Eine Frau mit kurzen Haaren schaut in die Kamera. Sie trägt eine schwarze Weste mit bunten Stickern. Im Hintergrund werden Haare geschnitten.

Kostenloser Haarschnitt: Friseurin gibt Bedürftigen ein Stück Würde zurück

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Ein Friseurbesuch ist ein Luxus, den sich Hilfsbedürftige und Obdachlose meist nicht leisten können. Tanja Temming fährt daher am Wochenende durch Nordrhein-Westfalen, um ihnen einen Haarschnitt zu schenken. Bei ihrem Einsatz in Recklinghausen erhielten 25 Menschen nicht nur einen neuen Look, sondern auch ein Stück Würde und Selbstwertgefühl zurück. 

Von Gianna Robert

In ihrer Lederweste kommt Tanja Temming zum heutigen Einsatzort, der Gastkirche in Recklinghausen. Kamm, Scheren, Haarspray, Föhn - die 48-Jährige hat alles dabei, um Obdachlosen und Hilfsbedürftigen einen Haarschnitt zu schenken.

Temming ist gelernte Friseurin und arbeitet in einem Salon in Dülmen. Seit sechs Jahren ist sie zudem bei der Organisation Barber Angels Brotherhood aktiv. Die Mitglieder sind in ganz Europa unterwegs und bieten Obdachlosen und Hilfsbedürftigen ehrenamtlich Haarschnitte an - in Bahnhofsmissionen, Notschlafstellen und Obdachlosenunterkünften.

Das Ehrenamt bedeutet Tanja Temming viel

00:16 Min. Verfügbar bis 30.05.2027

Der Verein Barber Angels Brotherhood wurde 2016 vom Friseurmeister Claus Niedermaier in Baden-Württemberg gegründet, nachdem ihn ein Fernsehbericht über frierende Obdachlose tief berührte. Was als spontane Hilfsaktion begann, hat sich zu einer international aktiven Bewegung mit über 800 Mitgliedern entwickelt. 2024 wurde Gründer Claus Niedermaier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Besonders ist nicht nur das Engagement der Barber Angels, sondern auch ihr Auftreten: In schwarzen Lederwesten mit Vereinslogo, der sogenannten "Angel Uniform", treten sie wie eine Rockergruppe auf, um Hemmschwellen abzubauen und Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Ein Friseurstuhl für mehr Würde: Barber Angels in Recklinghausen

Ein Haarschnitt im Salon kostet heute schnell 30 Euro oder mehr. Das können sich viele Menschen nicht leisten, für Menschen ohne festen Wohnsitz meist undenkbar. Allein im Kreis Recklinghausen leben mehr als 2500 Obdachlose, in NRW sind es mehr als 100.000. Steigende Lebensmittelpreise und fehlende Fördergelder verschlechtern ihre Situation weiter.

Eine Frau mit Brille schneidet einem Mann die Haare.

Für Ferdi ist das Angebot der Barber Angels sehr wichtig

Den heutigen Einsatz hat Temming gemeinsam mit der Drogenhilfe organisiert. 25 Menschen haben sich für einen Haarschnitt angemeldet. Die Barber Angels sind mit fünf Engeln im Einsatz. "Das ist wie eine Familie geworden. Man kennt sich und freut sich aufeinander", meint Temming.

Ihr erster Gast heißt Ferdi. Die beiden kennen sich schon seit ein paar Jahren, seit die Barber Angels nach Recklinghausen kommen. Vor ein paar Monaten waren sie zuletzt hier. Ferdi erzählt der Friseurin von seinen Problemen. Sie hört zu und schneidet seine Haare. Dann darf er noch Shampoo, Duschgel und Süßigkeiten mitnehmen. Als er den Salon verlässt, wirkt er zufrieden. "Ich sehe toll aus", sagt er.

Dann geht es weiter: Einer nach dem anderen kommt herein: Männer, Frauen, Jugendliche. Einige Gäste sprechen über ihre Probleme und bedanken sich herzlich bei den Barber Angels.

Auch Stephan ist Gast und glücklich über seinen Haarschnitt

00:22 Min. Verfügbar bis 30.05.2027

Der Haarschnitt selbst scheint neben den Gesprächen oft zweitrangig, gibt den Gästen aber ihr Selbstwertgefühl zurück. "Ich fühle mich wie neugeboren. Ich fühle mich hier wohl, angenommen und ernst genommen", meint ein Gast, "ihr seid die besten Angels!"

Ein Einsatz, der erdet

Andere Gäste sind eher still, doch am Ende wirken alle zufrieden. "Ich behandle die Gäste ganz normal wie meine Kundschaft im Laden", erklärt Temming, "nur die Gespräche, die sind oft tiefgründiger. Die Menschen hier stehen nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens."

Bei diesem Einsatz läuft alles reibungslos. Das ist nicht immer so. Deshalb ist die Drogenhilfe dabei. An bestimmten Einsatzorten kommen auch Security-Kräfte mit.

Vier Frauen und ein Mann schauen in die Kamera. Sie tragen schwarze Lederwesten mit bunten Aufnähern.

Das Team ist wie eine Familie für Tanja Temming

"Wenn es mal zu Zwischenfällen kommt, sind die schnell wieder unter Kontrolle", erklärt Temming. Sie wünscht sich, dass noch mehr Menschen Zeit und Lust aufbringen, um sich für Hilfsbedürftige zu engagieren.

Drei Stunden und einige neue Frisuren später fegt Temming die Haare vom Boden und packt ihre Sachen zusammen. "Das ist ein gutes Gefühl. Ich fühle mich geerdet und freue mich, anderen geholfen zu haben. Jeder hat seine Päckchen zu tragen und hier merkt man, dass wir doch eigentlich alles haben."

Über dieses Thema haben wir am 22.05.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Münsterland, 19.30 Uhr.