Der Aufstieg hoch in den Kirchturm scheint endlos: Stufe um Stufe, zuerst eine Treppe, dann noch eine, unter den Glocken vorbei, bis statt der Treppenstufen nur noch eine schmale Leiter da ist. Martin Terhardt zählt die Stufen erst gar nicht. "Is' halt so." Der 48-Jährige kommt kaum außer Puste. Er ist seit 30 Jahren Monteur für kirchentechnische Anlagen. Der Turm der evangelischen Dreifaltigkeitskirche in Gelsenkirchen ist heute sein Arbeitsplatz.
Über 100 Jahre hat die Uhr der Kirche im Stadtteil Erle die Zeit angezeigt. Bis Weihnachten ein Zeiger abbrach. Zur Wartung wurden alle Uhrwerke auf den vier Seiten des Kirchturms abmontiert, die Zifferblätter sind seitdem sozusagen nackt. Zusammen mit seinem Kollegen Henrik Kolbe will Terhardt der Uhr heute ihre Zeiger zurückgeben.
So sieht der Weg nach oben bis zur Uhr im Kirchturm aus
00:35 Min.. Verfügbar bis 08.06.2027.
Kolbe hat bereits das Material hochgeschleppt. Seit Februar 2025 ist er mit seiner Ausbildung zum Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik fertig. Für ihn ein Traumberuf. Und: "Man spart sich das Fitnessstudio."
Werkzeug unten zu vergessen, ist ärgerlich
Manchmal passiert es aber, dass man oben feststellt, dass ein bestimmtes Werkzeug fehlt, erzählt der 23-Jährige. "Das ist dann sehr ärgerlich, weil man meistens den ganzen Weg nach unten laufen muss, nur um einen Schraubenschlüssel zu holen."
Henrik Kolbe darüber, was die Arbeit in einer Kirche für ihn bedeutet
00:17 Min.. Verfügbar bis 08.06.2027.
Jahrhundertelang waren Kirchturmuhren für die meisten Menschen die einzige Möglichkeit, die Zeit abzulesen. Die älteste erhaltene Turmuhr in Deutschland steht der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz zufolge in Forchtenberg in Baden-Württemberg: Im Uhrgestell ist die Jahreszahl 1483 eingeritzt. Die Uhr der Dreifaltigkeitskirche ist dagegen viel jünger, die Kirche wurde 1903 eingeweiht.
Arbeiten auf engstem Raum
Im Turm bringen die beiden Monteure die Zeigerwerke auf den Rückseiten der vier Zifferblätter an. Viel Platz zum Arbeiten ist nicht, sie müssen sich am Gebälk vorbei zwängen. Jetzt kommen sie doch noch ins Schwitzen. "Die Arbeit ist bei der Hitze hier oben schon sehr anstrengend", sagt Kolbe. "Draußen sind zwar nur zwanzig Grad, aber durch das Kupferdach heizt sich das extrem auf", erklärt Terhardt.
Dann sind die Zeiger dran. Sie sind aus Kupfer, mit 24 Karat vergoldet und werden von außen angebracht. Der Steigerkran steht bereit und fährt Terhardt auf 30 Meter Höhe - diesmal ganz bequem. Kolbe arbeitet innen weiter. "Wir haben schon Wettersituationen gehabt, wo wir an der Krangondel gehangen haben und uns der Wind vom Zifferblatt weggedreht hat", erzählt Terhardt. Dann bliebe nur, abzubrechen. Heute spielt das Wetter mit.
Mit dem Steigerkran auf 30 Metern Höhe
00:33 Min.. Verfügbar bis 08.06.2027.
Terhardt bringt auf allen vier Turmseiten je einen Minuten- und Stundenzeiger an und stellt die Uhren auf zwölf Uhr.
Nichts passiert - die Uhr steht zunächst immer noch still
Wieder am Boden kommt der entscheidende Moment: Werden die Uhren funktionieren? Terhardt schaltet die Sicherung ein, aber nichts passiert. Für die beiden Monteure heißt das, wieder nach ganz oben zu steigen, um den Fehler zu suchen. Der ist schnell gefunden: Zwei Drähte waren nicht miteinander verbunden. Endlich läuft die Uhr, die Gelsenkirchener können die Zeit wieder vom Kirchturm ablesen.
Am Ende ist es geschafft: Die Uhr funktioniert wieder
"Man hat jeden Tag andere Sachen und immer neue Herausforderungen", fasst Terhardt zusammen, was er an seinem Job so liebt. Kolbe sagt: "Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen: Ich habe daran mitgewirkt, dass das wieder funktioniert."
Über dieses Thema haben wir auch am 03.06.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit aus Dortmund, 19.30 Uhr.