"Ich möchte Stefan auf keinen Fall zurück auf die Straße schicken"
Rhein-Erft-Kreis | Füreinander
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Monika Keila hat den obdachlosen Stefan Becker in diesem Winter bei sich zu Hause aufgenommen. Sie hatte Mitleid mit ihm, weil er ständig draußen in der Kälte saß. Und in ihrem Haus war vorübergehend ein Zimmer frei. Jetzt sucht die Rentnerin händeringend eine neue Bleibe für ihn.
Von Anke Bruns
An jenem Tag Mitte Dezember 2025 ist es nass und kalt. Typisch für diese Jahreszeit. Aber Monika Keila macht das nichts aus. Sie geht trotzdem mit ihren Hunden Lilly und Roxy durch den Wesselinger Rheinpark. Zielbewusst steuert die 77-jährige Rentnerin die Bank neben dem Toilettenhäuschen an.
Dort sitzt seit Wochen ein obdachloser Mann. Monika Keila hat ihn schon öfter gesehen und sich fest vorgenommen, ihn heute anzusprechen. "Draußen wurde es einfach immer kälter. Und es hat mich gerührt, wie er da jeden Tag saß, mit seinem Rucksack und einer Flasche Limo neben sich", erinnert sie sich.
Rentnerin in Wesseling sucht dringend Wohnung für Obdachlosen
Lokalzeit aus Köln. 23.02.2026. 04:18 Min.. Verfügbar bis 23.02.2028. WDR. Von Anke Bruns.
Stefan Becker wartet wie jeden Tag auf die Schulkinder. "Einige von ihnen haben nach der Schule immer ihre Pfandflaschen in die Mülleimer geworfen. Die hab ich mir dann rausgefischt und von dem Geld was zu essen gekauft", erzählt er. "Wenn es keine Flaschen gab, habe ich mir die Reste weggeworfener Döner aus dem Müll gezogen und gegessen."
Kurz bevor Monika Keila die Bank erreicht, machen sich ihre Hunde los und laufen schnurstracks auf Stefan Becker zu. Das sei für sie ein klares Zeichen gewesen, sagt sie im Nachhinein: "Wenn meine Hunde so vertrauensvoll auf jemanden zugehen, muss ich keine Angst haben." Sie überlegt nicht lange und fragt Stefan Becker, ob sie sich zu ihm setzen darf. Dann erzählt ihr der 48-Jährige seine Geschichte.
Vom Helfer im Ahrtal zum Obdachlosen
Gebürtig kommt Stefan Becker aus dem Ruhrgebiet und ist gelernter Beton- und Stahlbetonbauer. Er hat lange am Bodensee gelebt und gearbeitet. Sein Wendepunkt war die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. "Ich wollte dort unbedingt helfen. Anfangs hab ich mir Urlaub genommen und meine Wochenenden im Ahrtal verbracht. Aber das war auf Dauer zu anstrengend." Schließlich zieht er ganz ins Ahrtal und hilft beim Wiederaufbau.
Nach zwei Jahren bereitet ihm eine offene Wunde am Bein immer mehr Probleme. "Ich dachte, das geht schon wieder weg", sagt er heute rückblickend. Aber die Wunde wird zu einem offenen Bein. Er muss die Arbeit im Ahrtal beenden. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten hat er nichts mehr: keine Arbeit und keine Wohnung.
Neustart im Rheinland
2025 beschließt er, im Rheinland einen Neustart zu wagen. "Die Menschen im Rheinland waren immer so offen und hilfsbereit. Da wollte ich hin. Aber dass es so schwer werden würde, hätte ich nicht gedacht." Nach kurzen Aufenthalten in Köln und Bonn lässt er sich in Wesseling nieder. Eine kleine Stadt im Rhein-Erft-Kreis mit 38.000 Einwohnern. Sein Ziel: schnell eine Wohnung und einen Job finden. Aber das ist gar nicht so einfach. Weil er keine Wohnung findet, schläft er unten am Rhein.
Monika Keila fragt ihn in dem Gespräch, ob ihm die Stadt denn nichts angeboten habe. Daraufhin zeigt er ihr die Fotos aus der städtischen Obdachlosenunterkunft. Die Stadt hatte ihm die Hälfte eines 13 Quadratmeter großen Zimmers zur Verfügung gestellt - für 273 Euro im Monat.
In der Obdachlosen-Unterkunft konnte Stefan nur drei Nächte verbringen
Der Raum ist von oben bis unten zugemüllt. Alles Hinterlassenschaften des vorherigen Bewohners. Überall blühte schwarzer Schimmel. Drei Nächte habe er es dort ausgehalten, erzählt er ihr. Dann sei er da raus. "Lieber schlafe ich draußen, als in diesem Loch zu hausen."
Rentnerin lässt Obdachlosen bei sich wohnen
Die Bilder aus der Unterkunft schockieren die Rentnerin. Spontan bietet sie dem 48-Jährigen ein Zimmer in ihrem Haus an. Das Zimmer gehört eigentlich ihrem Enkel, aber der ist für einige Wochen fort. So zieht Stefan Becker mit seinen wenigen Habseligkeiten bei ihr ein.
Die beiden sind eine Art Zweck-WG. Sie kocht für ihn mit, wenn er möchte. Er geht mit den Hunden raus, wenn sie es möchte. Nichts muss. Alles geht. Oft sitzen sie stundenlang am Esstisch und reden. "Einige aus meinem Bekanntenkreis haben gesagt: Bist du verrückt? Wie kannst du einen Wildfremden bei dir aufnehmen? Aber ich finde unser Miteinander gut." Und Stefan Becker findet das auch. Monika Keila war anfangs davon überzeugt, dass sie ganz schnell eine neue Bleibe für ihn findet. Die ehemalige Kindergärtnerin ist gut vernetzt. "Ich hab überall gefragt, auch bei der Stadt."
Stefan Becker und Monika Keila
Der Bürgermeister schrieb ihr, Stefan Becker habe ja das halbe Zimmer in der Unterkunft, das man ihm angeboten habe, abgelehnt. Mehr könne man nicht für ihn tun. Monika Keila findet das unmöglich: "Wie kann die Stadt jemanden, der immer gearbeitet, anderen in der Not geholfen und Steuern gezahlt hat, bloß so im Stich lassen?"
Freie Wohnungen sind Mangelware in Wesseling
Auf WDR-Anfrage schreibt die Stadt, dass sie aus Datenschutzgründen nichts zu dem Fall sagen dürfe. Freie Wohnungen seien in Wesseling Mangelware. "Leerstände auf dem freien Wohnungsmarkt sind - insbesondere für Geringverdienende oder Transferleistungsempfänger - kaum vorhanden." Das Zimmer in der Obdachlosenunterkunft sei allerdings inzwischen gereinigt worden, so die Stadt-Sprecherin.
Stefan Becker möchte nicht in die Unterkunft zurück. "Ich hätte gerne eine kleine, bezahlbare Wohnung und einen Job. Das wäre für mich wie ein Sechser im Lotto." Jetzt geht er nochmal persönlich zum Sozialamt. Monika Keila begleitet ihn. Sie ist fest entschlossen, alle Register zu ziehen. Denn ihr Enkel braucht sein Zimmer zurück. "Aber ich möchte Stefan auf keinen Fall zurück auf die Straße schicken."
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Köln, 23.02.2026, 19.30 Uhr.