Vanessa Buch steht vor einer Wand an der eine Zeichnung einer Burg und das Wappen von Mönchengladbach hängt. In den Händen hält sie einen Banner mit der Aufschrift "KG Ruet-Wiss-Okerke".

Mit Herz und Hüftschwung: Die außergewöhnlichste Garde Mönchengladbachs

Füreinander

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Tanzen verbindet - das zeigt die besondere Karnevalsgarde KG Ruet-Wiss-Okerke aus Mönchengladbach. Menschen mit und ohne Behinderung trainieren hier gemeinsam für ihren großen Auftritt. Ihnen geht es nicht um Perfektion, sondern um Spaß, Zusammenhalt und Lebensfreude. Ganz Karneval eben.

Von Cindy Glasmacher

Vanessa Buch steht in einem großen Raum. Luftschlangen, Ballons und bunte Regenschirme hängen von der Decke. Etwas nervös blickt sie in Richtung der noch leeren Bühne, vor der bereits viele kostümierte Kinder stehen. "Kannst du mir nochmal schnell den ersten Tanzschritt zeigen?", fragt die 21-Jährige leise eine ihrer Mittänzerinnen. Gleich haben sie mit ihrer Tanzgarde einen Auftritt bei einem Kinderbiwak im Stadtteil Odenkirchen in Mönchengladbach. Ein Auftritt, der alles andere als gewöhnlich im Karneval ist. Denn auf der Bühne tanzen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam.

Vanessa Buch muss nicht zweimal überlegen, warum sie im Karnevalsverein ist

00:06 Min. Verfügbar bis 02.03.2027

Buch hat eine geistige Beeinträchtigung und gehört damit zu den etwa zwei Millionen Menschen in NRW, die laut Statistischem Landesamt eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben. "Manchmal bin ich langsamer als die anderen, aber das ist in der Garde nicht schlimm", sagt Buch. Gerade im Bereich der Freizeitangebote erleben Menschen mit Behinderung häufig noch Aufholbedarf. Wer sich einer Sportmannschaft anschließen, auf Reisen gehen oder an Veranstaltungen teilnehmen möchte, muss meist länger suchen. So erging es auch Stephanie Wintzen.

Mönchengladbach: Die Tanzgarde, in der vieles anders ist

Wintzen hat vor fünf Jahren die Tanzgarde KG Ruet-Wiss-Okerke gegründet, damit ihre Kinder überhaupt in einem Verein tanzen können. Ihre Tochter Anna hat ein organisches Leiden und eine Fußfehlstellung, ihr Sohn ist Autist. "Jedes Kind, jeder Jugendliche und jeder Erwachsene sollte die Chance bekommen, das wunderschöne Brauchtum Karneval kennenzulernen und in einer Garde zu tanzen. Ich kenne leider kaum eine Garde, die auch Menschen mit Beeinträchtigungen aufnimmt", erklärt Wintzen, während in der großen Halle in Mönchengladbach die Einlaufmusik der Tanzgarde ertönt. Lange haben sie dafür trainiert, dass bei dem Auftritt alles sitzt.

Einige Tage zuvor gibt Wintzens Tochter Anna beim Training den Takt vor: "Fünf, sechs, sieben, acht! Anwinkeln und das Bein schmeißen!" Die 14-Jährige unterstützt ihre Mutter bei den Übungseinheiten. "Es ist nicht schlimm, wenn man sich vertanzt. Keiner lacht hier einen aus", sagt Anna Wintzen. Neben ihrer Mutter begleiten eine weitere Trainerin sowie die pädagogische Begleithündin Emma das Training. Die Hündin hilft den Tänzern, wenn sie zur Ruhe kommen wollen.

In einer Ecke des Raums übt Stephanie Wintzen mit einer Tänzerin eine Hebefigur. "Wir trainieren und tanzen anders als andere Garden. Wir üben viel in kleinen Gruppen", erklärt sie. Dadurch können sie besser auf die individuellen Stärken und Schwächen eingehen. "Akrobatikelemente wie ein Radschlag oder ein Handstand sind nicht wichtig für den Tanz. Aber einige von uns können das und dann baut unsere Trainerin das auch ein", sagt Tänzerin Vanessa Buch.

Stephanie Wintzen ist es wichtig, dass sich die Kinder in den Gruppen gegenseitig unterstützen

00:21 Min. Verfügbar bis 02.03.2027

Mittlerweile besteht die Tanzgarde aus 15 Tänzern im Alter von sieben bis 29 Jahren. "Wir haben Kinder mit ADHS, mit Autismus, organischen Leiden, mit Hüftschaden, mit geistiger Beeinträchtigung oder mit Down-Syndrom. Jeder darf mitmachen und es funktioniert", sagt Wintzen. Sie hofft, dass der Erfolg auch andere Garden ermutigt, sich für alle Menschen zu öffnen. Dafür überwinden sie auch gemeinsam ihr Lampenfieber.

Auf der Bühne

Zurück zum Auftritt in Mönchengladbach: "Jetzt geht es los", feuert Stephanie Wintzen ihre Garde an. Alle Tänzer stellen sich in einer geraden Reihe auf. Im Takt marschieren sie auf die Bühne. Zuerst tanzt das Solomariechen, dann die Minigarde und schließlich die gesamte Gruppe gemeinsam. "Wenn die Musik beginnt, fallen mir alle Schritte wieder ein und die Nervosität vom Anfang ist weg", sagt Vanessa Buch, als sie wenig später von der Bühne kommt.

Es ist so weit: Der große Auftritt der Tanzgarde

00:23 Min. Verfügbar bis 01.03.2027

Nach dem Auftritt versammelt sich die Garde um Wintzen. "Das war ...", sagt die Trainerin, worauf die ganze Garde gemeinsam "Spitze" ruft und klatscht. Die nächsten Auftritte in dieser Karnevals-Session können also kommen.

Über dieses Thema haben wir auch am 28.01.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Düsseldorf, 19.30 Uhr.