Die Restauratorin von Burg Linn: Präzisionsarbeit mit uralten Scherben
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Eileen Wolff hat täglich mit Jahrtausende alten Fundstücken zu tun. Sie arbeitet als Restauratorin im Museum Burg Linn. Was Archäologen aus Krefelds Boden ausgraben, landet auf ihrem Tisch, um wiederhergestellt und sichtbar gemacht zu werden. Eine Arbeit, die großes Wissen, Erfahrung und handwerkliche Präzision erfordert.
Von Helge Drafz
Eileen Wolff nimmt etwas feuchten Ton, knetet ihn mit der rechten Hand und drückt die weiche Masse gegen die Innenwand eines grauen Tongefäßes, das vor ihr auf dem Arbeitstisch steht. Wolff versucht so, die stark beschädigte, löchrige Keramik zu verstärken, die im Augenblick nur aus einigen zusammengesetzten Tonscherben besteht. Ein Puzzlespiel, nur dass hier alle Bausteine fast gleich aussehen und manche fehlen.
Burg Linn: Zeugnisse vergangener Zeiten
Wolff ist Restauratorin im Museum Burg Linn in Krefeld. Ihre Hauptaufgabe ist, Relikte aus der Vergangenheit wieder sichtbar zu machen. Ihr Arbeitsplatz: eine vom Tageslicht durchflutete Werkstatt mit Blick auf den Park von Burg Linn, an den Wänden Regale und im Raum Arbeitstische, auf denen beschriftete Kartons liegen. In jeder Schachtel wartet neue Arbeit auf Wolff.
Glück beim Fundstück erleichtert die Arbeit von Eileen Wolff
00:15 Min.. Verfügbar bis 14.06.2027.
Direkt am Ortseingang von Linn befindet sich das Archäologische Museum. Besucher können hier auf eine Zeitreise gehen durch die vergangenen 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte am Niederrhein. Nur ein paar Meter von der Altstadt entfernt steht die Burg Linn. Sowohl die 900 Jahre alte Wasserburg als auch das daran angrenzende barocke Jagdschloss befinden sich im Burgpark. Hier findest du noch mehr Infos zum Krefelder Stadtteil Linn.
Die Arbeit der Restauratorin
Das Teil, an dem Restauratorin Wolff gerade arbeitet, sieht aus wie eine bauchige Vase. Unscheinbar, aber sehr kostbar. Es handelt sich um eine Urne aus der Bronzezeit, also rund 3000 Jahre alt. "Glücklicherweise war eine komplette Hälfte erhalten", sagt Wolff. Deshalb habe sie eine Vorstellung von der Form der Urne und könne die restlichen Scherben viel besser einfügen, als wenn sie nur kleine Bruchstücke hätte.
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Wolff kann inzwischen auf viele Berufsjahre und Projekte zurückblicken. So machte sie bereits aus einem korrodierten Klumpen Metallschrott wieder den römischen Offiziershelm, der einst auf einem Schlachtfeld bei Krefeld liegen blieb. Sie brachte Münzen, Waffen und Schmuckstücke, die hunderte oder gar tausende Jahre im Boden verrotteten, wieder zum Glänzen. Und immer wieder restaurierte sie Keramik, so wie jetzt.
Wie wird man Restauratorin?
Schon zur Schulzeit habe sie gewusst, dass sie nach dem Abitur etwas Handwerkliches machen möchte, erzählt Wolff, während sie weitere Scherben zusammensetzt und Leerstellen mit Gips ausfüllt. Der erste Berufswunsch - Vergolderin - erfüllte sich nicht. Sie fand keine Lehrstelle. Also machte die junge Frau eine Ausbildung zur Zahntechnikerin, lernte präzises Arbeiten und Modellieren mit unterschiedlichen Materialien. Anschließend bekam sie einen der begehrten Ausbildungsplätze am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. Die Restaurierungswerkstätten dort gehören zu den größten und renommiertesten der Welt.
Urnen aus der jüngeren Bronzezeit, etwa 1200 bis 800 Jahre vor Christus
Das bestätigt auch Hans-Peter Schletter. Der Stadtarchäologe von Krefeld ist in die Werkstatt gekommen, um zu sehen, was die Restauratorin aus einem Karton voller staubiger Scherben gezaubert hat. Die Urne stammt aus einer Notgrabung im vergangenen Winter. Eines der letzten Wiesengrundstücke am Krefelder Stadtrand soll bebaut werden und wurde von ihm zuvor auf Bodendenkmäler untersucht. Dabei stieß er auf ein bronzezeitliches Gräberfeld.
Warum Bodenfunde immer seltener werden
Urnen seien das einzige, was am Niederrhein aus der Zeit um 1000 vor unserer Zeitrechnung übrig geblieben ist, erzählt Schletter. Die Menschen damals kannten hier noch keine steinernen Häuser, keine Städte. Sie lebten mit ihren Großfamilien in bäuerlichen Streusiedlungen. Ihre Toten verbrannten sie und bestatteten Asche und Knochenreste in Urnen unter kleinen Grabhügeln. Deshalb nennen Fachleute heute diese Epoche auch "niederrheinische Grabhügelkultur".
Hans-Peter Schletter erklärt, warum Bodenfunde immer seltener geworden sind
00:08 Min.. Verfügbar bis 14.06.2027.
"Weil in NRW heute fast jedes Stück Boden bebaut, landwirtschaftlich oder anderweitig genutzt wird, sind unberührte Bodenfunde kaum noch zu machen", sagt Archäologe Schletter. Deshalb seien die 3000 Jahre alten Scherben, die Wolff vorsichtig zusammensetzt, kostbare Zeugnisse.
Und obwohl es für sie Arbeitsalltag ist, sagt die Restauratorin, habe sie eine gewisse Ehrfurcht beim Umgang mit der zart verzierten Keramik: "Ich stelle mir vor, wie die Menschen einst solche Gefäße ohne Töpferscheibe mit ihren bloßen Händen schufen." Und jedes Mal, wenn sie ein Objekt restauriert habe, freue sie sich, ein Stück Vergangenheit sichtbar gemacht zu haben.
Über dieses Thema haben wir auch am 04.03.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Düsseldorf, 19.30 Uhr.