"Diese Bilder vergisst man nicht": Taubenschützer im Dauereinsatz
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Jahrelang lebten hunderte Tauben unter katastrophalen Umständen in der Deckenkonstruktion einer Bahnunterführung in Essen. Mehr als 50 Freiwillige haben nun geholfen, die Tauben einzufangen und in einen Taubenschlag umzusiedeln. Warum die Aktion für Mensch und Tier belastend war.
Von Björn Henke
"Wir sind es leider gewohnt, tote Tiere zu finden", erzählt Taubenschützerin Nadine Meyer, während sie mit einem Desinfektionstuch die Scheibe ihres Atemschutzhelmes säubert. "Aber das hier ist noch einmal etwas völlig anderes." Die gelernte Krankenschwester aus Essen macht sich gerade bereit für ihre zweite Schicht im so genannten Bernetunnel, einer langen Straßenröhre unter den Gleisen des Essener Hauptbahnhofs.
Unhaltbare Zustände in Essener Tunnel
Hier haben sich über die Jahre hunderte Tauben angesiedelt. Meyer ist eine von mehr als 50 Freiwilligen, die dem Aufruf des Vereins "Grauflügel Essen" gefolgt sind. Drei Tage lang holen sie in Absprache mit dem Veterinär- und Straßenbauamt Taube für Taube aus dem Tunnel heraus, um sie in einem neuen Taubenschlag unterzubringen. Die Eindrücke von ihrem ersten mehrstündigen Einsatz in der Nacht sind bei Meyer noch frisch. "Man läuft auf einer Mischung aus Dämmwolle von der Deckenkonstruktion und toten Tieren. Die Nester für die nächsten Jungtiere sind teilweise aus Knochen toter Tauben gebaut", sagt die 44-Jährige.
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Rund 300 Tiere wurden in der maroden alten Deckenkonstruktion des Tunnels vermutet - am Ende werden die Tierschützer über 500 zählen. Seit Jahren schon war die Situation im Tunnel unhaltbar für Mensch und Tier: Der Kot der Tauben sorgte für einen gefährlichen Schmierfilm vor allem auf dem Radweg. Beim Ein- und Ausfliegen kollidierten Tauben auch immer wieder mit höheren Fahrzeugen. Nahezu täglich fielen Jungtiere aus der Decke auf die Fahrbahn und verendeten qualvoll.
Nun soll die abgehängte Decke komplett entfernt werden, damit der Tunnel für die Nachkommen wilder Felsenbrüter in Zukunft kein einladender Ort mehr ist. "Uns allen geht es darum, den Tieren endlich zu helfen", erzählt Meyer.
Rettungsaktion auch eine mentale Belastung
Damit die Tierschützer möglichst alle Tauben einfangen und in einen Taubenschlag umsiedeln können, ist der Tunnel mit Holzplatten abgeriegelt. Drinnen haben sie Lebendfallen mit Futter aufgestellt, viele der Vögel müssen dennoch aufwendig mit großen Keschern gefangen werden. Jungtiere und Eier sammeln Meyer und ihre Mitstreiter von Hand ein. Kameraaufnahmen, die Meyer für die Lokalzeit gemacht hat, zeigen: Die Aktion ist kein leichtes Unterfangen.
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Neben der körperlichen Anstrengung ist es für die Ehrenamtlichen auch mental belastend. "Ich war nur zwischendurch mal zum Essen und Duschen zu Hause, aber wirklich nicht lange", erzählt Meyer. "Das Einschlafen war eh nicht einfach. Die Bilder vergisst man leider nicht so schnell. Ein Küken ist vor mir auf den Boden gefallen, hat direkt aus dem Schnabel geblutet und ist gestorben."
Meyer kümmert sich schon seit Jahren um verletzte Tiere und ist im "Eiertauschprojekt Essen" aktiv. "Wir kennen die Nistplätze und tauschen dort regelmäßig Eier gegen Gips-Attrappen aus", erklärt Meyer. Die Tierschützer wollen das Elend der Tiere vor allem dadurch bekämpfen, dass sie die Vermehrung verhindern. Ein Taubenpaar bekommt bis zu achtmal im Jahr Nachwuchs, meist zwei Jungtiere. Und die werden schon nach einem halben Jahr selbst geschlechtsreif.
Ein neuer Taubenschlag als Zuhause
Die Tiere, die Meyer und die anderen Helfer an diesem Wochenende im Tunnel einfangen, finden in einem neuen Taubenschlag ein Zuhause. Der ist in zwei Überseecontainern, etwa 65 Meter entfernt vom Bernetunnel, untergebracht.
So sieht es im neuen Taubenschlag aus
Die Tauben sollen den Schlag als ihr neues Habitat annehmen und hier auch ihre Eier legen. Freiwillige des Vereins Grauflügel werden täglich echte Gelege gegen Gipseier tauschen. Bevor die Tiere den Schlag zum ersten Mal verlassen dürfen, wird die Stadt Essen das Deckengewölbe des Tunnels noch mit dichten Metallgittern verschließen lassen, damit eine Rückkehr der Tiere wirklich ausgeschlossen ist.
Über dieses Thema haben wir auch am 04.08.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.