ist, stürzen sich die Leute darauf. Und kaufen schlicht billig produziertes Plastik", sagt er.
Reparieren statt wegwerfen
Der 33-jährige Schuster repariert alles: Designerschuhe, kaputte Sandalen, eingelaufene Gummistiefel, Gürtel und Taschen. Die Türglocke läutet und eine Kundin kommt herein. Ihre teuren Lederschuhe sind kaputt. Für Rasche ein weiteres Indiz dafür, dass die Qualität der Schuhe abnimmt.
Wann lohnt sich die Reparatur eines Schuhs?
00:35 Min.. Verfügbar bis 24.08.2027.
Als gelernter Orthopädieschuhmacher wusste Rasche nach einem Praktikum beim Schuster: Das ist es. Heute ist er nicht einfach nur Schuhmacher - er ist Überzeugungstäter. Bei seiner Arbeit treibt ihn nicht nur der handwerkliche Ehrgeiz an, sondern auch der Nachhaltigkeitsgedanke. Er kennt die Anatomie eines Fußes ebenso wie die Anatomie eines guten Schuhs.
Preise steigen, Qualität lässt nach
Die Deutschen haben letztes Jahr fast zwölf Milliarden Euro für Schuhe ausgegeben, steht in den Statista Market Insights. Tendenz steigend. Gleichzeitig ist die Qualität für den Preis nicht überall angemessen. Generell sei der Preis kaum ein verlässlicher Maßstab, so Rasche. Denn produziert werde meist billig in Asien. Die Arbeitskräfte vor Ort werden dabei unter hohen Zeitdruck gesetzt und arbeiten mit minderwertigen Materialien unter häufig fragwürdigen Arbeitsbedingungen.
Fast vier Paar Schuhe kauft jeder Deutsche pro Jahr, sagen die Statistiker. Dabei schmeißen noch deutlich mehr Menschen ihre kaputten Schuhe weg, anstatt sie reparieren zu lassen. "Früher hielten Schuhe viele Jahre. Heute wird immer schneller, immer billiger produziert und der Müllberg weggeworfener Schuhe wächst immer weiter", sagt Rasche. Sogar Markenschuhe für rund 600 Euro können schnell kaputtgehen, weiß er aus Erfahrung.
"Heute kann kaum noch jemand echtes Leder von Kunstleder unterscheiden. Sogar den Geruch haben sie imitiert. Und die Lederzertifikate sagen nur aus, dass sich irgendwo am Schuh echtes Leder befindet, aber nicht wie viel", sagt der Schuster.
Nachhaltigkeit wird wichtiger
Der 33-Jährige will aufklären und sensibilisieren. Das tut er mit Begeisterung. Denn für ihn ist ein reparierter Schuh kein Auslaufmodell, sondern ein Gewinn: für den Träger, die Umwelt, die Gesellschaft. Und Rasche merkt: Es tut sich etwas.
In den letzten Jahren würden immer mehr Menschen umdenken. Sie fragen nach, wollen wissen, was sie tragen, und lassen reparieren.
Wer lässt seine Schuhe reparieren?
00:30 Min.. Verfügbar bis 24.08.2027.
Eine Kundin hat bei Rasche gleich drei Paar Schuhe abgegeben. Zusammen kostet sie die Reparatur knapp 50 Euro. Das lohnt sich, findet sie bei der Abholung: "Ich liebe diese Schuhe und habe viel Geld dafür ausgegeben. Und ich denke, dass es eine Frage der Nachhaltigkeit ist."
Schuster Rasche freut sich über jedes Paar, das nicht auf dem Müllberg landet. Nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit. Manche Schuhe haben einfach eine Geschichte für ihre Träger. Erinnerungen an Hochzeiten, Reisen oder besondere Tage. Rasche sagt: "Diese Erinnerungen zu retten, ist das Schönste an meinem Beruf."
Über dieses Thema haben wir auch am 24.06.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Südwestfalen, 19.30 Uhr.