"Die find ich süß, die find ich süß und die find ich auch süß!", stellt die neunjährige Ida fest und zieht eine Tierkarte nach der anderen aus einem Stapel heraus: eine Giraffe mit ihrem Baby, ein Zebra, ein Elefantenjunges mit seiner Mutter. "Wenn du dir die Tiere jetzt anguckst, was soll es denn für ein Armband sein? Eines, das dir Mut gibt oder Kraft? Ein Erinnerungsarmband an deinen Papa oder ein Beschützmich-Armband?", fragt Trauerbegleiterin Nanis Taha. Denn Ida möchte heute gerne ein Armband basteln. "Ein Beschützmich-Armband." Da muss Ida gar nicht lange überlegen.
Ida teilt ihre Gedanken beim Basteln
00:12 Min.. Verfügbar bis 23.02.2027.
Idas Vater starb, da war sie fünf Jahre alt. Sie ist eines von rund 800.000 Kindern in Deutschland, die laut des Familienportals NRW ein oder beide Elternteile verloren haben. Seitdem wird Ida von dem Verein Himmelsfalter e.V. begleitet. "Wir schauen, was braucht die Person gerade und was sind ihre Ressourcen", beschreibt Taha die Aufgabe ihres Vereins.
Was macht der Himmelsfalter e.V.?
"Für Kinder gab es sowas hier im Kreis nicht", fügt Taha hinzu. Sie ist eigentlich Ärztin und Palliativmedizinerin. Gemeinsam mit Kolleginnen und unter anderem der Hospizbewegung Herford e.V., gründete sie 2020 den Verein Himmelsfalter. Aktuell begleitet Taha mit ihrem Team 24 Kinder, die entweder bald ein Elternteil verlieren werden oder bereits verloren haben.
- Auch in Essen gibt es eine Trauergruppe speziell für junge Menschen. Hier haben wir sie einen Nachmittag begleitet.
"Für uns war es wichtig, dass wir nichts falsch machen", sagt Taha. Für die Trauerbegleitung machte sie eine zusätzliche Ausbildung zur systematischen Kinder-, Jugend- und Familientrauerbegleiterin. "Unser Ziel ist es ja, dass wir gesunde junge Erwachsene bekommen und wenn jemand nicht richtig trauert, kann es zu abnormen Trauerreaktionen kommen." Dabei spielen auch die verbliebenen Angehörigen eine Rolle.
"Es kümmert sich jemand mit"
Idas Mutter Claudia Günther und Trauerbegleiterin Susanne Diekmann sitzen auch mit am Tisch. Diekmann hat schon alles für das Basteln des Armbands vorbereitet: diverse Kisten mit glitzernden Perlen, verschiedenste Farben Garn, ein Haufen goldener und silberner Anhänger. Währenddessen setzt sich Nanis Taha mit Claudia Günther auf das Sofa. "Mir helfen am meisten die Gespräche", sagt Günther.
Warum Claudia Günther die Gespräche mit Nanis Taha eine Stütze sind
00:28 Min.. Verfügbar bis 23.02.2027.
Taha wendet sich Ida zu. "Wir gehen jetzt spazieren und gucken, ob du noch was findest, was du für dein Armband aufgreifen möchtest. Hast du Lust?" Ganz wichtig bei der Trauerbegleitung ist ihr, sich niemandem aufzudrängen und zu schauen, was derjenige gerade braucht.
Auf Entdeckungstour
Die Gruppe um Ida macht sich auf den Weg. Sie bleibt vor einer bunt bemalten Garage stehen. Hier entdeckt Ida verschiedene Symbole und Wörter: die Welt, das Wort Liebe, eine Sonne und eine Rakete. "Eigentlich auch etwas, was ein gutes Gefühl vermittelt oder?", fragt Taha dann. Findet Ida auch.
Ida und Nanis Taha suchen auf einem Spaziergang nach Inspirationen für Idas Armband
00:33 Min.. Verfügbar bis 23.02.2027.
Auch für Claudia Günther spielen die Treffen mit den Trauerbegleiterinnen eine große Rolle. "Das ist einfach schön, bestärkt zu werden und auch nochmal was anderes als in der Familie und im Freundeskreis, weil das Thema viel präsenter ist." Ida freut sich jedes Mal, wenn sie etwas mit den Himmelsfaltern unternimmt. "Wir machen viel zusammen und das ist richtig schön."
Ein Armband, das beschützt
Wieder zurück am Basteltisch. Ida fischt glitzernde schwarze Perlen aus der Kiste, ein paar lilafarbene und weiße und einen goldenen Anhänger. Diekmann hat eine Idee: Zwischen jede Perle machen sie einen Knoten, bei dem Ida sich was wünschen kann. Sie hat in den letzten Jahren viel mit Ida gebastelt und weiß: "Wenn man gleichzeitig seine Finger bewegt und in Aktion ist, dann kann man sich besser öffnen."
Ida macht den ersten Knoten. "Weißt du schon, was du dir wünscht?", fragt Diekmann. "Vielleicht, dass ich nicht mehr so alleine bin?", antwortet Ida. Weitere Knoten, Wünsche und Perlen später ist das Armband fertig. Stolz zeigt Ida es ihrer Mama: "Das beschützt mich jetzt und das hat alle meine Wünsche in den Knoten."
Auch das selbstgemachte Armband soll Ida helfen, mit ihrer Trauer umzugehen
Wie lange eine Trauerbegleitung geht, kann Nanis Taha nicht sagen. "Manche brauchen nur ein oder zwei Gespräche, andere brauchen uns immer wieder." Diekmann fügt hinzu: "Das Schönste ist natürlich, wenn sie irgendwann sagen: 'Wir brauchen euch nicht mehr'".
Über dieses Thema haben wir auch am 15.01.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.